Englische Klassiker Wie eine Tresorschleuse

Der eine wurde 40 Jahre lang gebaut, der andere wird hingegen seit vier Jahrzehnten nicht mehr hergestellt. Auch sonst haben Mini und Bentley S II kaum etwas gemein. Immerhin: Beide Autos vermitteln englisches Flair.

Von Mathias Paulokat


Ein Bentley wird meistens vererbt, manchmal verschenkt, selten verkauft, niemals aber verliehen. - Die Briten hatten schon immer ihr eigenes Reglement, und selbst die glücklichen Halter eleganter Nobellimousinen müssen beim Chauffieren ihrer Automobile gewisse Spielregeln beachten. Ein echter Gentleman weiß allerdings auch, wann er von ehernen Grundsätzen eine Ausnahme machen darf.

Parkt der Bentley S II neben einem klassischen Mini, kommt das kleine Wägelchen neben dem 5,5 Meter langen Straßenschiff wie ein Spielzeugauto daher. Fast könnte der kleine Flitzer im riesigen Kofferraum des Bentleys Platz finden. Zwei Welten prallen aufeinander: Ausladend barocke Formen beim Bentley, beherzte Rundungen ohne Überhänge beim Mini. Der Autoadel ist mit zwei Tonnen Leergewicht zudem fast dreimal so schwer wie sein bürgerliches Pendant.

Das 6,3 Liter Aggregat des Bentley gehorcht auf den filigranen Zündschlüssel konstruktionsbedingt mit kurzem Husten
Andreas Tamme

Das 6,3 Liter Aggregat des Bentley gehorcht auf den filigranen Zündschlüssel konstruktionsbedingt mit kurzem Husten

Annähernd 5,5-Millionen-mal wurde der Mini seit 1959 gebaut. Er ist der Erfolgsschlager der britischen Automobilindustrie. Auch sportliche Erfolge kennzeichnen die Vita des Kleinen: Der legendäre Rennfahrer John Cooper verhalf ihm schon im ersten Produktionsjahr zu beeindruckenden Rallye-Siegen. Der Bentley S II hingegen ist anders: Bei Rallyes machte er sich nie schmutzig und nur 1932 handgearbeitete Fahrzeuge verließen zwischen 1959 und 1962 das Bentley-Werk in Crewe. Damit ist das Raum-Schiff alles andere als ein Brot-und-Butter-Auto. Ein neuer Bentley kostete damals schon so viel wie ein stattlicher Landsitz in den schottischen Highlands, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Trotz allem kommt - auch dem Mini-Fahrer - der erste Kontakt mit der silbernen Limousine wie ein Déjà-vu-Erlebnis vor: Der Türgriff aus Chrom liegt genauso in der Hand wie der des Coopers. Die Tür selbst allerdings erinnert eher an eine Tresorschleuse; aus so viel Blech könnte man heute wohl ein ganzes Auto herstellen. Im Innenraum lädt behagliches Leder und Wurzelholz zum Verweilen ein. Aus dem Originalradio "His Masters Voice" tönt Salonmusik der zwanziger Jahre. "My car is my castle." Die Abwandlung des Bonmots scheint in Anbetracht des üppigen Bentley-Interieurs absolut gerechtfertigt.

Das rechtsgelenkte Dickschiff fährt am liebsten geradeaus
Andreas Tamme

Das rechtsgelenkte Dickschiff fährt am liebsten geradeaus

Aber auch im Innenraum des Minis wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Leder, Chrom, Wurzelholz und weiche Teppiche - im ersten Moment herrscht das Gefühl vor, in einem Miniatur-Bentley zu sitzen. Eine Schlüsselumdrehung und der Kleine erwacht: Willig bellt das Mini-Motörchen auf und hinten macht der Sportauspuff gehörigen Krach. Anders natürlich der Bentley: Das 6,3-Liter-Aggregat gehorcht auf den filigranen Zündschlüssel konstruktionsbedingt mit kurzem Husten. Nach einer trockenen Umdrehung, fallen die acht Zylinder aber in seidige Laufruhe. Lautlos und mit majestätischer Anmut setzt sich der Bentley in Bewegung. Nur der Kies knirscht unter den voluminösen Reifen.

Der Mini ist temperamentvoller. Wieselflink saust er über die kurvenreiche Landstraße. Wegen der direkten Lenkung und den kurzen Federwegen liegt er wie ein Brett auf der Straße. Im Bentley kommt man sich eher wie auf der Brücke der ehemals königlichen Yacht "Britannia" vor: Das rechtsgelenkte Dickschiff fährt am liebsten geradeaus, die serienmäßige Servolenkung lässt den Wagen aber auch sicher um Hindernisse navigieren. Dank Automatikgetriebe nimmt der Bentley schnell Fahrt auf. Nur die Tachonadel zittert bei der Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h, der Wagen selbst gleitet nahezu lautlos dahin. Die Firma Bentley, die bereits 1933 von Rolls-Royce übernommen wurde, verschwieg jahrzehntelang den Spritverbrauch und die PS-Zahlen ihrer Fahrzeuge. Auf die ungehörige Frage nach der Motorleistung erhielten Interessenten immer nur die eine Antwort: "Genügend."

Dass auch der Mini ohne Chauffeur bewegt wird, versteht sich von selbst
Andreas Tamme

Dass auch der Mini ohne Chauffeur bewegt wird, versteht sich von selbst

Ausreichend hoch ist auch der Verbrauch. Bei Volllast laufen auf 100 Kilometer gut 25 Liter Superplus durch die SU-Vergaser des S II, dem Mini reicht ein Viertel - aber Super soll es bitte schön auch sein. Die fabelhaften Bentley-Boys priesen ihre Automobile stets als Sportwagen an, die der solvente Gentleman selbst zu steuern hatte. Dass auch der Mini ohne Chauffeur bewegt wird, versteht sich von selbst. Gerade die Herzen der selbst fahrenden Damenwelt eroberte der Flitzer bekanntlich im Sturm.



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