Sensoren-Technik Mit geschärften Sinnen

Sehen kann es, hören, fühlen und fast sogar schmecken. Das moderne Auto ist ausgerüstet mit einem Netzwerk von elektronischen Fühlern, die die Sinne des Autofahrers unterstützen sollen. Ohne den Orientierungssinn des Navigationssystems gar wäre so mancher verloren.


Künstliches Auge hinter dem Kühlergrill: Bei Mercedes trägt das System, das automatisch den Abstand zum Vordermann hält, den Namen Distronic
GMS

Künstliches Auge hinter dem Kühlergrill: Bei Mercedes trägt das System, das automatisch den Abstand zum Vordermann hält, den Namen Distronic

Rüsselsheim/Schwalbach - Normalerweise soll ein Auto einfach nur fahren. Doch damit es diesen Zweck sicher und komfortabel erfüllen kann, bekommt es inzwischen immer häufiger "scharfe Sinne" eingebaut: Denn so, wie der Mensch mit Augen, Ohren, Haut und Nase seine Umgebung wahrnimmt und daraus die richtigen Schlüsse zieht, so können auch moderne Autos mit einem Netzwerk von Sensoren sehen, hören, fühlen, riechen und beinahe sogar schmecken.

Dabei haben die Fahrzeuge sogar viel mehr "Sinnesorgane" als der Mensch: Schon Mittelklasse-Limousinen wie der Opel Vectra kommen nach Angaben des Unternehmens in Rüsselsheim auf mehr als 40 elektronische Fühler. Und bei Luxuslimousinen vom Schlag des neuen Audi A8 oder des 7er BMW sind es noch deutlich mehr. All das schlägt sich allerdings in höheren Anschaffungskosten nieder.

Zu den wichtigsten Disziplinen zählt das technische Sehen, für das die Automobilentwickler verschiedene Methoden einsetzen: So helfen nach Angaben von BMW in München zum Beispiel Ultraschall- oder Infrarotsensoren beim Einparken ohne Schrammen. Ein künstliches Auge hält bei fast allen Mercedes-Modellen als aufpreispflichtige Option den richtigen Abstand zum Vordermann - das System heißt Distronic. Fahrlichtassistenten erkennen die Dämmerung und schalten automatisch die Scheinwerfer ein. Spiegel können starken Lichteinfall "sehen" und blenden selbständig ab, und bei manchen Modellen erkennt ein "Auge" Regentropfen an der Frontscheibe und aktiviert die Scheibenwischer.

Abstandshalter: Das ADR-System im VW Phaeton beschleunigt oder bremst automatisch
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Abstandshalter: Das ADR-System im VW Phaeton beschleunigt oder bremst automatisch

Aber Autos können nicht nur sehen sie hören auch. So erkennen in manchen Wagen "künstliche Ohren" den Geräuschpegel im Innenraum und erhöhen bei zunehmender Geschwindigkeit zum Beispiel die Lautstärke des Radios. Außerdem entwickeln Zulieferer wie Siemens VDO Automotive in Schwalbach (Hessen) nach eigenen Angaben neue Systeme, bei denen eine Elektronik permanent das Motorengeräusch überwacht, um mit "Gegenschall" eine angenehme Geräuschkulisse entstehen zu lassen.

Ein echter Tastsinn ist bei Autos zwar noch nicht vorhanden, doch zwischen Wohl und Wehe kann durchaus unterschieden werden. So regelt nach Angaben von VW in Wolfsburg ein ganzes Netzwerk intelligenter "Fühler" den Betrieb der Klimaanlage im Flaggschiff Phaeton so, dass sich jeder Passagier unabhängig von Sonnenstand, Luftfeuchtigkeit und den klimatischen Wünschen seines Sitznachbarn wohl fühlen kann.

Zudem verhilft die Klimaanlage dem Auto sogar zu einer künstlichen "Nase". Denn immer mehr Fahrzeuge verfügen über einen Sensor, der nach Angaben von Volvo Deutschland in Köln die Qualität der Umgebungsluft erfasst und zum Beispiel bei Fahrten im Tunnel oder hinter einem stinkenden Lkw von selbst auf Umluftbetrieb schaltet.

Sensoren im Härtetest: Die "Sinne" des Audi werden auf der "Rüttelbühne" auf die Probe gestellt
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Selbst einen Geschmackssinn haben die Tüftler dem Auto bereits mit auf den Weg gegeben. Nicht umsonst erkennen die meisten Fahrzeuge die Qualität des Treibstoffs und regeln das so genannte Klopfen im Motor entsprechend nach. Bei Mercedes gibt es nach Angaben der Pressestelle in Stuttgart einen Fühler in der Motorwanne, der am "Geschmack" erkennen soll, wann der nächste Ölwechsel bevorsteht.

Die "Sinne" eines Autos sind lange nicht so empfindlich und flexibel wie die des Menschen. Doch in ihren Spezialdisziplinen ist die künstliche Sensibilität der Natur oft überlegen. Das gilt auch für das Navigationssystem. Denn während der Orientierungssinn bei manchem Menschen so schlecht ausgeprägt ist, dass er nach drei Kreuzungen nicht mehr zurückfindet, wissen moderne Autos mit Hilfe von Satellitenpeilung fast immer, wo es langgeht.

Einparkhilfe: Die "Augen" im Heck des BMW ergänzen den Hörsinn des Autofahrers
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Sogar den viel zitierten "sechsten Sinn" zur instinktiven Abwehr von Gefahren haben mittlerweile die meisten Autos: das elektronische Stabilitätsprogramm ESP und die Airbags. Zwar setzen sie dabei nicht wie der Mensch auf Instinkt und Intuition, doch mit Hilfe der Sensoren für Lenkwinkel, Raddrehzahl, Querbeschleunigung und Crash-Erkennung merken auch sie ziemlich zuverlässig, wenn eine Situation brenzlig wird und die Notfallroutine gestartet werden muss.

Dabei sind die Sinne eines Autos nach Angaben von Opel selbst im Stand noch geschärft: Mit Alarmsensoren für Glasbruch, Türöffnung und Fahrzeugneigung wacht zum Beispiel der neue Opel Vectra auch im Parkhaus darüber, dass er nicht unrechtmäßig den Besitzer wechselt.

Von Thomas Geiger, gms



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