Tempo ohne Limit Beschränkung auf 250 km/h bröckelt

Bei Tempo 250 ist Schluss - diese Regel gilt seit den achtziger Jahren für die stärksten Fahrzeuge aus deutscher Produktion. Bis auf den Sportwagenhersteller Porsche und einige Tuner hatten sich die Autobauer auf diese Beschränkung geeinigt. Das selbst aufgelegte Limit beginnt allerdings zu bröckeln.


Wolfsburg - Volkswagen will das Top-Modell der Luxuslimousine Phaeton auf Wunsch auch ohne elektronisches Abregeln liefern: "Serienmäßig wird der Phaeton mit einer auf 250 km/h beschränkten Höchstgeschwindigkeit angeboten", sagt VW-Sprecher Jens Bobsien. "Auf speziellen Kundenwunsch wird es jedoch auch eine 'ungebremste' Ausführung geben, die eine Geschwindigkeit von etwa 285 Stundenkilometern erreicht." Wie hoch der Anteil der schnellen Phaetons sein wird, lässt sich laut Bobsien noch nicht absehen.

Der Mercedes SL 55 AMG ist auf besonderen Wunsch bis zu 280 km/h schnell

Der Mercedes SL 55 AMG ist auf besonderen Wunsch bis zu 280 km/h schnell

Bei Mercedes können gut Betuchte schon jetzt fündig werden. Dort wird der SL 55 AMG als betont sportliche Ausführung des Luxus-Roadsters auf Wunsch bereits ohne Tempobegrenzung ausgeliefert. "Die Maßnahme kostet 1500 Euro inklusive neuer Reifen für die höhere Geschwindigkeit", sagt Mercedes-Sprecher Florian Moser in Stuttgart. Möglich sind mit dem schnellen SL dann 275 bis 280 km/h.

Allerdings weist der Sprecher darauf hin, dass dieses Auto nur in "homöopathischen Dosen" verkauft wird. Bei den übrigen Modellen mit dem Stern bleibe es dagegen bei Tempo 250 - vorerst: "Wenn der Kunde vermehrt Autos ohne Begrenzung verlangt, müsste man sicher noch einmal darüber nachdenken."

Als nächster Kandidat für das Durchbrechen der selbst errichteten Tempobarriere wird von vielen Experten Audi angesehen. Schließlich präsentierten die Ingolstädter mit dem 331 kW/450 PS starken RS 6 gerade eine Kraft-Limousine, die ohne technische Eingriffe wohl knapp 300 km/h erreichen würde. Gemunkelt wurde daher bereits von einer Version, die zumindest bis 280 km/h fahren dürfte.

Der Audi RS6 Avant schafft theoretisch knapp 300 Sachen

Der Audi RS6 Avant schafft theoretisch knapp 300 Sachen

Doch eine solche Ausführung wird es vorerst auch "nicht für Geld und gute Worte" geben, so Audi-Sprecher Udo Rügheimer. "Bei uns gibt es derartige Überlegungen nicht. Wir halten uns bis auf weiteres an die Selbstbeschränkung." Wobei man aber immer die Konkurrenz im Auge behält: "Wenn natürlich komplett alle Mitbewerber davon abrücken, müssen wir neu überlegen."

Bei BMW in München gibt es laut Sprecher Andreas Sauer zur Zeit auch keine Überlegungen, die Höchstgeschwindigkeiten zu erhöhen. "Alle Modelle werden bei 250 abgeregelt." Das gelte auch für die besonders sportlichen M3- und M5-Modelle.

Wenn sich jedoch die Liga der deutschen Nobel-Hersteller einmal doch nicht mehr damit abfinden sollte, dass ungebremste Phaeton die Überholspur beherrschen, muss sie sich vermutlich nicht einmal auf einen großen Aufschrei der Verkehrssicherheitsexperten einstellen.

BMW M3: Bis auf weiteres bei 250 km/h angeregelt

BMW M3: Bis auf weiteres bei 250 km/h angeregelt

"Für uns ist das kein fundamentales Thema", sagt Rainer Hessel, Geschäftsführer der Deutschen Verkehrswacht (DVW) in Meckenheim bei Bonn. "Man kann mit einem Auto auch unterhalb von Tempo 250 viel Blödsinn anstellen." Und gerade in den vielen anderen Bereichen des täglichen Verkehrs geschehe ein Großteil der Unfälle - Hochgeschwindigkeitsunfälle seien dagegen relativ selten.

Allerdings weist Hessel ebenso wie ADAC-Sprecher Maximilian Maurer in München darauf hin, dass sehr große Geschwindigkeitsdifferenzen auf den Autobahnen Gefahren bergen. Wer mit durchschnittlichem Autobahntempo auf die Überholspur ausschert, wird vermutlich arg überrascht sein, wie schnell sich ein mehr als 250 km/h schnelles Auto nähert - dessen Fahrer wiederum dürfte alle Mühe haben, die brisante Situation zu entschärfen.

Abgesehen davon hat die Justiz längst erkannt, dass es schon bei niedrigeren Geschwindigkeiten gefährlich wird. "Es gibt eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes, die festlegt, dass die Betriebsgefahr im Auto ab Tempo 180 steigt", sagt Maximilian Maurer. "Bei höherem Tempo muss immer damit gerechnet werden, dass man bei einem Unfall eine Mitschuld bekommt."

Von Heiko Haupt, gms



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.