Michelin Reifentest Ab in den Wald

Längs- oder Querrillen, Pfeilmuster oder Zick-Zack-Linie - der Reifenhersteller Michelin fahndete bei einem Workshop am Polarkreis nach dem optimalen Profil und der besten Gummimischung für Winterpneus.


Michelin Winterreifentest in Lappland

Michelin Winterreifentest in Lappland

Rovaniemi, die Hauptstadt des finnischen Teils Lapplands, ist für drei Dinge bekannt: Der Weihnachtsmann hat hier sein offizielles Büro (geöffnet im Dezember von Mo-So, jeweils 8-18 Uhr), der Polarkreis kreuzt die Landebahn des Flughafens (der zweitgrößte Finnlands) und Schnee liegt zuverlässig von Oktober bis Mitte Mai. Das ist der Grund, warum eine halbe Stunde außerhalb der 36.000-Einwohner-Stadt ein gutes Dutzend Autos - frontgetriebene VW Golf und Dreier-BMW mit Hinterradantrieb - über den tief verschneiten Parcours des Arctic Driving Center kurven.

Minus 22 Grad zeigt das Thermometer an diesem Morgen. Der Schnee knirscht trocken. Gestern hat es frisch und pulvrig geschneit, und morgen sollen die Temperaturen wieder bis auf den Gefrierpunkt steigen: Das bedeutet nassen Sulz. Man versteht, warum die Inuit - die Tundra-Bewohner, die nur wenige hundert Kilometer nördlich leben - 64 verschiedene Sorten Schnee unterscheiden. Lappland bietet beste Voraussetzungen, um das Fahrverhalten von Winterreifen zu testen.

Am Polarkreis sind die Tage kurz und kalt

Am Polarkreis sind die Tage kurz und kalt

Ein roter Golf schlittert durch einen Slalomkurs, die Scheinwerfer tauchen die verschneite Strasse in kaltes Licht. 10 Uhr vormittags, und viel heller als in dieser diffusen Morgendämmerung wird es heute nicht. Am Polarkreis sind die Nächte lang und die Tage kurz und kalt. In verschiedenen Versuchsanordnungen (Haftung, Bremsen, Slalom, Kreisverkehr) werden unterschiedliche Reifenprofile einem bislang einzigartigen Vergleich unterzogen.

Dafür hat Michelin etwa hundert in Frankreich in Handarbeit hergestellte Reifen mitgebracht, die es bei keinem Händler zu kaufen gibt. Ziel ist es, die Eigenschaften einzelner Profilmerkmale unter idealen Winterbedingungen zu testen. "Der Reifen ist ja das Autoteil, dass vom Fahrer am weitesten entfernt ist", sagt Michelin-Sprecher Jan Hennen. "Und doch hängt sein Leben davon ab: Der Reifen hat den Kontakt zur Straße, nicht das teure Autoradio."

Haftungstest in schneesicherer Umgebung
Philip Wesselhöft

Haftungstest in schneesicherer Umgebung

Auch dazu dient der Workshop in Lappland: Die Autofahrer "für das Low-Interest-Produkt 'Reifen' zu sensibilisieren", wie es Hennen formuliert. Dabei werden keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse erwartet. Aber im direkten Vergleich erst einen Wagen mit Querrillen-, dann einen mit Längsrillenprofil auf den Pneus über die Parcours zu steuern, ist selbst für alte Hasen unter den 50 Motorjournalisten eine neue Erfahrung. Darauf deutet jedenfalls die erstaunlich hohe Einsatzquote des Michelin-eigenen Abschleppdienstes hin - immer wieder werden Testwagen aus dem finnischen Winterwald gezogen.

Vor allem wird deutlich, wie wichtig gerade für die Haftung Lamellen-Einschnitte im Reifenprofil sind. Während ein Wagen mit Längsrillen-Reifen erst kaum vom Fleck und dann fast nicht zum Stehen kommt, meistert der Gummi-Bruder mit 2200 feinen Lamellen-Schnitten die Prüfungen je nach Schneeverhältnissen um bis zu 50 Prozent besser. Beim Slalom allerdings halten Längsrillen - ein Profil, das in der Formel 1 zum Einsatz kommt - auch ohne Lamellen gut die Spur.

Workshop zum Thema Quer- und Längsrillen
Philip Wesselhöft

Workshop zum Thema Quer- und Längsrillen

Traktions- und Bremssieger ist allerdings der Reifen mit Querrillen, der in ähnlicher Form in der Landwirtschaft und auf Baustellen genutzt wird, wo sicheres Anfahren und Halten wichtig sind. Im Slalom-Kurs gelingt es dabei kaum, den Wagen mit Querrillen-Profilen in einer akzeptablen Zeit um die Pylonen zu steuern. Zahlreiche der steifgefrorenen Markierungshütchen zerplatzen unter unkontrolliert rutschenden Reifen.

In einer anderen "Profil-Familie" mit verschiedenen Pfeil- und Zick-Zack-Mustern auf den Laufflächen geht der Reifen mit der Profilvariante "Pfeil vorwärts" als Sieger hervor; vor allem beim Slalom hält dieser Pneu überzeugend die Spur. Nicht umsonst tragen daher viele herkömmliche Winterreifen ein "Tannenbaum-Design". Auf glatten Strecken bietet so ein Profil Haftung, gute Führung und ordentliches Bremsverhalten.

Klar wird, dass bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt die Gummimischung an Bedeutung gewinnt gegenüber der feinverzahnten Profilierung: Daher werden für Skandinavien auch Reifen mit einer besonderen Gummimischung hergestellt, die im mitteleuropäischen Schneematsch kaum eine Chance hätten.

Versuchswagen, die nur mit Sommerreifengummi auf einem kurvenreichen Kurs unterwegs sind, landen reihenweise im Abseits des Testgeländes. Überraschend ist das nicht - warum sollte es auch sonst Winterreifen geben? Doch die gravierenden Unterschiede erstaunen nicht nur die Journalisten - auch ein besonders selbstbewußter Michelin-Mitarbeiter parkt den sommerbereiften BMW - zur Freude der Kollegen - gleich in der ersten Linkskurve in einer großen Schneewehe.

Philip Wesselhöft



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