Armaturenbrett der Zukunft Datenkino hinterm Lenkrad

Das Cockpit hat für den Autofahrer zentrale Bedeutung, mit einem Blick muss er von den Instrumenten alle wichtigen Informationen ablesen können. Doch weil die Elektronik immer ausgefeilter wird, entwickeln sich die Anzeigen zusehends zu einem Datenkino.


Genf - Bei Studien und Vorführwagen toben sich die Kreativen der Autobranche rund um das Lenkrad gewaltig aus. So hat Renault auf dem Genfer Salon im März beim Konzeptfahrzeug Altica den Tacho in einem großen transparenten Würfel auf der Lenksäule integriert. Das System wurde nach Angaben von Renault so programmiert, dass der gesamte Glasbaustein rot leuchtet, wenn der Fahrer zu schnell ist.

Runter vom Gas! Dieser Tacho von Renault leuchtet bei überhöhtem Tempo rot auf
GMS

Runter vom Gas! Dieser Tacho von Renault leuchtet bei überhöhtem Tempo rot auf

Bei Saab tragen die Designer in der Studie AeroX nach Angaben eines Pressesprechers der nordischen Glasindustrie und der aeronautischen Geschichte des Herstellers Rechnung: Alle Instrumente sehen aus, als wären sie aus Glas geschliffen. Sie schimmern grün wie im Cockpit eines Düsenjägers und haben teilweise sogar holografische Elemente.

All diesen Spielereien zum Trotz werde der Gedanke "Fahre ich zu schnell?" auch in Zukunft eine der wichtigsten Fragen des Autofahrers bleiben, sagt Heinz-Bernhard Abel, der beim Zulieferer Siemens VDO Automotive in Babenhausen die Entwicklung der Instrumentierung leitet. "Der wichtigste Partner zur Beantwortung dieser Frage bleibt in den meisten Fahrzeugen der klassische Rundtacho." Der Mensch habe sich an diese Darstellung gewöhnt und könne sie beinahe intuitiv erfassen.

Allerdings sieht Abel weitere Entwicklungsschritte. "In Zukunft wird der Tacho interaktiv und den Fahrer mit Hilfe der Verkehrszeichenerkennung warnen können, wenn er schneller fährt als es erlaubt ist." Dabei werde auch künftig stark auf analoge Kombi-Instrumente gesetzt, "weil ein wirklich greifbarer, dreidimensionaler Tacho auch in Zukunft eleganter bleibt."

Die Frontscheibe als Bildschirm

Doch die wachsende Informationsflut zwingt die Fahrzeughersteller zu anderen Lösungen. Mercedes hat zum Beispiel nach Angaben eines Pressesprechers bei der neuen S-Klasse anstelle des konventionellen Tachos erstmals ein hoch auflösendes Farbdisplay eingesetzt. Darauf erscheint das Rundinstrument nur noch als Animation.

Damit haben die Entwickler zusätzliche Darstellungsfläche gewonnen. Nun kann der Zeiger teilweise mit einem Textfenster für die Navigationshinweise überblendet werden. Um diesen erweiterten Funktionsumfang darstellen und dennoch am klassischen Instrument festhalten zu können, arbeitet Siemens VDO an einem so genannten Bi-Vision-Cockpit. Dabei wird über dem ständig sichtbaren analogen Kombiinstrument bei Bedarf eine Displaydarstellung eingeblendet.

Eine tragende Rolle im Cockpit der Zukunft spielt auch das so genannte Head-Up-Display, das wichtige Informationen auf der Frontscheibe direkt in das Sichtfeld des Fahrers spiegelt. "Weil sich die Augen dann nicht mehr von Fern- auf Nahsicht umstellen müssen, spart das Gehirn wertvolle Zeit bei der Informationsaufnahme", erläutert Abel. Er stellt solche Systeme, die bislang mit unterschiedlicher Technik nur in der Oberklasse von BMW und den Top-Modellen von Citroën verfügbar sind, künftig auch für kleinere Fahrzeugklassen in Aussicht.

"Der eine sieht die Landkarte, der andere James Bond"

Während das Head-Up-Display allerdings nur einen kleinen Ausschnitt der Frontscheibe als Projektionsfläche nutzt, wird im VW-Konzern über die gesamte Scheibe als Bildschirm nachgedacht. In einem Forschungsprojekt des konzerneigenen Electronics Research Laboratory (ERL) in Kalifornien zeichnet ein Laser von der Mitte des Instrumententrägers aus Warnhinweise, etwa vor Wild oder Fußgängern, genau in jene Ecke des Blickfelds, aus der die Gefahr tatsächlich droht. "Schlecht beleuchtete Landstraßen können wir dann auf der Frontscheibe sogar nachzeichnen", skizziert ERL-Chef Carlo Rummel die künftigen Möglichkeiten. Einziger Haken an seiner Vision: "Noch sind diese Technologien ein bis zwei Fahrzeuggenerationen von der Serienreife entfernt."

Noch einen Schritt weiter gehen die Entwickler bei Audi. Sie wollen Fahrer und Beifahrer mittelfristig mit einem gemeinsamen Bildschirm erreichen. Dabei setzen sie auf einen "Taschenspielertrick": Wie ehedem die Wackelbilder aus der Wundertüte, können die Bildschirme in der Mittelkonsole der Zukunft laut Audi-Experte Gerhard Mauter zwei Motive gleichzeitig anzeigen. Mit einer speziellen Folie lasse sich die Darstellung so trennen, dass Fahrer und Beifahrer auf der gesamten Fläche zwei unterschiedliche Bilder sehen: "Der eine schaut auf die Landkarte, der andere auf James Bond."

Thomas Geiger, gms



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