Ansturm auf Bahn und Bus Was Sie zum Neun-Euro-Ticket wissen müssen

Die Bahn und viele Verkehrsverbünde haben mit dem Verkauf des Neun-Euro-Tickets begonnen. Das Angebot gilt ab 1. Juni. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Smartphone-Werbung für das Neun-Euro-Ticket (in Berlin)

Smartphone-Werbung für das Neun-Euro-Ticket (in Berlin)

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Ob die Kapazität von Bussen und Bahnen dafür ausreicht? Halb Deutschland will laut Umfragen das Neun-Euro-Ticket für den Nahverkehr nutzen – und ein guter Teil davon schien sich am Montagvormittag gleichzeitig in die digitale Schlange zu stellen. Der Andrang war wohl zu stark für die Server, etliche Buchungsplattformen und Apps waren am Montagvormittag zeitweise nicht aufzurufen. Die typische Fehlermeldung: »Im Moment greifen zu viele Nutzer gleichzeitig auf unser Buchungssystem zu. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.« Und das, obwohl die Bahn auch bei den Servern ihre Kapazität extra erhöht hatte.

An diesem Montag starteten die Deutsche Bahn und mehrere Verkehrsverbünde mit dem von Bundestag und Bundesrat beschlossenen Rabattangebot. Schon in den ersten Stunden verkaufte die Bahn rund 200.000 Tickets – an die Glücklichen, die durchkamen. Einzelne Verkehrsverbünde wie Berlin oder Hamburg hatten schon am Wochenende mit dem Verkauf begonnen, die Berliner BVG ist damit bis Montag früh 130.000 Tickets losgeworden. In Wuppertal konnten Interessierte das Ticket sogar schon am Mittwoch vor Zustimmung durch Bundestag und Bundesrat kaufen.

Bahn und Verkehrsverbünde bezeichnen die Aktion als »Chance für den Nahverkehr«, aber auch als »riesiges Experiment«. Ein dezenter Hinweis: Niemand sollte erwarten, dass alles glattläuft. Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wo und wann gilt das Ticket?

Vom 1. Juni bis 31. August, bundesweit in allen Verkehrsmitteln des öffentlichen Nahverkehrs – ob Regionalzug, U-, S-, Straßenbahn, Bus, Fähre, Seil-, Schwebe- oder Zahnradbahn. Wichtiger ist zu wissen, wo es nicht gilt: im Fernverkehr, also etwa dem ICE, IC oder auch Fernbussen und -zügen der privaten Bahn-Wettbewerber wie Flix. Kompliziert wird es in manchen Fernzügen, die in den Fahrplänen als Intercity und Regionalexpress zugleich auftauchen – hier werden Nahverkehrskarten grundsätzlich akzeptiert, das Neun-Euro-Ticket aber nicht unbedingt. Für die Monate Juni, Juli und August muss jeweils ein eigenes Ticket für neun Euro gekauft werden.

Wie und wo bekomme ich das Ticket?

Der meistgenutzte und bequemste Weg ist eine von vielen Smartphone-Apps. Die Deutsche Bahn etwa bietet neben ihrem Web-Buchungsportal den DB Navigator , der auch eine Fahrplanauskunft enthält (für die Fahrt mit dem Neun-Euro-Ticket müssen die Optionen ICE/IC/EC, Interregio- und Schnellzug deaktiviert werden). Die lokalen Verkehrsverbünde wie Rhein-Ruhr , Rhein-Main  oder die Berliner Verkehrsbetriebe  haben eigene Apps.

Außerdem soll das Ticket in den Fahrkartenautomaten und Kundenzentren sämtlicher Verkehrsunternehmen in Deutschland angeboten werden. Die Naumburger Straßenbahn in Sachsen-Anhalt hat die Tickets auf Abreißbögen aus Papier gedruckt  und bietet sie ganz traditionell in der Bahn an. Egal, wo das Ticket herkommt: Mit der Münchner App oder dem Naumburger Zettel ist es auch auf Sylt gültig. Wenn die DB-Seite überlastet ist, lässt sie sich also bequem umgehen.

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Warum gibt es nicht eine bundesweite Plattform?

Genau das könnte der größte dauerhafte Effekt dieser auch für die Betreiber überraschenden Aktion werden: die Kleinstaaterei der Hunderten Verbünde und Einzelbetriebe überwinden, von denen jeder über die eigenen Tarifsysteme und Fahrgastdaten wacht.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) arbeitet derzeit an einer einheitlichen App mit der Plattform »Mobility Inside«. Diese bietet bisher nur einige lokale Angebote in Verbünden wie Rhein-Main, Rhein-Neckar, München und Leipzig. Mit der Münchener »Mobility Inside«-App lassen sich beim Kurzbesuch auch Tickets in Leipzig kaufen und umgekehrt – aber nicht das Neun-Euro-Ticket. Doch extra für den Ticket-Verkauf soll eine neue, bundesweite App den Anspruch »deutschlandweit« erfüllen. Allerdings kam sie später als die anderen Angebote. Am Montag, 30. Mai, startete die App namens »9-Euro-Ticket« auf den gängigen Plattformen.

Wie viel spare ich?

Da sich bundesweit etliche Angebote mit nur einem Ticket ersetzen lassen, gibt es kaum eine Grenze nach oben. Allein eine Monatskarte für das Gesamtnetz des Hamburger HVV kostet 262 Euro. Ein durchschnittlicher Haushalt (also einschließlicher aller, die den Nahverkehr gar nicht nutzen) zahlte laut Statistischem Bundesamt 2020 rund 24 Euro pro Monat für Bus und Bahn. 2019, ohne den Coronaeffekt, waren es noch 33 Euro. Seit 2015 sind Tickets um 19 Prozent teurer geworden, mehr als die allgemeine Inflation der Verbraucherpreise von 16,2 Prozent. Jetzt werden sie ausnahmsweise drastisch billiger, wenn auch nur für drei Monate.

Und was zahle ich als Bürgerin?

Der Bund hat den Ländern, die für die Finanzierung des Nahverkehrs zuständig sind, einen Ausgleich von 2,5 Milliarden Euro zugesagt. Das Geld kommt aus dem Bundeshaushalt, wird also über Steuern und Schulden aufgebracht. Für den gleichzeitig geltenden Tankrabatt auf Benzin und Diesel wird mit Einnahmeausfällen von 3,2 Milliarden Euro gerechnet.

Kann ich gleich Tickets für alle drei Monate kaufen?

Auch hier kommt es auf die einzelnen Unternehmen an, in der Regel aber ja. Wer die Option beim bevorzugten Verkehrsunternehmen nicht findet, kann jederzeit auf andere Plattformen ausweichen. Bei der Deutschen Bahn etwa ist der sofortige Kauf aller drei Sondertickets möglich.

Werden teurere Einzel- oder Monatstickets in der Zeit weiter angeboten?

Tages- und Gruppenkarten werden häufig weiterhin angeboten, auch wenn sie teurer sind als das Neun-Euro-Ticket. Bei ihnen gelten andere Regeln, in manchen Fällen lassen sich noch Freunde und Familie oder Fahrräder mitnehmen. Dennoch sind viele Verkehrsunternehmen darum bemüht, verwirrende Kaufoptionen aus dem Angebot zu nehmen. Für Hamburg etwa gilt: Innerhalb der drei Aktionsmonate werden alle HVV-Monatskarten und ebenso alle Einzelkarten, die mehr als neun Euro kosten, durch das Neun-Euro-Monatsticket ersetzt. Auch bei der BVG in Berlin soll das normale Monatsticket in der Fahrkarten-App während der drei Monate nicht buchbar sein. Die Deutsche Bahn hingegen will ihre üblichen Abo-Angebote auch während des Aktionszeitraums zwischen Juni und August aufrechterhalten, in diesen Monaten dann aber jeweils nur neun Euro abbuchen.

Was passiert, wenn ich schon ein Ticket-Abo habe?

Laut Deutsche Bahn und den Verkehrsverbünden gilt prinzipiell: Wer bereits ein Monats- oder Jahresabo hat, soll sich um nichts weiter kümmern müssen. »Es werden automatisch Reduzierungen bei bestehenden Abos vorgenommen, sodass nur die neun Euro pro Monat anfallen«, heißt es etwa beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Die Reduzierungen werden später auf das jeweilige Kundenkonto zurücküberwiesen. Allein bei der BVG betrifft das 870.000 Stammkundinnen und -kunden, im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr mehr als zwei Millionen. Die wollte man nicht mit einem Lockangebot vergraulen, von dem nur ÖPNV-Neulinge etwas haben.

Gilt das Neun-Euro-Ticket auch für Inhaber von Job-, Semester- oder Sozialtickets?

Ja. Ihre Abos und Semestertickets gelten laut VDV während der drei Monate bundesweit. Zudem sollen auch sie den Differenzbetrag erstattet bekommen. In welcher Form und vor allem wann die Rückerstattung erfolgt, ist vielerorts allerdings noch offen. Bis etwa die Univerwaltungen mit der Abrechnung fertig sind, könnte es laut VDV bis zum Wintersemester dauern.

Ist das Ticket jetzt zum Pendeln oder zum Reisen?

Gedacht ist die Aktion von der Bundesregierung als Teil des Entlastungspakets, genauer: als Ausgleich für den gleichzeitig geltenden Tankrabatt, um neben dem Auto auch ökologische Alternativen zu fördern. Aber mit der bundesweiten Gültigkeit während der Sommerferien ist klar: Das ist auch für einen günstigen Urlaub gut. Die Anreise ist zwar langsamer als mit dem ICE, aber eine Strecke wie Berlin-Hamburg lässt sich auch in gut vier Stunden mit einem Umstieg bewältigen.

Das wird voll, oder?

An manchen Orten zu bestimmten Zeiten sicher. Vor allem an langen Wochenenden wie Pfingsten oder zu Ferienbeginn- und -ende dürften viele Züge überlastet sein, zumal wenn sich freitagnachmittags noch Urlaubs- und Berufsverkehr mischen. Bahngewerkschaftschef Klaus Hommel warnte vor »Räumungen überfüllter Züge und wegen Überlastung gesperrten Bahnhöfen«, etwa auf Strecken wie Hamburg-Westerland, Dresden-Bad Schandau, Mannheim-Bodensee, der Rhein-Schiene oder den Hauptbahnhöfen von Nürnberg und Ulm. Ein Sprecher der Bahntochter DB Regio rät zu »intensiver Vorbereitung, etwas Rücksicht und gegenseitigem Verständnis«. Und zieht den Vergleich zum Auto – da komme es auch gelegentlich zu Staus. Geheimtipps für schöne Reiserouten  abseits der Massen gibt es aber auch.

Wird das Angebot wenigstens verbessert?

Zum Teil, aber wohl kaum so stark wie die wachsende Nachfrage. DB Regio verspricht: »Wir setzen alles in Bewegung, was wir haben.« Ab dem 1. Juni würden 50 zusätzliche Züge eingesetzt, und über 700 zusätzliche Service- und Sicherheitskräfte – viermal so viele wie in einem normalen Sommer. Auch manche Länder stocken ihr Angebot auf, doch so schnell lassen sich nicht viele Züge und auch nicht genug Personal auftreiben. Außerdem gibt es Geld vom Bund, der die Aktion angestoßen hat, nur um die fehlenden Einnahmen aus den normalen Ticketpreisen zu decken.

Darf ich mein Fahrrad mitnehmen?

Prinzipiell ja. Fast überall ist dafür aber eine eigene Fahrradkarte nötig, für die es lokal unterschiedliche Tarife gibt. In vielen städtischen Verkehrsverbünden ist eine Mitnahme während der Hauptverkehrszeiten ausgeschlossen. Der Fahrgastverband Pro Bahn hatte gefordert, ein solches Fahrradverbot auch für manche Regionalbahnstrecken in der Neun-Euro-Phase einzuführen. So kam es nicht. Die Deutsche Bahn warnt lediglich, »die Mitnahme von Fahrrädern kann nicht immer garantiert werden«.

Kann ich Plätze reservieren?

Nein. Reservierungsmöglichkeiten gibt es in der Regel nur im Fernverkehr. Das Neun-Euro-Ticket gilt im Nahverkehr.

Kann ich die erste Klasse hinzubuchen?

Nein, das Neun-Euro-Ticket gilt generell für die zweite Klasse. Je nach Verbund haben jedoch Abonnenten die Möglichkeit, über einen Zuschlag in die erste Klasse zu wechseln.

Benötigen Kinder auch ein Neun-Euro-Ticket?

Laut Deutscher Bahn benötigen 6- bis 14-Jährige ein eigenes Neun-Euro-Ticket oder einen anderen Fahrschein; die kostenfreie Mitnahme ist beim Neun-Euro-Ticket ausgeschlossen. Kinder unter sechs Jahren reisen generell kostenfrei.

Was ist mit Hunden?

Das Neun-Euro-Ticket gilt nur für seinen Inhaber. Ob darüber hinaus für Hunde bezahlt werden muss, hängt vom jeweiligen Tarif des örtlichen Verkehrsverbunds ab. Der eine stellt die Hundemitnahme frei, der andere verlangt einen zusätzlichen Fahrschein für den Vierbeiner.

Was haben eigentlich alle mit Sylt?

Billig auf die Insel der Reichen – das Neun-Euro-Ticket hat einen Social-Media-Trend ausgelöst, in Erinnerung an das in den Neunzigerjahren eingeführte Schönes-Wochenende-Ticket: Damals kamen Hamburger Punks in Fünfergruppen für 15 D-Mark nach Westerland und wieder zurück. Auch die Deutsche Bahn sammelt Likes auf Kosten der Insel.

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Was passiert nach dem Ende der Aktion?

Am 1. September gelten wieder die gewohnten Tarife – und das heißt, es wird im Vergleich zum Neun-Euro-Ticket wieder drastisch teurer. Wer das Ticket gekauft hat, landet aber nicht automatisch in einem Abo. Die spannendste Frage wird sein, ob die Erfahrung viele Neukundinnen und -kunden von Bus und Bahn überzeugt oder wegen der Überlastung eher abschreckt.

Besonders groß könnte die Ernüchterung im Dezember und Januar werden: Die meisten Nahverkehrstarife werden nur jährlich angepasst, und dann dürften die Verkehrsbetriebe mit Zeitverzug die Rechnung für 2022 präsentieren – Strom und Treibstoff haben sich drastisch verteuert, auch Personalkosten sind gestiegen und die Neun-Euro-Aktion verursacht ebenfalls ungedeckten Aufwand. Schon im Herbst, fürchten Branchenvertreter, drohten Insolvenzen etwa von privaten Busbetrieben. Besonders auf dem Land würde das Nahverkehrsangebot dann schlechter statt besser.

ak/dpa/AFP
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