SPIEGEL-Experiment zu Landtagswahlen So lassen wir Dutzende Wahlkreisanalysen automatisiert schreiben

Zu den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bietet der SPIEGEL regionale Wahlberichte für alle 122 Wahlkreise an. Wie uns die Technik dabei geholfen hat.

Zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz probieren wir etwas Neues aus: Neben den üblichen Meldungen, Analysen, Einordnungen bieten wir diesmal zusätzlich auch regionalisierte Berichte für jeden einzelnen der insgesamt 122 Wahlkreise an.

Leserinnen und Leser aus dem Südwesten Deutschlands bekommen so einen Überblick über den Wahlausgang vor der eigenen Haustür: Wie haben die verschiedenen Parteien, die Kandidatinnen und Kandidaten abgeschnitten? Was hat sich im Vergleich zur Wahl vor fünf Jahren verändert? Und wie sehr unterscheidet sich das regionale vom landesweiten Ergebnis?

Diese 122 Artikel, und das ist neu für uns beim SPIEGEL, tippt kein Redakteur und keine Redakteurin selbst, sondern sie entstehen in einem automatisierten Verfahren. Grundlage ist das vorläufige Endergebnis, das von den Landeswahlleitern auch aufgeschlüsselt nach Wahlkreisen veröffentlicht wird. Abhängig von der Konstellation vor Ort werden vorbereitete Satzbausteine mit der Textgenerierungssoftware textengine.io  von Retresco  zusammengesetzt. Zugespitzt formuliert: Der Mensch liefert die Bausteine, der Computer setzt sie sinnvoll zusammen.

Mit künstlicher Intelligenz hat das übrigens nichts zu tun: Die Texte werden regelbasiert erzeugt; es ist also nicht so, dass die Maschine mit alten Wahlergebnissen und -berichten trainiert wurde, selbst Texte zu schreiben. Alle Entscheidungen sind händisch definiert: Unterscheiden sich beispielsweise die Ergebnisse vor Ort um einen vorgegebenen Schwellenwert von den Landesergebnissen, so wird das als erwähnenswerte Abweichung eingestuft – ein entsprechender Textbaustein wird eingefügt.

Auch mehrere Grafiken mit den Ergebnissen und Veränderungen werden automatisiert für alle Wahlkreise erzeugt und in den Artikeln platziert. Alle auf diese Weise erstellten Artikel enthalten einen entsprechenden Transparenzhinweis, damit für jeden Leser und jede Leserin klar ist, welche Artikel automatisiert entstanden sind.

Es geht bei diesem Experiment nicht darum, journalistische Arbeit, die vormals bei Menschen lag, an den Computer auszulagern. Sondern es geht um ein zusätzliches Angebot, das unsere gewohnt ausführliche Wahlberichterstattung ergänzt und das der SPIEGEL als überregionales Nachrichtenmedium nur mithilfe von Automation umsetzen kann. Und es geht darum zu lernen: Wie gut funktioniert die Technik? Ob sich die erzeugten Texte flüssig lesen oder hier und da noch etwas hölzern klingen. Und ob die Leserinnen und Leser auf SPIEGEL.de überhaupt ein regionales Informationsangebot nutzen.