Autolacke Ein Hauch von Farbe

Wieder einmal beschwören Designer und Trendforscher eine farbenfrohe Zukunft der Autowelt. Um den Käufern den Abschied von Grau und Silber zu erleichtern, mischen die Hersteller zarte Grün- und Blau-Töne hinzu oder versuchen, das triste Lackeinerlei mit Spezialeffekten aufzupeppen.


Alu-Beam-Lack von Mercedes: Glänzt wie flüssiges Metall
GMS

Alu-Beam-Lack von Mercedes: Glänzt wie flüssiges Metall

Münster/Hildesheim - Auch wenn bei den aktuellen Neuzulassungen nach wie vor Silber und Schwarz vorherrschen, erwarten Designer der Fahrzeughersteller und Trendforscher der Lackindustrie künftig wieder mehr Farbe auf der Straße. Selbst wenn dabei auffällige Töne wie Rot, Gelb oder Grün auch weiterhin nur Randerscheinungen bleiben sollten, werden nach Einschätzung der Experten zumindest neue Lackeffekte für etwas Abwechslung im Einheitssilber sorgen.

"Dieses Einerlei wird abgelöst von silbernen Tönungen mit einem Hauch von Grün, Blau oder Beige, die neue Farbnuancen auf die Karosserien bringen", sagt Designerin Michaela Finkenzeller, die beim Lackhersteller BASF Coatings in Münster die Trends für den europäischen Markt beobachtet und mitgestaltet. Ferner erwartet die Designerin für die nächste Fahrzeuggeneration in drei oder vier Jahren eine Ergänzung der "neutralen" Farbpalette vor allem um Beige, Braun, Kupfer und Gold. Auch Weiß soll wieder kommen.

Understatement statt Effekthascherei

Und damit Silber nicht gleich Silber bleibt, wird es nach Angaben von BASF Coatings künftig auch eine Reihe neuer Spezialeffekte geben, die Farben bewusst mehrdeutig erscheinen lassen. "Farbliche Grenzgänge und Effekte, die erst auf den zweiten Blick ersichtlich sind, repräsentieren unsere Suche nach einem tieferen Sinn und unser Bedürfnis, eher durch stilvolles Understatement als durch Effekthascherei aufzufallen", erklärt Finkenzeller. Sie stellt deshalb Grautöne in Aussicht, die bei genauer Betrachtung grün wirken, oder zarte Jade- und Türkismischungen, mit denen die Grenze zwischen Blau und Grün verschwimmt.

Lackierung bei Volkswagen: Edles Schwarz bleibt beliebt
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Auch die Oberflächen werden sich ändern: Künftig wird mit Kontrasten gespielt und häufiger zwischen sanften, matten und kühlen, glänzenden Lacken gewechselt. Wie weit dieser Glanz gehen kann, hat Mercedes auf dem Genfer Salon mit der Sonderlackierung für seine neuen Dieselmodelle demonstriert. Der Lack, der nach Angaben von Pressesprecher Norbert Giesen im Lauf des Jahres über das designo-Programm auch als Individualausstattung verfügbar sein wird, glänzt erstmals wie flüssiges Metall.

"Die Farbe spannt sich wie eine metallische Haut über die Blechteile, betont die Design-Linien stärker als jede andere Lackierung und macht sie durch gezielte Lichtreflexionen noch lebendiger", umschreibt Mercedes-Designchef Peter Pfeiffer den Effekt. Möglich macht dies ein Verfahren, das bei Mercedes laut Giesen weltweit zum ersten Mal eingesetzt wird: "Die nur 100 bis 300 Nanometer kleinen Pigmente, die bei einem herkömmlichen Lack für den Metallic-Effekt sorgen, sind bei diesem neuen Alu-Beam-Lack nur 30 bis 50 Nanometer groß und fügen sich dadurch noch gleichmäßiger in die Oberfläche des Lacks ein", sagt Giesen. Auf diese Weise werde das Licht intensiver reflektiert und der Glanz verstärkt.

Jeder zweite Neuwagen in Grau oder Silber

Zwar könnten solche Töne künftig für mehr Farbenfreude auf der Straße sorgen. Doch wird die Zulassungsstatistik nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) in Flensburg schon seit Jahren von grauen, respektive silbernen Fahrzeugen beherrscht. So war im Jahr 2004 fast jeder zweite Neuwagen (46 Prozent) in Grau oder Silber lackiert. Schwarz kommt auf einen Anteil von 24 Prozent, Blau erreicht 19 Prozent, und vermeintlich peppige Töne wie Rot oder Grün erreichen nur jeweils vier Prozent.

Effektlack bei BMW: Damit Silber nicht gleich Silber bleibt
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Wer Frauen bei der Farbwahl für mutiger hält, wird von der Statistik enttäuscht: Auch sie entscheiden sich laut KBA zu 44 Prozent für graue, zu 23 Prozent für schwarze und zu 18 Prozent für blaue Autos. Eine schnelle Änderung im automobilen Einheitslook ist auch nicht zu erwarten. "Denn die Dynamik einer Farbverschiebung hängt ab von der Langlebigkeit und der Investitionssumme", sagt Markus Schlegel, Professor für Gestaltung an der Fachhochschule Hildesheim.

Während ein Kleid oft nur einen Sommer getragen werde, fahre man ein Auto im Schnitt rund fünf Jahre. "Deshalb ist die Automobilindustrie der Architektur näher als der Mode: Eine Fassade streicht man auch nicht alle zwei Jahre neu", erklärt. Zudem sei das Auto anders als etwa ein Kleid nicht nur ein Designprodukt, sondern auch ein Statussymbol. "Deshalb muss es nicht nur schön aussehen, sondern auch prestigeträchtig wirken", sagt Schlegel und verweist auf den Trend zu dunklen Farben, die Privatwagen wie Staatslimousinen erscheinen lassen.

Schwarz steht für Status

"Dabei steht Schwarz für Status", sagt Schlegel. Deshalb würden zunehmend auch Kleinwagen in Schwarz bestellt, um sie allein durch die Farbe aufzuwerten. Grundsätzlich unterliege die Farbentwicklung dabei so genannten Megatrends, die durch eine Überdrusshaltung ausgelöst würden und als "versteckter Protest" zu einer Verschiebung führten, erläutert Schlegel. So "protestieren" die Autokäufer nach seinen Angaben noch heute gegen die schillernd bunten Autos der siebziger und achtziger Jahre.

Allerdings macht der Experte ebenfalls Ansätze einer Gegenbewegung aus, die von Fun-Cars, Kleinwagen und Cabrios getragen wird. "Diese Autos werden schon heute bunt bestellt", sagt Schlegel. "Weil darin aber vor allem junge Besserverdiener sitzen, werden künftig vielleicht auch größere Autos wieder bunter, wenn Smart- und Mini-Fahrer ihre ersten Limousinen kaufen."

Von Thomas Geiger, gms



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