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Patrick Mariathasan für den SPIEGEL

Briefe

Warum so viele Russen für Putins Krieg sind, das elende Sterben in einem Schlachthof und eine Absage ans Muttersein – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
aus DER SPIEGEL 33/2022

Die Menschheit wird nicht klüger

Heft 32/2022 Er ist das Volk – Warum so viele Russen für Putins Krieg sind 

  • So ganz erklären Ihre beiden Titelstorys nicht, warum etwa drei Viertel der Russen Putins Krieg unterstützen. Ist es der Phantomschmerz über den Verlust der »glorreichen Sowjetunion« vor 30 Jahren? Gerade dort, wo Regierungen gewählt werden dürfen, bekommen die Völker die Regierung, die sie verdienen. Tatsache ist, dass Putin und seine Unterstützer die schlimmsten Kriegsverbrecher des bisherigen 21. Jahrhunderts sind, und es bleibt zu hoffen, dass nach Ende des Krieges auch nach einer Kollektivschuld des russischen Volkes gefragt werden wird. Auch die Propaganda für den Krieg und die Gleichschaltung der russischen Medien reichen als Argument zur Entlastung nicht aus. Gerade wir Deutschen wissen das seit 1945.
    Matthias Habekost, Bremen

  • Christian Esch beschreibt kris­tallklar das Schröder-Dilemma: »Verrat ist eine zentrale Kategorie in Putins Denken. Es gibt Feinde und Verräter. Feinde bekämpfen dich offen, du weißt, woran du bist, Verräter fallen dir in den Rücken. Mit Feinden kann man auskommen. Mit Verrätern gibt es kein Erbarmen.« »Gas-Gerd« hat demnach eine Wahl, die keine ist: Bleibt er Putin treu, bleibt er ein im Westen geächteter reicher, lebendiger Mann. Sagt er sich von Putin los, hat er von der wiedergewonnenen Achtung nichts, denn die wird in die bald zu verfassenden Nachrufe einfließen, die seine Ohren nicht mehr erreichen werden. Wie würden Sie sich in seiner Lage, in die er sich im Übrigen willentlich selbst gebracht hat, entscheiden? Hat ein Volljurist, der sich sehenden Auges so tief reinreitet, in irgend­einer Form Mitleid verdient?
    Dietmar Müller, Zirndorf (Bayern)

  • Vielen Dank für die beiden tollen Artikel zu Russland. Besonders der ungeschönte Blick Timofey Neshitovs auf sein Geburtsland hat mich stark zum Nachdenken gebracht. Eigentlich passt der Krieg gegen die Ukraine in das Verhaltensmuster eines Landes, das den Warschauer Pakt auch nur mit völkerrechtswidrigen Mitteln am Leben hielt. Gerade für mich als ehemaligen DDR-Bürger ist jetzt eine komplette Neubewertung der Sowjetunion angebracht. Eine klare Sprache wurde in der Vergangenheit kaum gesprochen. Wenn man es sich recht überlegt, war »Deutsche Demokratische Republik« doch auch nur eine beschönigende Bezeichnung. In Wirklichkeit waren wir bis zum Schluss eine sowje­tische Besatzungszone!
    Rainer Ludwig, Leipzig

  • Ein toller Artikel von Timofey Neshitov, der mich zu Tränen rührte. Seine Gefühle erinnern mich daran, wie ich, Jahrgang 1938, mich fühlte, als nach vielen Jahren die deutschen Gräueltaten bekannt wurden. Im Geschichtsunterricht – Abitur 1958 – kein Sterbenswörtchen darüber. Nein, Schuldgefühle hatte ich nicht, aber als Deutscher fühlte ich mich verantwortlich für das, was Deutsche an Verbrechen begangen hatten.
    Manfred Lautenschläger, Gaiberg (Bad.-Württ.)

  • Was für ein Artikel, was für ein Autor! Tief betroffen bin ich während der Lektüre gewesen. Als Oststämmiger (Sudetenland) hatte ich lebenslang eine bestimmte Neigung zur »russischen Seele«, wie wir sagen. Was aus diesem Text schreit, sind die vergebenen Chancen unserer Zeit. Wie der Text authentisch in die Bilder springt – viele Denkfiguren sind ganz neu –, ich tauchte ein in eine Welt der tiefen Überzeugung: Es gibt sie noch, die unmittelbare Sprache. Sagen Sie Herrn Neshitov, er muss unbedingt größere Teile anpacken, zum Beispiel einen Roman.
    Walter Olbert, Buchloe (Bayern)

  • Es ist bestürzend zu lesen, wie es nach den Gräueln des 20. Jahrhunderts immer noch gelingt, Menschen den moralischen Kompass zu nehmen und diejenigen, die ihn noch haben, ratlos zu machen.
    Hans-Eugen Weber, Münster

  • Putin ist ebenso wenig das rus­sische Volk wie AfD, Rechts- und Linksradikale, »Reichsbürger«, Verschwörungstheoretiker und andere das deutsche sind.
    Gernot Hilge, Münster

  • Persönlich habe ich in den vergangenen Monaten kaum einen Artikel gelesen, der mich neben all der eigenen Fassungslosigkeit seit dem 24. Februar 2022 so sehr bewegt hat. »Die schlimmsten Kriegsbilder sind die, bei denen wir nicht weinen.« Vor 30 Jahren saß ich als junger westdeutscher Mensch voller Hoffnung nach der Wiedervereinigung und dem offenbaren Ende des Kalten Krie­ges in einer noch nicht sehr digita­lisierten Welt vor der »Tagesschau« und habe tatsächlich geweint, als in Ton- und Filmaufnahmen über den Bürgerkrieg und seine Brutalität in Ex-Jugoslawien berichtet wurde, so relativ nah vor der eigenen Haustür. Später ungläubig vor den Bildern und Berichten über die bekannten weltweiten bewaffneten Auseinandersetzungen und Kriege der letzten 30 Jahre (Tschetschenien, Georgien, Afghanistan, Syrien, Libyen et cetera). Und nun ein völlig sinnloser Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Menschheit wird seit mehr als 2000 Jahren anscheinend nicht klüger, geschweige denn weise.
    Michaela Barth, Düsseldorf

  • Ach, wenn doch alle »Nicht-Bellizisten« (Hartmut Rosa) die beiden Titelgeschichten über das russische Volk läsen! Selten haben mich zwei Artikel so berührt!
    Dr. Klaus Steinvorth, Norderstedt (Schl.-Holst.)

Bravo!

Heft 31/2022 Eine Absage ans Muttersein 

  • Frau Pungs bringt die Missstände perfekt auf den Punkt. Vor allem hat mich ihre Ehrlichkeit über ihre eigene Abtreibung berührt. Klar, dass nur Frauen Kinder austragen können. Warum aber müssen sie es auch ausbaden, wenn doch der Mann zu 50 Prozent an der Befruchtung beteiligt ist? Dafür gibt es keine biologische Begründung, nur eine gesellschaftliche, und die wird trotz aller Umbrüche aufrechterhalten. Es wäre auch zu schön, wenn (bestimmte) Männer in der Kinderfrage zur Verantwortung gezogen werden würden. Oder noch besser, wenn Frauen Männer mit ihren Kindern zurücklassen könnten und dafür keine gesellschaftliche Ächtung erfahren würden. Eine Abtreibung ist nie eine einfache Entscheidung. Aber ob einfach oder schwer, sie muss eine Entscheidung sein dürfen.
    Johanna Richter, Berlin

  • Jeden einzelnen Satz kann ich nur dick unterstreichen. Im Laufe meiner gebärfähigen Zeit stieß mein ausbleibender Kinderwunsch bestenfalls auf Unverständnis, schlimmstenfalls auf Aggression. Kaum jemand verstand, dass ich mir durchaus selbst genügte, dass ich keine Lust auf ein anderes Ich hatte. Und bis heute wird nicht ausreichend hinterfragt, wie viel Kraft, Mut und Bereitschaft zum Verzicht ein Ja zum Kind erfordert. Was den Vorwurf des Egoismus betrifft, so ist mir keine Mutter bekannt, die allein deshalb ein Kind geboren hat, weil sie dadurch die Welt zu beglücken meint.
    Maren Bielarz, Herne

  • Gut geschrieben. Die Autorin hat meine Sympathie. Bin glücklicher Vater von drei Kindern. Aber ohne Kinder geht’s auch.
    Martin Tolksdorf, Meschede (NRW)

  • Ist einer Frau denn auch Egoismus vorzuwerfen, wenn sie entgegen der Familientradition lieber IT-Ingenieurin werden möchte als Ärztin? Ebenso würde heu­te doch auch keiner von ihr ver­langen, jemanden zu heiraten, den sie nicht will. Bei einem unumkehrbaren Entschluss wie einem Kind sollte das erst recht gelten.
    Martina Gromeier-Pautke, Holm (Schl.-Holst.)

  • Nichtmutterschaft dürfte die wirksamste aller Möglichkeiten sein, unsere durch Überbevölkerung belastete Erde zu retten, Freiwilligen sollte man Prämien zahlen.
    Rosemarie Mettler, Koblenz

  • Ich frage mich schon lange, wo all die zufriedenen Nichtmütter sind – ich werde wohl nicht die Einzige sein. Aber sie sind nicht laut, sie fordern nichts, es ist fast, als würden sie sich ducken, um nur ja nicht aufzufallen. Dabei würde es mich zum Beispiel brennend interessieren, wie andere mit der Frage aller Fragen umgehen: »Hast du dir das auch genau überlegt?« – Ja, verdammt, natürlich habe ich mir das genau überlegt! Meine Entscheidung war mit Sicherheit besser überlegt als viele Schwangerschaften. Oder: »Wirst du im Alter nicht einsam sein?« – Keine Ahnung. Kann sein. Nö, wieso? Und du? Wird dein drogensüchtiger Sohn für dich sorgen? Wenn mein Mann, der auch nie Kinder wollte, gefragt wird, ob er Kinder hat, sagt er Nein, und damit ist das Thema erledigt. Warum erwartet man von mir Erklärungen und Rechtfertigungen? Ich habe keine Kinder, ich bin absolut im Reinen mit dieser Entscheidung und habe sie noch keine Sekunde bereut.
    Barbara Hoffmeister, Paderborn

  • Bravo allen Frauen und Paaren, die sich gegen ihre Instinkte wenden und mit ihrer Kinderlosigkeit einen großen Beitrag zum Umweltschutz leisten (weniger Verbrauch der Ressourcen). Denn jedes Jahr verlängert sich der Abstand zu dem Tag, ab dem wir über unsere Verhältnisse leben. Der Erderschöpfungstag fiel dieses Jahr bereits auf den 28. Juli, knapp zwei Monate früher als 2021. Und bei einer gerechteren Verteilung des Vermögens könnten wir auch die Überbrückungszeit mit der Rente regeln.
    Ilona Wegener, Hamburg

  • Ich hatte mich gefreut auf einen gut recherchierten Artikel nach Art der israelischen Soziologin Orna Donath oder Sarah Fischer, die »regretting motherhood« geschrieben hat. Stattdessen bekam ich den Feminismus des ausklingenden 20. Jahrhunderts serviert, mit dem obsoleten Slogan »Mein Bauch gehört mir!«. Für mich war der Artikel entbehrlich.
    Hildegund Bäcker, Dinslaken (NRW)

  • Solange sich Frau Pungs nicht die Erlaubnis gibt, stolz auf sich und ihren Lebensweg zu sein, sondern sich in einer Opferrolle sieht, wird sie mit sich (und der Welt) niemals ins Reine kommen. Die Gesellschaft wird sich ihretwegen jedenfalls nicht ändern.
    Matthias Grimm, Hamburg

  • Danke, danke, danke. Jahrelange Fragen von Familie und Freunden: »Wann wirst du endlich schwanger?« Die Nachbarin, die völlig entsetzt war, als ich auf diese Frage mit einem »Wir wollen keine Kinder« antwortete: »Du musst schwanger werden. Das ist die einzige Pflicht einer Frau.« Seit meinem 45. Geburtstag fragt – endlich – keiner mehr.
    Iris Eisenmann, Warthausen (Bad.-Württ.)

Ich konnte das nicht lesen

Heft 31/2022 Das elende Sterben in einem Schlachthof 

  • Der Artikel hat mich zutiefst berührt. Ich konnte ihn erst gar nicht vollständig lesen, weil meine Trauer, mein Entsetzen, mein Zorn über diese so unvorstellbar grausame Tötung, konkret gesagt Ermordung von fühlenden Mitgeschöpfen zu groß war. Alles im Namen der sogenannten Wirtschaftlichkeit. Trotz Wissens um die grausame Tier-»Haltung«: Ihr Bericht – insbesondere der entsetzliche Protokollauszug – hat mich zutiefst erschüttert und zum Weinen gebracht. Welch unvorstellbar verrohtes Verhalten der Schlachter dort. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie uns Menschen diese Grausamkeiten zumuten, um solche Entsetzlichkeiten abzuschaffen im Namen unserer Mitgeschöpfe. Bitte bleiben Sie dran, und informieren Sie uns darüber – auch wenn es sehr schmerzt.
    Martina Mangels, Hamburg

  • Ich konnte das nicht lesen, nur überfliegen. Zu unmenschlich und nur ekelhaft. Seit Wochen verzichte ich, 70, auf Fleisch­produkte. Ganz leicht fällt es mir nicht immer. Artikel wie dieser bestärken mich, dass es die einzige Option und eigentlich eine Verpflichtung ist, weiterzumachen.
    Hannelore Hahlbrock, Linz (Österreich)

  • Vielen Dank für die beiden Beiträge. Danke auch an den genialen Friedrich Mülln und die anderen Tierschützer. Wie verroht, grausam und korrupt einige Menschen sind – und es funktioniert, weil die Masse konsumiert und wegschaut. Im Leitartikel wird der Geburtenrückgang beklagt. Braucht es unsere Gattung wirklich? Die Tiere könnten auch ohne uns leben. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung – eher das Gegenteil.
    Eva Gruber, München

Rentenkürzung durch die Hintertür

Heft 31/2022 Leitartikel: Du bist okay, Boomer! 

  • In den Fünfziger- bis Siebzigerjahren war Arbeit oft noch mit dem Verschleiß des Körpers verbunden. Wahrscheinlich haben viele Rentner aus diesen Arbeitsjahrgängen andere Probleme, als sich noch mit bezahlten Beschäftigungen zu befassen. Die Rente mit 67 war und bleibt eine Rentenkürzung durch die Hintertür.
    Alfred Kick, Vohenstrauß (Bayern)

Wie mich meine Wärmepumpe in den Wahnsinn trieb

Heft 31/2022 Homestory: Jeder kann doch irgendwas 

  • Erst wenn der letzte Handwerker um seine Rechnung geprellt, dem letzten Jugendlichen mit einem Studium eine rosigere Zukunft versprochen und dem letzten Projektmanager mehr Geld geboten wurde als einem Tischlergesellen, erst dann werdet Ihr merken, dass ein SPIEGEL-Reporter keine Wärmepumpe reparieren kann.
    Michael Benson, Ladbergen (NRW)

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