Oldtimer in der Klimakrise Wohin mit Opa?

Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor stehen vor dem Aus, nach der Bundestagswahl könnte es noch schärfere Regeln und höhere Anforderungen an sie geben. Nur Oldtimer wurden bislang verschont. Die Szene kämpft um ihre Privilegien.
Mehr als 660.000 historische Fahrzeuge registrierte das Kraftfahrzeugbundesamt Anfang 2021 in Deutschland

Mehr als 660.000 historische Fahrzeuge registrierte das Kraftfahrzeugbundesamt Anfang 2021 in Deutschland

Foto: Haiko Prengel

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Im Reservat für bedrohte Autos in der Berliner Classic Remise ist der Mercedes 450 SEL 6.9 gewissermaßen der Platzhirsch. Kein Nachkriegs-Daimler hatte einen größeren Motor, fast sieben Liter Hubraum misst das Triebwerk der S-Klasse aus den Siebzigern. Trotz des enormen Benzindurstes von über 20 Litern auf 100 Kilometer gibt es Liebhaber, die solche automobilen Dinosaurier heute noch mit Begeisterung fahren – als gäbe es keine Klimakrise.

Alte Autos haben einen schweren Stand. Die Welt steht vor einer Zeitenwende, die drohende Umweltkatastrophe macht neue Mobilitätsformen dringend notwendig. Selbst jüngere Benziner und Diesel werden aussortiert, um sie durch Fahrzeuge mit alternativen Antrieben – allen voran Elektroautos – zu ersetzen. Nur an einer Spezies scheint die angestrebte Verkehrswende bislang vorbeizugehen: Oldtimern.

661.520 historische Fahrzeuge registrierte das Kraftfahrzeugbundesamt (KBA) Anfang 2021 in Deutschland. Damit hat sich der Bestand in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht. Gezählt hat das KBA nur Oldtimer, für die man ein Mindestalter von 30 Jahren voraussetzt. Dazu kommen viele sogenannte Youngtimer aus den Neunziger- und frühen Nullerjahren mit den antiquierten Abgasnormen Euro 1 bis 4. Sie müssen noch auf das H-Kennzeichen warten, können aber auch schon Kultstatus haben.

Noch läuft das Geschäft, aber die Szene ist verunsichert

Mehr Fahrverbote, Umweltzonen und höhere Sprit- und CO₂-Preise, wie sie im Bundestagswahlkampf diskutiert werden, könnten all diese Autos bald existenziell bedrohen. Auch höhere Kfz-Steuern würden ihre Erhaltung oft unwirtschaftlich machen.

In der Berliner Classic Remise herrscht dennoch reger Betrieb. Das restaurierte Straßenbahndepot aus der Kaiserzeit ist ein Hotspot für Liebhaber alter Autos. In Werkstätten wird fleißig geschraubt. Ferraris, Lamborghinis und andere kostbare Mobile stehen in gläsernen Einzelboxen, damit das Publikum sie bestaunen kann. Händler bieten hochpreisige Klassiker zum Verkauf an. Noch läuft das Geschäft, aber die Szene ist verunsichert.

»Wie es in Zukunft mit Oldtimern weitergeht, ist schon ein Thema«, sagt Peter Sturzbacher. Er ist Händler in der Berliner Classic Remise, gerade poliert er die Chromstoßstange einer hochbetagten Limousine auf. Seinen richtigen Namen möchte er nicht öffentlich nennen, er fürchtet Anfeindungen der anderen Händler.

Zwar gelte der amtierende Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) in der Oldtimer-Szene als »sichere Bank«, erklärt Sturzbacher. Alte Autos sind das erklärte Hobby von Scheuer. So kaufte sich der Verkehrsminister etwa den alten BMW 3er des früheren CSU-Chefs Franz-Josef Strauß.

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Bedrohte Art

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Doch selbst bei den Christdemokraten mehren sich die Stimmen, die einen radikalen Kurswechsel in der Klima- und damit auch in der Verkehrspolitik fordern. Speerspitze dieser Bewegung ist die KlimaUnion, die die Umweltfrage innerparteilich vorantreiben will – auch mit Blick auf eine mögliche schwarz-grüne Regierungskoalition. Höhere Benzinpreise könnten dann nicht die einzige Maßnahme bleiben.

»Vielleicht wird der künftige Umgang mit alten Autos aber auch auf EU-Ebene geregelt«, meint Klassikerhändler Peter Sturzbacher. »Etwa indem man die Kriterien für das H-Kennzeichen verschärft und es erst ab einem Fahrzeugalter von 40 oder 50 Jahren vergibt.«

Das H-Kennzeichen wurde 1997 in Deutschland eingeführt. Es soll historische Fahrzeuge als besonderes »Kulturgut« schützen. Für Fahrzeuge mit H-Nummer ist die Kfz-Steuer auf 191 Euro gedeckelt. Besitzer von hubraumstarken Oldtimern profitieren davon stark. Für einen Mercedes 450 SEL 6.9 läge die Steuer normalerweise bei fast 1800 Euro. Auch Uralt-Diesel können mit H-Nummer problemlos weiterfahren, zu den Privilegien des Kennzeichens gehört auch die freie Fahrt in die Umweltzonen.

Freie Fahrt in Umweltzonen

Autofahrer reagieren darauf zunehmend verständnislos – insbesondere seitdem Besitzer von deutlich jüngeren Diesel-Pkw in diversen Großstädten mit Fahrverboten belegt wurden, damit die Luft rein gehalten wird. Betroffen sind örtlich Diesel bis zur Abgasnorm Euro 5. Oldtimer ohne Abgasreinigung erfüllen nicht einmal Euro 1.

Für die Vorrechte von Oldtimern setzen sich bundesweit zahlreiche Lobbygruppen und -vereine ein. Messen, Fachwerkstätten, Auktionen, Handel – der anhaltende Hype um alte Autos ist ein Milliardengeschäft. Die Lobby reicht bis in den Bundestag, wo der Parlamentskreis Automobiles Kulturgut für die Interessen von Oldtimer-Besitzern kämpft.

Es drohten keine Fahrverbote, beruhigte der Vorsitzende des Parlamentskreises, Carsten Müller (CDU), die verunsicherte Szene. »Technisches Kulturgut auf zwei, drei, vier oder sogar mehr Rädern wird auch weiterhin auf unseren Straßen erlebbar sein«, zitiert die »Oldtimer Markt«, nach eigenen Angaben Europas größte Fachzeitschrift für klassische Autos und Motorräder, den Parlamentskreisvorsitzenden.

Anlass für die Aufregung ist ein geändertes Straßenverkehrsgesetz, wonach die Behörden Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor Lärm und Abgasen verhängen können. Die Altautoszene interpretierte dies als Einfallstor für Fahrverbote und reagierte geradezu hysterisch. Bei einer Onlinepetition kamen rasch über 50.000 Unterschriften gegen die Gesetzesänderung zusammen, was als Mindestquorum gilt, damit sich die Politik erneut mit dem Thema beschäftigt.

Der Parlamentskreis Automobiles Kulturgut befasste sich am 11. Juni damit, es war die letzte Sitzung vor der Bundestagswahl. Danach beschränkt sich die Gesetzesänderung weitgehend auf bürokratische Umformulierungen: »Die Aufregung, dass Fahrverbote drohen, ist unbegründet«, heißt es im Sitzungsprotokoll. Eine SPIEGEL-Anfrage zur Zukunft von Old- und Youngtimern ließ der Parlamentskreisvorsitzende Carsten Müller unbeantwortet.

Es gibt durchaus gute Argumente für Oldtimer-Freunde

Glücklich über die überhastete Petition war man im Parlamentskreis jedenfalls nicht. Durch deren massenhafte Verbreitung in den sozialen Medien erfahre das Thema eine Beachtung, die »durchaus kontraproduktiv« zu sehen sei, klagte der Lobbyverein Initiative Kulturgut Mobilität in einer Stellungnahme: »Die Quintessenz der anwesenden Politiker lautete dann auch, zunächst einmal im Parlamentsbetrieb keine schlafenden Hunde zu wecken.«

Die Aufregung zeigt gleichwohl exemplarisch, wie gereizt die Oldtimer-Szene den Stimmungsumschwung in der Verkehrspolitik betrachtet. Und wie dünnhäutig eingefleischte Petrolheads auf Kritik an ihrem Hobby reagieren. Rotes Tuch sind für sie vor allem die Grünen, viele Fans klassischer Verbrenner sehen sich von einer Ökodiktatur bedroht. Auch Klimaaktivistinnen wie Greta Thunberg werden angefeindet. Über den Auspuff ihrer Vehikel kleben sich manche Sticker mit der Aufschrift »Fuck you Greta« oder »Fridays for Hubraum«.

Diese Emotionalität aber ist in der Debatte wenig hilfreich und könnte sich sogar als Eigentor erweisen. Sinnvoller wäre es, sachlich zu diskutieren – denn die Liebhaber alter Autos haben durchaus Argumente auf ihrer Seite.

  • Der Drei-Wege-Katalysator wurde am 1. Januar 1989 Pflicht in allen Neuwagen. Viele jüngere Klassiker haben geregelte Abgassysteme und sind bei der Kfz-Steuer daher sogar günstiger als mit H-Kennzeichen. Bei Weitem nicht jedes ältere Auto ist also ein Hubraum-Monster. Und längst nicht alle Oldtimer blasen ungefiltert ihre Abgase in die Luft.

  • Viele, gerade jüngere Old- und Youngtimer sind sogar sparsam. Im Jahr 1988 traten elf Klein- und Kompaktwagen im Test der Fachzeitschrift »Auto Bild« gegeneinander an. Mit einem Durchschnittsverbrauch von 4,47 Litern gewann der Renault 5 GTD, gefolgt vom Daihatsu Charade mit 4,57 Litern und dem VW Golf GTD mit 4,89 Litern. Weil die Autos im Laufe der Jahre immer größer und (auch durch gestiegene Crash-Anforderungen) schwerer wurden, sind viele Neuwagen heute kaum sparsamer.

  • Old- und Youngtimer haben einen geringen Anteil am Pkw-Gesamtbestand. Auf Platz eins der Oldtimer-Zulassungsstatistik lag 2020 der VW Käfer mit fast 40.000 zugelassenen Exemplaren, gefolgt vom Mercedes W123. Aber auch VW »Bulli« T3, BMW 3er und Porsche 911 standen in den Top Ten. Bei über 48 Millionen Pkw liegt der Anteil des Alteisens trotzdem bei nur rund einem Prozent. Verfechter des automobilen Kulturguts führen angesichts der Zahlen gern an, dass Internet-Streamingdienste fettere CO₂-Fußabdrücke als alle Oldtimer in Deutschland zusammen hätten.

  • Viele Oldtimer-Besitzer fahren mit ihren Schätzchen nicht täglich, die Laufleistung ist oft gering. Das aber auch nur, weil sie in der Regel ein Alltagsauto besitzen, was die meisten Versicherungen als Auflage für die günstigen Tarife haben.

Beim letzten Punkt allerdings liegt der Teufel im Detail. Der wohl nicht unerhebliche Teil dieser zugegebenermaßen geringen Laufleistung ist kein Nullsummenspiel, sondern kommt obendrauf. Es handelt sich dabei eben nicht um Fahrten zur Arbeit und so weiter, die sowieso angetreten worden wären, sondern um Genussfahrten, zu Hobbyzwecken eben.

Sind E-Fuels die Rettung?

»Wir lieben Oldtimer« heißt eine Broschüre, die der ADAC zusammen mit Fachverbänden erstellt hat. »Diese Zusammenstellung kann für Oldtimer-Besitzer hilfreich sein, um in einer manchmal aufgeheizten Diskussion sachliche Argumente für das Fahren unserer geliebten Oldtimer parat zu haben«, wirbt Deutschlands größter Automobilklub, der selbst am Klassikergeschäft mitverdient; etwa mit Oldtimer-Rallyes oder Classic-Car-Versicherungen für Pkw »bereits ab einem Alter von 20 Jahren«.

»Studien belegen, dass mit Oldtimern im Schnitt nur 1500 km pro Jahr zurückgelegt werden. Damit macht die Laufleistung von Oldtimer-Fahrzeugen weniger als 0,1 Prozent der Laufleistung des gesamten Fahrzeugbestandes aus«, erklärt ADAC-Klassik-Sprecher Oliver Runschke auf SPIEGEL-Anfrage.

Hinweise auf verschärfte Zugangsbedingungen für das H-Kennzeichen hat der ADAC nicht. »Nach unserem Kenntnisstand sieht keine der großen Parteien den Bedarf einer Steuer- oder Mindestalter-Erhöhung bei den H-Kennzeichen«, so Runschke. Wie sich die Besteuerung für betagte Gebrauchtwagen entwickeln werde, könne der Club aktuell nicht absehen. »Allerdings wurde die Kfz-Steuer erst kürzlich reformiert und mit einer CO₂-Komponente ausgestattet.«

Eine große Zukunft werden die meisten Verbrenner trotzdem nicht haben – es sei denn, es gelingt, ihren Betrieb mit synthetischen Kraftstoffen umweltfreundlicher zu machen. An E-Fuels auf Wasserstoffbasis wird derzeit emsig geforscht. Millionen Altautos könnten so deutlich sauberer weiter gefahren werden. Doch in der Herstellung sind E-Fuels teuer, auch die Wirkungsverluste sind hoch. Eine flächendeckende Einführung an Tankstellen scheint unwahrscheinlich.

Klassikerhändler Peter Sturzbacher setzt darauf, dass zumindest das H-Kennzeichen unangetastet bleibt, selbst wenn die Auflagen für alte Autos strenger werden. Dass eine Verschärfung der Gesetze trotz Erhalt des Kennzeichens das automobile Kulturgut empfindlich bedrohen kann, weiß Sturzbacher und zieht dabei eine interessante Parallele zur Waffenszene. Auch die habe floriert – sein Vater habe alte Büchsen, Flinten und Co. als Kapitalanlage gesammelt. Dann hätten mehrere Gesetze das Waffensammeln deutlich eingeschränkt. Die Folge war laut Sturzbacher ein dramatischer Preisverfall. »Daran sieht man, wie schnell durch ein Gesetz eine ganze Szene den Bach heruntergehen kann.«

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