Interview mit Jörg Kachelmann "Flachländer haben ihre liebe Müh'"

Wenn im Winter Schneestürme und Eisregen über das Land brausen, bricht auf deutschen Straßen das Chaos aus - obwohl der Wetterbericht dann meist schon längst Alarm gab. Der Schweizer TV-Meteorologe Jörg Kachelmann über Reifenwechsel, winterliche Schneevorhersagen und Verkehrsstaus mit Tee vom Roten Kreuz.


Wetterfrosch Jörg Kachelmann: "Wie das Wetter wird, weiß ich ja"
WDR/ MDR/ DDP

Wetterfrosch Jörg Kachelmann: "Wie das Wetter wird, weiß ich ja"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kachelmann, fahren Sie eigentlich mit Winterreifen?

Kachelmann: Ja, natürlich, in der Schweiz ist eigentlich nicht die Frage ob, sondern wann. Das ist vielleicht manchmal noch der Gegenstand von philosophischen Betrachtungen. Gewechselt aber wird in jedem Fall.

SPIEGEL ONLINE: Wann wechseln Sie denn?

Kachelmann: Nun, ich wohne ziemlich weit oben, da steht der Winter relativ früh ins Haus, und wir haben schon mal zwei Meter Schnee und mehr. Da wechsele ich die Reifen meist schon im September. Ich weiß ja genau, wann es kalt wird. Wenn man weiter unten im Flachland wohnt, da reicht es oft auch erst im Oktober.

SPIEGEL ONLINE: Wechseln Sie die Reifen selber?

Kachelmann: Nö, die Welt ist ja arbeitsteilig. Ich möchte auch nicht, dass meine Werkstatt den Wetterbericht macht, also wechsele ich auch nicht die Reifen.

SPIEGEL ONLINE: Fahren Sie mit dem Auto zur Arbeit?

Kachelmann: Ja, ich muss schon noch ein Stück fahren. Ich wohne aber auf dem Land, da gibt's kein Problem mit Staus, ich komme eigentlich immer gut voran.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie nicht schon mal der Wetterbericht im Stich gelassen? So dass Sie plötzlich ohne Vorwarnung in einen Eisregen geraten sind?

Kachelmann: Na, die Vorhersagen mache ich ja selber, da weiß ich schon sehr gut Bescheid, wie das Wetter wird. Das gibt's gar nicht, solche Fehler machen wir nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber es kommt nun wirklich öfter vor, dass im Wetterbericht von leichter Quellbewölkung die Rede war und man sieht plötzlich die Straße nicht mehr im Platzregen.

Kachelmann: Man muss natürlich den richtigen Wetterbericht gucken. Mit Verlaub, man kann die Vorhersagen heute schon richtig gut machen. Wenn Sie zum Beispiel eine Wetterstation an einer Straße haben, dann beträgt der Fehler bei der Temperaturvorhersage nach 36 Stunden im Schnitt 0,8 Grad Celsius. Wir sind gerade dabei, die Straßenwettervorhersage noch deutlich zu verbessern. Sie können heute schon genau sagen, in welchen Streckenabschnitten zum Beispiel Aquaplaning-Gefahr auftreten wird und wann es wo schneit. So etwas könnte man ins Navigationssystem einbauen, technisch geht das. Die Automobilindustrie versteht das jetzt, allerdings recht langsam.

SPIEGEL ONLINE: Aber bis dahin stehen auch Sie sicher diesen Winter wieder im Stau...

200 Worte für Schnee: "Entscheidend ist nur, ob der Schnee auf der Straße liegen bleibt oder nicht"
AP

200 Worte für Schnee: "Entscheidend ist nur, ob der Schnee auf der Straße liegen bleibt oder nicht"

Kachelmann: Ich bin es gewohnt, auf Schnee und Eis zu fahren. Wenn ich aber sehe, dass irgendwo in Deutschland ein bisschen Schnee kommt, versuche ich das Gebiet weitläufig zu umfahren oder rechtzeitig meine Termine umzulegen, um nicht auf den Straßen unterwegs sein zu müssen. Die Erfahrung zeigt, dass es dann regelmäßig zu einer größeren Chaosveranstaltung kommt.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, Flachländer sind nicht so winterfest?

Kachelmann: Ja, die Flachländer haben ihre liebe Müh. Außerdem sind eben viele doch noch mit Sommerreifen unterwegs. Da braucht es nur eine Steigung, und nichts geht mehr. Das sind dann immer diese Geschichten, wo die Autobahn für zwölf Stunden zum Parkplatz wird und das Rote Kreuz mit dem heißen Tee kommt. Wenn es irgendwo starken Schneefall auf einem Autobahnstück gibt, wo es sonst nicht so oft schneit, dann verlasse ich die Autobahn rechtzeitig und suche mir einen anderen Weg. Es braucht ja nicht viel. Ein Lkw bleibt liegen, das war's dann. Das passiert auch im städtischen Raum, so wie vergangenes Jahr rund um Chemnitz, als nichts mehr ging. Oder in Köln, wenn es dort mal einen Zentimeter Schnee gibt, dann bricht erst einmal für Stunden der Verkehr zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch schon mal mit Rot-Kreuz-Tee versorgt worden?

Kachelmann: Bevor der Tee kam, bin ich noch rechtzeitig von der Autobahn runter. Es hatte wie der Bär geschneit, und es gab eine Vollsperrung auf der Autobahn. Ich habe die Fahrt beendet und bin über Nacht in so einer kleinen Landpension geblieben, irgendwo im hessisch-thüringischen Grenzgebiet.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit im Voraus können Sie eigentlich das Wetter vorhersagen?

Kachelmann: Nach drei bis fünf Tagen ist Ende. Es sei denn, wenn mal ein richtig dickes Hoch da ist, dem man ansieht, dass es sich nicht in einer Woche verzogen hat. Im Prinzip aber ist nach maximal fünf Tagen Sense.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch Vorhersagen, die im Herbst verraten, wie streng oder milde der Winter wird.

Kachelmann: Das ist vollkommener Blödsinn. In Deutschland ist es nun mal so, dass der Glaube beziehungsweise Aberglaube etwas weiter verbreitet ist als anderswo. Nehmen Sie das so genannte Biowetter, wo Nierenkolik- oder Rheuma-Vorhersagen gemacht werden. Das finden Sie in keinem anderen Land der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Als Deutschland sich 2000 als Ausrichter für die Fußball-WM bewarb, da hatte der DFB für seine Bewerbungsunterlagen sogar einen Wetterbericht für das Jahr 2006 eingeholt...

Kachelmann: Da kann der DFB auch würfeln oder heute Jürgen Klinsmann entscheiden lassen, wie das Wetter wird, das hat genau die gleiche Wahrscheinlichkeit. Es gibt halt immer wieder Scharlatane, die behaupten, solche Vorhersagen treffen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Ist Winterwetter mit all seinen Nieselregen- und Platzregen-Varianten, Graupelschauern und Schneestürmen eigentlich schwerer vorherzusagen als das Wetter im Sommer?

Kachelmann: Nein gar nicht, eher leichter. Weil man diese örtlichen Gewitter nicht hat, wo es an einem Ort mächtig knallt und fünf Kilometer entfernt gar nichts passiert. Solche Wettergeschichten gibt es im Sommer häufiger.

SPIEGEL ONLINE: Die Lappen in Nordskandinavien unterscheiden bis zu 200 verschiedene Wörter für Schnee. Sie als Experte müssten ja einen ähnlichen Wetterwortschatz haben.

Kachelmann: Überhaupt nicht. Entscheidend ist eigentlich nur, ob der Schnee auf der Straße liegen bleibt oder nicht. Und das hängt mit der Luft- und der Bodentemperatur zusammen, die wir wiederum recht genau vorhersagen können. Das ist für uns entscheidend.

SPIEGEL ONLINE: Bei welchem Wetter lassen Sie den Wagen stehen?

Kachelmann: Wenn ich weiß, dass gar nichts mehr geht, lege ich meine Termine um oder fahr mit dem Zug. Wenn ich zum Beispiel in einem Dorf im bayerischen Wald einen Termin habe und weiß, da werde ich nie und nimmer hinkommen, dann fahre ich lieber einen Tag vorher dahin, bevor der Schneesturm losgeht. Wie das Wetter wird, weiß ich ja.

Das Interview führte Philip Wesselhöft



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