Projekt "Awake" Sensoren registrieren Übermüdung am Steuer

Die Augen fallen zu, der Kopf knickt zur Seite - übermüdete Autofahrer verursachen immerhin über ein Viertel aller Unfälle auf Autobahnen. Im Projekt "Awake" forscht ein internationales Konsortium an einem Warnsystem, das Augenlider, Blickrichtung und Händedruck am Lenkrad kontrolliert.


Projekt "Awake": Das Foto zeigt die Pupillenerfassung mittels Kamera

Projekt "Awake": Das Foto zeigt die Pupillenerfassung mittels Kamera

Stuttgart - Wird ein Autofahrer zu müde fürs Lenken, leuchtet ein Warnschild im Rückspiegel auf - oder eine Stimme macht ihn darauf aufmerksam, dass er eine Pause einlegen sollte. Ein solches Müdigkeitswarnsystem könnte in zehn Jahren zur Standardausrüstung in deutschen Autos gehören. Eine der möglichen Technologien wird derzeit im Projekt "Awake" erforscht, einem internationalen Konsortium, gefördert von der Europäischen Kommission.

Beteiligt sind auch die Automobilhersteller DaimlerChrysler, Volvo und Fiat. Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart spielt eine Schlüsselrolle, wie der Leiter des Competence Centers Human Engineering, Harald Widlroither, im ddp-Interview sagte.

Sekundenschlaf bis zum Einschlafen: Bei 25 bis 30 Prozent aller Autobahn-Unfälle spielt Übermüdung eine Rolle

Sekundenschlaf bis zum Einschlafen: Bei 25 bis 30 Prozent aller Autobahn-Unfälle spielt Übermüdung eine Rolle

Die Forschungen konzentrieren sich darauf, die Ermüdung eines Autofahrers so früh wie möglich zu erkennen. Widlroither zufolge tritt Ermüdung laut Untersuchungen nicht plötzlich auf, sondern vollzieht sich in einem allmählichen Prozess von geminderter Aufmerksamkeit über den bekannten Sekundenschlaf bis hin zum Einschlafen. Die Verkehrsforschung gehe davon aus, dass bei 25 bis 30 Prozent aller Unfälle auf Autobahnen Müdigkeit eine zentrale Ursache sei. Solche Unfälle seien häufig schwerer als andere, weil ein weggenickter Fahrer keine Ausweich- oder Bremsmanöver mehr einleitet.

Durch Sensordaten über den Fahrerzustand und sein Fahrverhalten diagnostiziert "Awake" eintretende Müdigkeitsphasen: Eine Infrarotkamera verfolgt die Bewegungen seiner Augenlider und die Blickrichtung. Ein Sensor im Lenkrad misst, wie kräftig er es hält. Schließlich werden mögliche Spurabweichungen, der Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und anderes aufgezeichnet.

Fahrermüdigkeit: Lidschläge mit kurzen Phasen, in denen das Lid geschlossen ist, charakterisieren den Wachzustand (oben). Bei Ermüdung (unten) bleibt das Lid über Sekunden hinweg geschlossen, danach folgen normale Lidschläge

Fahrermüdigkeit: Lidschläge mit kurzen Phasen, in denen das Lid geschlossen ist, charakterisieren den Wachzustand (oben). Bei Ermüdung (unten) bleibt das Lid über Sekunden hinweg geschlossen, danach folgen normale Lidschläge

Am Ende sollen die Treffsicherheit bei 90 Prozent und der Anteil der Fehlalarme unter einem Prozent liegen. Nach den Worten von Widlroither sind inzwischen die meisten Probleme gelöst. In drei bis vier Jahren kann "Awake" nach seiner Schätzung erstmals in der Praxis eingesetzt werden. Widlroither könnte sich vorstellen, dass das System für einzelne Bereiche des gewerblichen Verkehrs sogar vorgeschrieben werde.

Manfred Dangelmaier, der Leiter des Vehicle Interaction Labs am Fraunhofer IAO, sieht ein großes Potenzial für unterstützende Fahrerassistenzsysteme. Prinzipiell ließen sich mit dieser Technologie neben Müdigkeit auch andere kritische Fahrerzustände identifizieren. Insbesondere Phasen eingeschränkter Leistungsbereitschaft etwa durch Medikamenteneinfluss, Alkohol- oder Drogenkonsum stehen nach seinen Worten im Blickpunkt der weiteren Forschung.

Von Andreas Alt, ddp



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