Auto-Interieur Sitz mit Durchzug

Vorbei sind die Zeiten schwitziger Kunststoffbezüge. Was im Outdoor-Bereich längst ein alter Hut ist, machen Entwickler jetzt auch für das Auto passend: Gelsitze passen sich dem Fahrer an, während sein Rücken mit Hilfe einer Netzkonstruktion belüftet wird.


Krems/Köln - Mit dem Sitz im Auto ist es wie mit dem Fernsehsessel im Wohnzimmer: Er muss nicht nur bequem sein, sondern auch zum Ambiente passen. Doch während der Forderungskatalog daheim damit fast schon erfüllt ist, gehen die Ansprüche an Polster und Bezüge weiter: Weil die Stoffe im Auto besonderen Beanspruchungen ausgesetzt sind, muss neben der Optik auch die Materialqualität stimmen. Außerdem sollen sie eine bequeme Sitzposition fördern, möglichst resistent gegen Flecken sein, einen schweißnassen Rücken verhindern und auch für Allergiker geeignet sein.

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Autositz: Hightech unterm Hintern

"Das Interieur ist dem Endkunden besonders nahe, denn es umgibt ihn", sagt Eberhard Blumenthal vom Interieur-Hersteller Eybl International in Krems in Österreich. "Fühlt er sich dort nicht 'zu Hause', wird er sich wahrscheinlich gegen das Fahrzeug entscheiden." Deshalb würden neue Designkonzepte für Sitze speziell auf einzelne Marken und Modelle zugeschnitten.

"Wichtige Strömungen und aktuelle Designtrends aus anderen Produktbereichen wie etwa der Möbelindustrie werden ebenso einbezogen wie gesellschaftliche Entwicklungen", sagt Blumenthal. Dies zeige sich zum Beispiel beim anhaltenden Trend zu "Material-Vollflächen" - wie dem großen Holzelement im Cockpit des Mercedes CLS. Beliebt seien auch klare Formen, die zunehmend mit frischen Farben versehen werden.

Fahrtwind trocknet den Schweiß

Bei der Auswahl von Polsterstoffen und Materialien achten Hersteller auch auf eine bequeme, entspannte und sichere Sitzposition. Deshalb wird nicht nur die Konstruktion der Sessel unter ergonomischen Gesichtspunkten untersucht, sondern auch ihr Bezug.

So hat zum Beispiel Nissan für den 350 Z Roadster ein Leder- und Textilkombination entwickelt, bei der Teile des Sitzes mit Netzen bespannt sind. "Diese großporigen Mittelbahnen leiten durch die nach hinten teilweise offen Lehne frische Luft zur Körperrückseite und Hüftpartie der Insassen", sagt Sprecherin Kirsten Schmitz: "Selbst unter sengender Sonne trocknet der Fahrtwind dann auch von hinten den Schweiß."

Volkswagen arbeitet daran, den Sitz der Stoffe durch "Technogel", einen Kunststoff mit Silikonfüllung, zu verbessern. Wie Fahrradsättel oder Barhocker in Szenekneipen könnten sich dann Autositze oder Bedienelemente jedem Fahrer anpassen. "Schon in wenigen Jahren könnten solche Elemente in Serie gehen", sagt Daniela Knapp aus der "Color&Trimm"-Abteilung des Herstellers in Wolfsburg.

"Ebenfalls wichtig ist die Gesundheitsverträglichkeit der Stoffe", sagt Ford-Sprecher Isfried Hennen in Köln und verweist auf ein Materialmanagement, das den Einsatz gesundheitsgefährdender Stoffe im Auto ausschließt. Weil deshalb in den Sitzbezügen und im gesamten Innenraum unter anderem keine allergieauslösenden Stoffe eingesetzt werden, sei etwa der Focus C-Max vom TÜV mit dem Gütesiegel 'Allergie getesteter Innenraum' ausgezeichnet worden, sagt Hennen.

Insgesamt habe das Auto-Interieur in den vergangenen Jahren eine deutliche Aufwertung in Design, Verarbeitung und Materialauswahl erfahren, sagt Eybl-Sprecher Blumenthal. "Dazu hat maßgeblich der Einsatz von textilen Oberflächen beigetragen, mit denen die bislang üblichen Kunststoffverkleidungen immer öfter ersetzt werden." Außerdem gehe der Trend zu helleren Farbtönen und zu dreidimensionalen Strukturen an den Stoffen. "Das sieht schön aus und erzeugt ein behagliches Ambiente, ist aber empfindlicher als die sonst häufig gebrauchten dunklen Stoffe".

"Caméléo"-Konzept gegen Schokoflecken

Um die Spuren unachtsamer Schokoladenfans oder schusseliger Kaffeetrinker aus der Welt zu schaffen, hat Peugeot in Saarbrücken für den 1007 das "Caméléo"-Konzept entwickelt. Mit insgesamt 18 farbigen Zierteilen für Polster, Ablagen und Konsolen könne das Auto nach Lust und Laune umgestaltet werden, sagt Sprecher Gordian Heindrichs.

Das Gesamtpaket kostet 243 Euro, der Kunde kann aber auch kleinere Lösungen wählen: "Wer die hässlichen Zigarettenspuren auf dem Beifahrersitz oder den Filzstift an der Rücklehne nicht mehr sehen möchte, kann zum Beispiel einen Bezug für Sitz oder Lehne für jeweils 24,24 Euro auch einzeln bekommen".

Damit sich Optik, Farbe und Haptik auch nach vielen Jahren Beanspruchung möglichst nicht verändern, forschen die Hersteller zudem weiter an Hightech-Materialien. Erreicht werden kann das Ziel zum Beispiel durch die Beschichtung mit Fluorkarbonverbindungen, sagt Bekleidungsingenieurin Agnete Zacharias, die bei Eybl am fleckenfreien Stoff forscht. Durch Fluorkarbon könne die Oberflächenspannung der Textilfaser so gesenkt werden, dass sie niedriger sei als die von Öl und Wasser. Diese Flüssigkeiten perlten buchstäblich am Stoff ab.

Allerdings ist die Technologie laut Zacharias noch lange nicht serienreif. Auch könne sie zur Zeit nur an Flächen wie dem Dachhimmel eingesetzt werden. Dennoch ist sich die Ingenieurin sicher: "Nie wieder putzen ist keine reine Utopie mehr, sondern durchaus eine Perspektive für die Zukunft".

Von Thomas Geiger, gms



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