Schrauber-ABC Wann Billigersatzteile sinnvoll sind

Geht das Auto in die Brüche, können Bastler so manchen Euro sparen, wenn sie nicht gleich zum Originalersatzteil greifen. Und Ident-, Nachbau- oder AT-Teile können durchaus genügen, wichtig ist vor allem die Art der Reparatur.


Teilesuche auf dem Schrottplatz: Verrostete Fundstücke sind nicht geeignet
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Teilesuche auf dem Schrottplatz: Verrostete Fundstücke sind nicht geeignet

München/Landsberg - Der Werkstattbesuch kann Autofahrern die Laune verderben: Selbst wenn nur wenige Dinge zu reparieren sind, kommen für die Rechnung oft einige hundert Euro zusammen. Um zu sparen, greift mancher Halter daher selbst zum Schraubenschlüssel und organisiert sich Ersatzteile aus alternativen Quellen. Doch wer sich auf Schrottplätzen, Flohmärkten oder im Internet bedient, nimmt möglicherweise Sicherheitsrisiken in Kauf. Selbst bei nachgebauten Teilen aus dem Zubehörhandel stellen Experten Qualitätsunterschiede fest, die sich negativ auf die Verkehrssicherheit auswirken können.

Unterschieden wird bei Ersatzteilen nach Angaben von Reinhard Staebler, Technischer Leiter der Überwachungsorganisation des TÜV Süddeutschland in München, zunächst zwischen Originalersatzteilen der Autohersteller und sogenannten Identteilen, die von Zulieferern auf denselben Maschinen gefertigt werden. Allerdings werden sie im freien Handel unter eigenem Label verkauft. Darüber hinaus gebe es Nachbauteile anderer Firmen, aufbereitete Austauschteile sowie gebrauchte Teile, die beispielsweise bei Schrottverwertern erhältlich sind.

Welche Teilesorte für die Eigenreparatur in Frage kommt, ist laut Staebler von der Art der Reparatur abhängig. So genügten bei nicht sicherheitsrelevanten Bauteilen wie Kotflügeln oder Schalldämpfern durchaus gebrauchte Teile. Auch Dieter Anselm, Leiter des Allianz Zentrums für Technik (AZT) in München, hat in diesen Fällen grundsätzlich nichts gegen eine Reparatur mit Gebrauchtteilen einzuwenden, da Maße und Material wie bei Originalteilen beschaffen sind. "Der Kunde kann das unbedenklich bei Karosserieteilen machen", sagt der Reparaturforscher. Ein Vorteil sei, dass Gebrauchtteile rund 30 bis 50 Prozent günstiger sind als Originalteile der Autobauer.

Typgenehmigungszeichen auf Schrottteilen

Wer sich bei "Ausschlachtern" oder auf Schrottplätzen umschaut, sollte allerdings darauf achten, in welchem Zustand die Teile sind, empfiehlt Anselm: Sind sie verrostet, sei von einer Verwendung abzusehen. TÜV-Mitarbeiter Staebler rät, auf die eingeprägten Typgenehmigungszeichen zu achten, um abzugleichen, ob das Gebrauchtteil auch für den jeweiligen Fahrzeugtyp geeignet ist. "Wenn die Zeichen nicht mehr zu erkennen sind, sollte man abraten."

Flohmarktstöbern: Bei sicherheitsrelevanten Ersatzstücken ist Vorsicht angesagt
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Helmut Klein vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg (Bayern) warnt zudem vor gebrauchten mechanischen Ersatzteilen, deren Laufleistung nicht bekannt ist: "Man weiß nicht, was das Teil in seinem Vorleben schon durchgemacht hat." Es sei außerdem nicht sicher, ob es nach dem Einbau im Auto auch wirklich funktioniert.

Gänzlich unproblematisch sind laut Klein jedoch Austauschteile der Autohersteller. Zwar sind auch diese sogenannten AT-Teile gebraucht. Allerdings wurden Verschleißteile wie Lager oder Dichtungen zuvor vom Hersteller erneuert. "Der Hersteller übernimmt dafür die Garantie", erklärt Klein. Eine Alternative zu Neuteilen sind sie allemal: Sie kosten laut Klein nur 60 bis 70 Prozent des Neuteilpreises. Auch gegen Identteile haben die Experten nichts einzuwenden - schließlich handelt es sich bei ihnen laut Dieter Anselm um ein vom Zulieferer gefertigtes Originalteil, das unter eigenem Namen verkauft wird.

Deutlich skeptischer sehen die Experten dagegen die so genannten Nachbauteile, die laut Anselm ebenfalls 30 bis 50 Prozent günstiger als Originalteile sein können. Diese Art von Ersatzteilen wird jedoch dem AZT-Chef zufolge von Drittfirmen produziert, die keine Daten über die Spezifikation der Originalteile haben. "Sie müssen die Teile also wirklich "nachbauen"", erklärt Anselm. Das Material könne daher ein anderes sein. Studien am AZT, bei denen äußere Karosserieteile untersucht worden waren, hätten zudem ergeben, dass die Maßgenauigkeit "zu wünschen übrig lässt": "Man bekommt Schwierigkeiten, die Teile im Verbund zu montieren", erklärt Anselm.

Nachbauteile für ganze Fahrzeugkategorie

Auch TÜV-Experte Staebler weist auf Qualitätsunterschiede zwischen Nachbau- und Originalteilen hin, die mitunter "gewaltig" sind. So seien Nachbauteile oft "billiger" gefertigt. Bei Auspufftöpfen würden etwa dünnere Bleche verwendet, außerdem werde am Rostschutz gespart.

Nach Angaben von ADAC-Technikexperte Klein kann es darüber hinaus vorkommen, dass Nachbauteile nicht exakt auf den entsprechenden Fahrzeugtyp abgestimmt sind. So könnten etwa bei Bremsbelägen die Reibwerte ungenauer sein, indem sie undifferenziert für eine ganze Fahrzeugkategorie ausgelegt sind. "Bei allem, was mit der Sicherheit zu tun hat - zum Beispiel Bremsen oder Lenkung -, sollte man keine Abstriche machen", rät TÜV-Experte Staebler. In diesen Fällen sollten daher für Reparaturen nur Originalersatzteile verwendet werden.

Doch selbst bei nicht auf den ersten Blick sicherheitsrelevanten Teilen wie Kunststoffstoßfängern können Nachbauteile ein erhebliches Risiko für die Verkehrssicherheit darstellen, wie die Untersuchungen am AZT ergaben. Bei Crashtests bei minus 20 Grad Celsius splitterten die Nachbauteile laut AZT-Leiter Anselm ganz anders als die Originalteile, weil auf Grund der anderen Materialzusammensetzung die Kältefestigkeit nicht gegeben war. Es entstanden scharfkantige Beschädigungen, die bei einem Unfall mit Fußgängern schwere Verletzungen hervorgerufen hätten.

Von Felix Rehwald, gms



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