Auto seit 30 Jahren in erster Hand Neuwagen, nein danke

Ein neues Auto ist für sie keine Option: Marion Jaenike fährt ihren Golf seit 1990 – aus Überzeugung und allen Abwrack- und Umweltprämien zum Trotz. Gelungen ist ihr das mit einer einfachen Strategie.
Seit 30 Jahren besitzt Marion Jaenike ihren VW Golf – und denkt nicht an einen Verkauf: »Wenn das alle so täten, wären die Autohersteller wohl schnell pleite«

Seit 30 Jahren besitzt Marion Jaenike ihren VW Golf – und denkt nicht an einen Verkauf: »Wenn das alle so täten, wären die Autohersteller wohl schnell pleite«

Foto: Autohaus Warncke

Die Assistenzsysteme waren früher simpel, aber funktional. Wenn Marion Jaenike in ihrem VW Golf 2, Baujahr 1989, nach Frischluft ist, kurbelt sie die Fenster von Hand herunter. Als Einparkhilfe nutzt sie die großen Fenster – dank guter Rundumsicht braucht es keine elektronischen Sensoren. Nicht einmal eine Servolenkung hat der weiße Volkswagen. »Ja, da muss ich beim Fahren schon zulangen«, sagt die pensionierte Krankenschwester aus Bremen. »Mein Prinz fährt sich etwas derber.«

»Prinz«, so nennt Marion Jaenike ihren automobilen Gefährten. Seit mehr als 30 Jahren begleitet er die Bremerin. Im Frühjahr 1990 wurde der Wagen erstzugelassen. Damals war gerade die Mauer gefallen, aber der Golf war noch ein Produkt aus »West Germany«. SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine überlebte ein Messerattentat nur knapp. Und im Radio dudelte Matthias Reims Schlagerhit »Verdammt ich lieb dich«.

Ja, die Liebe. Marion Jaenike kaufte damals zum ersten Mal ein Auto neu, nachdem sie länger auf den Golf 2 gespart hatte: als Variante 1.6 mit damals flotten 72 PS. Extras wählte sie wenig, doch vier Türen und ein Schiebedach waren ihr wichtig. Die Farbe weniger. »Weiß war gerade einfach da«, sagt die heute 72-Jährige.

Keine größeren Defekte

Über die Jahre wuchs ihr der Wagen ans Herz. Abwrack- und Umweltprämien hin oder her – sich zu trennen im Tausch gegen einen moderneren Wagen ging irgendwann nicht mehr. So kam es, dass sich der biedere Golf seit seiner Erstzulassung in erster, nämlich Marion Jaenikes Hand befindet.

Das ist eine ungewöhnlich lange Bindung im Autoland Deutschland, wo ein schicker Neuwagen ein Statussymbol darstellt. Nach zwei, drei Jahren trennen sich dann viele wieder von ihrem Vehikel, wenn die ersten großen Reparaturen anstehen – und schaffen sich ein neues Modell an.

Auch Marion Jaenike bezahlte viele Reparaturen an ihrem VW. »Aber es waren nie größere Defekte, und auch kein Rost«, erinnert sich die Norddeutsche. Betroffen waren eher Verschleißteile wie Bremsen, Keilriemen oder mal eine neue Starterbatterie – und viele, viele Ölwechsel. Einmal im Jahr gönnt Jaenike ihrem Golf eine große Inspektion in der Werkstatt ihres Vertrauens, wie das prall gefüllte Servicescheckheft belegt.

Bestseller aus Wolfsburg: Der Golf 2 gilt als Erfolgsauto, anders als sein Nachfolger

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Foto:

Autohaus Warncke

Das Attribut »scheckheftgepflegt« gilt als Gütesiegel für Gebrauchtwagen. Beim VW Golf von Marion Jaenike passe besser der Begriff »scheckheftgesprengt« – so viele Einträge habe das Serviceheft inzwischen, sagt Wolf Warncke und lacht.

Ins Autohaus Warncke in Tarmstedt gibt Marion Jaenike ihren alten Volkswagen in Pflege. 2020 bekam die Rentnerin neben einem weiteren Eintrag im Scheckheft einen bunten Blumenstrauß geschenkt – zum H-Kennzeichen. Mit dem Sonderschild für historische Fahrzeuge ist ihr »Prinz« nun offiziell zum Oldtimer geadelt. Wirklich nötig wäre das nicht gewesen. Bei dem Golf 2 ist ein Katalysator nachgerüstet, mit grüner Plakette dürfte Marion Jaenike auch ohne H-Kennzeichen in die Bremer Umweltzone fahren.

Golf 2 – ein Bestseller von VW

Im Autohaus Warncke verkaufen sie inzwischen den Golf in achter Generation. Vom Golf 2 trennen ihn Welten: Heute gibt es ein digitales Cockpit, Hybridmotor und Assistenzsysteme bis zum teilautonomen Fahren.

In der Geschichte von Volkswagen ist der 2er Golf (1983 bis 1991) gleichwohl ein Highlight. Mit mehr als sechs Millionen gebauten Exemplaren gehört er zu den Bestsellern des Herstellers aus Wolfsburg. Dank verzinkter Bleche und guter Konservierung lief der Kompakte mit hervorragendem Rostschutz vom Band. Auch die Motoren erwiesen sich in der Regel als langlebig.

Ein Drehzahlmesser war 1989 noch Luxus, die 220 km/h Spitze schafft der Golf 1.6 auch nicht mit Rückenwind

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Foto: Autohaus Warncke

»Aus heutiger Sicht ist das eine erstaunliche Qualität, die damals abgeliefert wurde – natürlich alles zum technischen Stand seiner Zeit«, sagt VW-Kenner Warncke. Der Golf 3 (1991 bis 1997) sei dann weniger gut gewesen: »In den Neunzigerjahren kam in der Fertigung der Autobauer wohl zunehmend ein Kostendruck auf, der sich hier und da in mangelnder Qualität zeigte.«

Da stellt sich die Frage, ob aktuelle Fahrzeuge wie VW Golf 8, der neue Opel Astra L, ein Tesla oder der Polestar 2 das Zeug zum Klassiker der Zukunft haben. Den Rosttod sterben moderne Autos seltener. Dafür könnten multiple Defekte bei der zunehmend komplexen Elektronik den Exitus bedeuten. Manche raunen gar, moderne Autos seien Wegwerfprodukte. Ein Knackpunkt sind die Steuergeräte. Kfz-Mechatroniker können sie auslesen. Sie zu reparieren, ist etwas anderes.

Wie lange werden die Autos von heute halten?

Die technischen Prüforganisationen zeigen sich optimistischer. »Mit Sicherheit hat jede Generation so ihre Schwachstellen«, erklärt ein Sprecher des TÜV Rheinland. »Früher war es vielleicht die Karosserie, heute mag es die Elektronik sein oder die komplexen Systeme.« Man befasse sich aber insbesondere bei den Fahrerassistenzsystemen schon intensiv mit Prüfmethoden zur Alterung der Systeme und Komponenten sowie der Prüfbarkeit der On-Board-Diagnose (OBD). »Aus Sicht der Hauptuntersuchung wird man vielleicht in 10 oder 15 Jahren rückwirkend sagen können, ob diese Fahrzeuge Wegwerfprodukte waren oder nicht«, so der TÜV Rheinland.

Der neue Golf mag moderner sein – freundlicher schaut der alte

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Foto: Autohaus Warncke

Man könne keine HU-Daten von heute und vor 20, 30 Jahren vergleichen, heißt es bei der Sachverständigenorganisation Dekra in Stuttgart. Dies scheitere an datenschutzrechtlichen Vorgaben, erklärt ein Dekra-Sprecher. Grundsätzlich sei die Komplexität moderner Fahrzeuge natürlich höher als vor einigen Jahrzehnten, speziell im Elektronikbereich. Dadurch erhöhten sich tendenziell die Reparaturaufwände.

Allerdings seien in den vergangenen Jahren sowohl das Durchschnittsalter als auch die Laufleistung von Pkw in Deutschland stetig gestiegen, ergänzt man bei der Dekra. »Das spricht zunächst gegen die These, die Fahrzeuge seien früher robuster und langlebiger gewesen. Wenn die aktuellen Fahrzeuge schlechter wären als in der Vergangenheit, müssten sie eher kürzer laufen als länger.«

Der SPIEGEL sucht Ihre Auto-Geschichten

Denken Sie auch nicht daran, sich von ihrem alten Fahrzeug zu trennen?

Wir möchten Leserinnen und Leser vorstellen, die ihr Auto wie Marion Jaenike seit mehr als 30 Jahren ein Auto in erster Hand fahren. Ein H-Kennzeichen ist keine Bedingung, aber ein Nachweis des Erstbesitzes (z.B. Fahrzeugbrief, wird nicht veröffentlicht). Schön wären außerdem ein paar Sätze zur Historie: Wann wurde der Wagen gekauft, welche besonderen (Fahr-)Erlebnisse gab es und wie viele Kilometer hat das Auto heute auf dem Tachozähler? Und bitte möglichst mit einem Bild.

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Entscheidend ist bei Gebrauchtwagen wohl der Pflegezustand. Marion Jaenike gönnt ihrem »Prinz« einen Tiefgaragenplatz. Dort ist der Wagen vor Wind und Wetter geschützt. Vor Autodieben weniger. Viermal wurde über die Jahre in ihren Wagen eingebrochen – »jedes Mal über das kleine, hintere Seitenfenster«, klagt Jaenike. Zwischenzeitlich sei es gar nicht so einfach gewesen, Ersatz aufzutreiben. Heute bietet Volkswagen Classic Parts Türscheiben für den Golf 2 an. Bei anderen Oldtimern sieht die Ersatzteileversorgung deutlich schlechter aus, wie etwa Alt-Audi- oder Alt-Opel-Fahrer wissen.

In die Stadt stets mit Bus und Bahn

Außergewöhnlich ist zudem die geringe Laufleistung, die Marion Jaenike ihrem VW Golf 2 zugemutet hat. Bis zum H-Kennzeichen-Jubiläum spulte die Bremerin gerade einmal 103.000 Kilometer mit dem Wagen ab. Er dient überwiegend als Freizeitmobil, etwa für Fahrten zum Wandern im grünen Umland. Moderate 7 bis 8 Liter Sprit genehmigt sich der Golf 2. In der Bremer Innenstadt fährt Jaenike dennoch seit jeher mit Bus und Bahn, auch als sie noch als Krankenschwester arbeitete und zur Frühschicht in die Klinik musste. »In der Stadt fahre ich gar kein Auto«, sagt die 72-Jährige. »Das halte ich für überflüssig.«

103.000 Kilometer auf der Uhr – das sei ein eindrucksvoller Beleg, wie »nachhaltig« ein Auto werden könne, loben sie beim Autohaus Warncke. Dort hat man es vermutlich längst aufgegeben, Stammkundin Jaenike von den Vorzügen eines modernen VW-Modells zu überzeugen. Die Rentnerin hat nicht vor, sich von ihrem alten Golf zu trennen – mögen elektrische Fensterheber und eine Klimaanlage auch komfortabel sein.

»Man muss nicht jedes Jahr ein neues Auto haben«, meint Marion Jaenike. »Ich fände es gut, wenn mehr Leute das so handhaben.«