Gift im Reifen Gefahr auf weichen Sohlen

Über Winterreifen wird zurzeit wieder viel geredet. Welche Vorteile bieten sie? Welche Typen gibt es? Wieviel kosten sie? Worüber aber kaum jemand spricht: Wie giftig sind die schwarzen Rundlinge?


Recycling-Anlage für Altreifen: Den PAK-Gehalt will die EU-Kommission begrenzen
DDP

Recycling-Anlage für Altreifen: Den PAK-Gehalt will die EU-Kommission begrenzen

Denn die automobilen Winterstiefel sind gegenüber Sommerreifen unter anderem deshalb im Vorteil, weil ihre Gummimischungen weicher und ihre Laufflächen griffiger sind. Und das sind sie, weil bei ihrer Herstellung hocharomatische Öle (HA-Öle) eingesetzt werden, die den Reifen geschmeidig machen, die Haftung verbessern und den Rollwiderstand senken. In diesen Ölen enthalten sind allerdings auch chemische Substanzen, die Krebs auslösen können. Sie werden beim Fahren durch den Reifenabrieb in die Umgebung geschleudert und können eingeatmet werden.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes sowie der TU Berlin gibt ein Pkw-Reifen während seiner Lebensdauer durch Abrieb ein bis zwei Kilogramm, ein Lkw-Reifen im Schnitt neun bis zwölf Kilogramm Reifengummi an die Umwelt ab. Rund neun Prozent davon sind Partikel, die so klein sind, dass sie in die Lunge gelangen können. Oder mit den Luftemissionen und mit Regenwasser in die Gewässer und schließlich ins Trinkwasser.

Bei den giftigen Substanzen handelt es sich um die so genannten polyzyklisch aromatischen Kohlenwasserstoffe, kurz PAK. Sie finden sich auch in fossilen Brennstoffen wie Erdöl und Kohle, in Diesel- und Ottokraftstoff und in Kfz-Abgasen. Sie entstehen aber auch beim Braten, Grillen und Rauchen. Laut dem Hannoveraner Reifenhersteller Continental sind weniger als zwei Prozent der einatembaren PAK auf Reifenabrieb zurückzuführen. Das Umweltbundesamt gibt drei bis fünf Prozent an.

Toxikologische Untersuchungen über die Gefährlichkeit dieser Partikel für Menschen liegen zwar noch nicht vor. Doch einzelne PAK-Verbindungen sind in Studien und Tierversuchen als krebserregend und erbgutschädigend nachgewiesen worden und fallen unter das derzeitige europäische Gefahrgutrecht. Ein Vorschlag der Europäischen Kommission vom Februar dieses Jahres sieht deshalb vor, dass "der Gehalt von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen auf den unbedenklichen Höchstwert von zehn ppm (parts per million) begrenzt werden" soll.

Den giftfreien Reifen gibt es schon

Grundsätzlich sind alle Reifenhersteller dazu zwar inzwischen bereit. Die Frage ist nur, wann die entsprechende EU-Richtlinie in Kraft treten soll. Den von der Kommission vorgeschlagenen Termin Januar 2008 will die Industrie um ein oder zwei Jahre hinausschieben, bis sie ihre Produktion auf Gummimischungs-Rezepturen mit niedrigaromatischen Ölen umgestellt hat. "Das ist ja nicht so wie beim Kochen, wo sie nur ein Gewürz durch ein anderes ersetzen müssen", sagt Fritz Katzensteiner vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie. Aufwendige und zeitintensive Testreihen seien notwendig, bis die zahlreichen Reifengrößen und -typen mit denselben Eigenschaften in Bezug auf Rollwiderstand, Abrieb und Nasshaftung angepasst wären. Hinzu käme, dass die Mineralölindustrie die alternativen Öle erst in ausreichender Menge zur Verfügung stellen müsse.

Doch giftfreie Reifen gibt es auch heute schon. Der finnische Hersteller Nokian Tyres ließ erst jüngst verlauten, den "weltweit ersten sauberen Sommerreifen der Geschwindigkeitskategorie W (bis 270 km/h) ohne schädliche hocharomatische Öle"auf den Markt gebracht zu haben und in der gesamten Produktion bis Ende des Jahres 2004 "HA-Öle durch niedrigaromatische Öle ersetzt" haben will. Und laut "Öko-Test" bieten schon seit 1977 viele namhafte Hersteller speziell für den schwedischen Markt Reifen mit gereinigten Weichmacherölen an, die dort als "frei von hocharomatischen Ölen" gekennzeichnet sind.

In ihrer Oktober-Ausgabe hat die Zeitschrift 17 aktuell angebotene Winter- und Ganzjahresreifen im Labor auf ihren PAK-Gehalt untersuchen lassen. Als einzige Hersteller liegen danach Yokohama mit dem Winterreifen AVS Winter V901 sowie der Nokian WR unter dem von der EU-Kommission angestrebten Grenzwert. Über die Hälfte der untersuchten Reifen wurde mit der Note mangelhaft bewertet, weil sie deutlich über dem künftig erlaubten PAK-Gesamtgehalt liegen.



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