Mobilität in Städten Warum das Geschäft mit den Leihrädern so boomt

Sie standen im Weg herum oder lagen im Gebüsch: Bikesharing-Fahrräder galten vielen vor einer Weile noch als Ärgernis. Doch so langsam finden die Systeme ihre Rolle in deutschen Städten.
E-Bikes des Anbieters Lime

E-Bikes des Anbieters Lime

Foto: Political Moments / imago images

Den Weg zur Arbeit fährt Lukas Grießhammer, Sportlehrer aus Nürnberg, gern mit dem Fahrrad. Doch obwohl er ein eigenes hat, nimmt er oft ein öffentliches Leihrad, wenn das Wetter morgens schön ist. Einfach den QR-Code am Rad scannen, los geht’s. »Wenn es nachmittags regnet, nehme ich die U-Bahn nach Hause«, sagt der 31-Jährige.

Meist findet er ein Rad in der Nähe, in der Innenstadt kann man die Leihräder an jeder Straßenecke abstellen. Mittlerweile aber komme es öfter vor, dass die nächstgelegene Station leer ist, bemerkt Grießhammer: »Vor Corona fand ich immer schnell ein Rad, das ist mittlerweile nicht mehr so.«

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Fahrradfahren boomt, und mehr Menschen entdecken derzeit auch Bikesharing für sich. Dafür gibt es mehrere Treiber: Da sind die Klimakrise und die Debatte über eine nachhaltigere Mobilität. Besonders im Verkehrssektor muss CO₂ eingespart werden . Da ist der drohende Verkehrsinfarkt in vielen Städten, mit einem Bestand von bald 50 Millionen Pkw in Deutschland  – bei etwa 40 Millionen Haushalten. Und da ist noch Corona: Aus Angst, sich mit dem Virus anzustecken, sind viele von Bus und Bahn auf Auto, aber auch aufs Rad umgestiegen .

Die Folge: Rekordumsätze in den Fahrradläden – 17 Prozent mehr Umsatz  machten die Geschäfte 2020. Hinzu kamen Lieferengpässe  bei neuen Rädern und E-Bikes.

Außer den Kaufrädern boomt auch die Leihvariante. 256 Millionen Euro  setzte die Branche schon im Jahr 2018 um, so die aktuellsten Zahlen in der »Branchenstudie Fahrradwirtschaft«. Nachdem die Branche anfangs Ärger auslöste, weil billige Räder in Flüssen oder auf Bäumen landeten, hat sich der Markt inzwischen konsolidiert: Gegen allerlei asiatische Anbieter haben sich die Marktführer Nextbike und Call a Bike durchgesetzt.

Nextbike etwa profitierte von Corona . 2004 in Leipzig gegründet, hat der Anbieter heute ungefähr 26.000 Mieträder in 80 Städten  auf der Straße. Hauptkonkurrent Call a Bike von der Deutschen Bahn kommt auf 16.000 Räder in etwa genauso vielen Kommunen. Auch 2020 ist Nextbike weiter gewachsen, deutschlandweit stieg die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer um 50 Prozent .

Das überrascht. Normalerweise verdienen Bikesharing-Anbieter an Berufspendlern und Städtetouristen, die seit der Pandemie im Homeoffice saßen und auf der Terrasse Urlaub machten.

Zudem ist das Geschäft der Leihradanbieter eng mit Bus und Bahn verknüpft. Doch der öffentliche Verkehr brach in der Pandemie regelrecht ein. Im ersten Lockdown gingen die Fahrgastzahlen mancherorts um 90 Prozent zurück , auch danach erreichte der ÖPNV nicht wieder sein Vor-Corona-Niveau. Viele, die aus Angst vor vollen Straßenbahnen aufs Auto oder Fahrrad umstiegen, könnten auch dauerhaft nicht mehr zurückkommen, heißt es in einem Report  zur Mobilität in Coronazeiten.

Mikroabenteuer in der eigenen Stadt

Viele Städte reagierten aber mit Maßnahmen, die den Umstieg aufs Fahrrad leichter machen sollten: Sie richteten Pop-up-Radwege ein oder machten die erste halbe Stunde bei der Fahrradausleihe kostenlos . In anderen Städten sind Freiminuten für die öffentlichen Leihradsysteme im ÖPNV-Abo inbegriffen.

Dass Bikesharing nicht zusammen mit dem restlichen Nahverkehr einbrach, hat auch damit zu tun, dass die Leihräder nicht mehr nur für Arbeitswege genutzt werden. Eine Befragung des Verkehrsministeriums zeigt, dass 2020 mehr in der Freizeit geradelt wurde , weniger auf Pendelwegen.

Das spüren die Anbieter: Neben den typischen Pendlerwegen von A nach B verzeichnete Nextbike mehr Rundfahrten. Städter, deren Fahrrad kaputt im Keller stand und die sich im Lockdown die Beine vertreten wollten, nutzten die Räder für »Mikroabenteuer in der eigenen Stadt«, formuliert es das Unternehmen. Beispiel Berlin: »Dort verzeichneten wir im Winter viele Ausleihen und Rückgaben am Tempelhofer Feld«, sagt eine Nextbike-Sprecherin. »Das ist vor allem in dieser Jahreszeit kein touristischer Hotspot, sondern ein urbanes Ausflugsziel. Für Menschen, die sagen: Ich muss hier mal raus.«

Doch hält dieser Trend auch an? Es gibt durchaus Gründe für Zweifel. Laut einer Studie machten Radwege im relativ wenig von Corona beeinträchtigten Herbst 2020 etwa neun Prozent aller Verkehrswege  aus, und damit auch nicht mehr als im Vergleichsmonat drei Jahre zuvor.

»Bei den Umsteigern gibt es sicherlich unterschiedliche Affinitäten zum Radfahren: Manche werden froh sein, wenn sie wieder Bus fahren können«, sagt Jana Kühl, Professorin für Radverkehrsmanagement an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, »aber andere, die das jetzt ausprobiert haben, werden auch beim Rad bleiben, wenn sie dann nicht mehr auf den Bus warten müssen.« In der Summe könne man davon ausgehen, »dass die Nutzung des Bikesharing mindestens stabil bleibt und eher noch weiter wächst«.

Vielen Frauen ist Bikesharing bisher zu unsicher

Insgesamt ist die Bikesharing-Zielgruppe aber noch recht klein. Laut Verkehrsministerium nutzen nur drei Prozent der Deutschen  mindestens mehrmals im Monat Leihräder. Diesen Wert müsse man relativieren, sagt Kühl: Neben der Dominanz des Autos bleibe nur ein kleineres Kuchenstück für ÖPNV und Fahrrad. »Und innerhalb der Fahrradnutzung ist Bikesharing nur eine Nische – aber eine, die sich gut entwickelt.«

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Wo also gibt es noch Wachstumspotenzial? Nextbike möchte mehr Frauen erreichen, denen das Sharing-Prinzip bisher zu unsicher gewesen sei, sagt die Firmensprecherin. In diesem Punkt können manche Anbieter ohnehin noch aufholen. Bei der Stiftung Warentest schnitten vor zwei Jahren nur die Systeme von Nextbike und Call a Bike gut ab .

Vielversprechend sei auch der Verleih von Lastenrädern und E-Bikes, sagt Radexpertin Kühl. Der Elektromotor mache das Radfahren für noch mehr Menschen interessant – aber nicht jeder mag sich für viel Geld ein eigenes E-Bike kaufen.

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