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Patrick Mariathasan für den SPIEGEL

Briefe

Die Impfdebatte, Alzheimer, Rückblicke und Computerprobleme – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
aus DER SPIEGEL 4/2022

Gut gemalt, aber empörend

Heft (3/2022) Ein Quantum Angst 

  • Mit Karl Lauterbach, die Spritze in der Hand, sowie der Titelzeile »Ein Quantum Angst« betreiben Sie, sicherlich ungewollt, das Geschäft der Querdenker. Im Biathlon wäre nun mindestens eine Strafrunde fällig. Mit einem optimistisch dreinblickenden Bundesgesundheitsminister sowie dem Titel »Ein Quantum Zuversicht« hätte man vielleicht für einige der Skeptiker den Anreiz gesetzt, sich nun doch impfen zu lassen.
    Bernd Knauff, Neukirchen (Hessen)

  • »Ein Quantum Angst« mit einem gut gemalten, aber empörenden Bild von Karl Lauterbach – nein, das finde ich kein bisschen witzig. Sie sind doch die Angstmacher:innen! Beim Betrachten Ihrer Titelillustration erkennt man an einer eigentlich nebensächlich wirkenden Kleinigkeit die, wie ich finde, üble Methode: Die gezeigte »Impfspritze« ist nicht nur mit einer offensichtlich unbrauchbaren Kanüle versehen, diese Kanüle ist zusätzlich viel dicker, als die zum Impfen zum Beispiel in Impfzentren tatsächlich benutzten. Als Impfärztin weiß ich, dass die meisten Geimpften kaum etwas von der Punktion spüren. Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, wie viele Menschen tatsächlich schlimme Angst vor Spritzen haben, und wie Sie diese verstärken. Herr Lauterbach hat während der ganzen Pandemie zwar oft gewarnt, in den meisten Fällen aber faktenbasiert. Vor allem hat er sich immer um das Aufzeigen von nächsten Schritten und Lösungen bemüht. Dass dies nicht unbedingt auch die Aufgabe von kritischem Journalismus ist, sehe ich. Natürlich sollen Sie Politik kritisieren, aber nicht diffamierend. In einer nach wie vor Menschenleben gefährdenden Pandemie finde ich so ein Titelbild, das die übelsten Vorurteile aufnimmt, beim SPIEGEL unglaublich. Machen Sie sich doch nicht für einen billigen Witz gemein mit Hetzer:innen und Wissenschaftsfeinden, schüren Sie nicht weiter Vorurteile und Ängste. Ich finde, Sie sollten sich bei Herrn Lauterbach entschuldigen.
    Sabine Knauf, Berlin

  • Den Impfgegnern sollte man einmal klarmachen, dass sie es der Vernunft ihrer Vorfahren verdanken, dass sie, ihre Kinder, Enkel und Freunde von Pocken, Polio, Masern, Grippe und Keuchhusten verschont wurden.
    Katja Mackens-Hassler, Hamburg

  • Es gibt ja sicherlich viel Pro und Contra zum Thema Impfpflicht. Zumindest sollten sich die, die das Recht auf körperliche Unversehrtheit wie eine Monstranz vor sich hertragen, bewusst machen, dass ihre Mitmenschen ebenfalls ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben, nämlich darauf, nicht von covid-durchsetzten Aerosolwolken nicht-maskentragender Impfgegner behelligt und gefährdet zu werden.
    Heinz Essling, Bodenheim (Rhld.-Pf.)

Ein Riss im Herzen

Heft 2/2022 Trauer: Wie es sich anfühlt, mit einem Alzheimerpatienten zusammenzuleben 

  • Der Text hat mich beeindruckt durch seine Direktheit, seine Ehrlichkeit und seine Authentizität. Nicht wenige Angehörige, zumeist Frauen, sehen sich einer solchen Situation gegenüber. In Zukunft wird – auch mit der steigenden Lebenserwartung – die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen steigen. Die Politik drückt sich um Entscheidungen, die Justiz meidet heiße Eisen wie die Sterbehilfe, die Gesellschaft verdrängt Themen wie Gebrechlichkeit oder Hilflosigkeit, die Forschung hat prämortale Trauer kaum auf dem Schirm. Ansatzpunkte sehe ich darin, dass Tod und Sterben kein Tabu mehr bleiben und Betroffenen (erkrankten Menschen, aber auch ihrem Umfeld) mehr Hilfestellung und weitreichende Selbstbestimmung zuerkannt wird.
    Karin Unkrig, München

  • Das ist das Beste, was ich je zu diesem Thema gelesen habe (und das ist nicht wenig). Der Text trifft hundertprozentig auf mich zu. Auch ich habe diese Gedanken und schäme mich dafür, halte mich für eine Egoistin. Wie bei dem Mann des Artikels sind die vitalen Werte meines Mannes noch super. Die Pflege und Verantwortung für seine Gesundheit habe ich zwar abgegeben und ich muss auch zugeben, das macht es mir etwas leichter. Trotzdem bleibt noch ein Riss im Herzen und der berühmte Kloß im Hals.
    Name und Wohnort der Redaktion bekannt

  • Schonungslos ehrlich, und deshalb so berührend. Alles, was einen Menschen ausmacht, den man einmal geliebt hat, ist ausgelöscht – sein Charme, sein Charisma, sein Humor, seine Herzenswärme, seine Vitalität, sein Interesse am Weltgeschehen, seine Empathie ... Die »prämortale Trauer« gilt einem Zombie: einem Menschen, der nicht mehr lebt, sondern nur noch existiert.
    Fee Zschocke, Hamburg

  • Es ist gut, dass Frau S. es wagt, auszusprechen, was ist, und es ist mutig vom SPIEGEL, dass er diese klare Überschrift für die eindrucksvolle Schilderung des Alltags mit einem dementen Menschen zu Hause gewählt hat. Frau S. leistet physisch und psychisch Übermenschliches ... wie Tausende andere Angehörige bei der Pflege ihrer Verwandten. Sie erlebt täglich neue Schrecklichkeiten. Vermutlich treffen beim SPIEGEL Leserbriefe mit den üblichen guten Ratschlägen ein, wie man mit viel Liebe, Zuwendung, dem Anschauen alter Fotoalben, dem Singen von Kinderliedchen und vor allem einer geduldigen 24-Stundenpräsenz das Leben eines dementen Menschen lebenswert gestaltet und obendrein noch wertvolle eigene Einsichten von Sinnhaftigkeit erfährt. Dazu hätte ich nur eine Frage (aus eigenem Erleben bei der Pflege einer entfernteren Verwandten) gestellt, was tun und was denken, wenn da eine demente, ehemals kluge, gebildete und fröhliche Frau in ihrem Zimmer sitzt, nur noch aus Angst und Wut zu bestehen scheint, sich die Haare und den Tisch mit den eigenen Exkrementen beschmiert hat und ihre Tochter und mich, die verzweifelt versuchen, Ordnung zu schaffen, als Drecksäue und Hurenweiber beschimpft?
    Name und Wohnort der Redaktion bekannt

  • Kompliment für das wirklich beeindruckende Jubiläumsheft. Viele, viele spannende Artikel. Doch keiner hat mich so berührt wie der über die prämortale Trauer. Auch wenn es früher mein Forschungsgebiet war, habe ich noch nie einen derart komprimierten, analytischen, fühlenden, präzisen, gnadenlosen, liebenden, Augen öffnenden Text einer pflegenden Angehörigen lesen dürfen. Der Autorin schicke ich großen Dank, mein Mitgefühl und meine Solidarität.
    Dr. Birgit Jansen, Kassel

  • Die Lektüre hat mich total aufgewühlt. Mein Mann hatte erste Anzeichen von Demenz im Sommer 2017. Ein Schlaganfall im Juli 2019 hat diese Entwicklung beschleunigt, hinzu kam eine Schwerbehinderung. Jetzt, da ich diesen Brief schreibe, bereite ich mich auf seine Beerdigung in ein paar Tagen vor, denn er ist nach einem schweren Schlaganfall mit 73 Jahren verstorben. Was mich die letzten Jahre gelehrt haben: Trotz der ständig steigenden Zahl von Demenzerkrankungen sind viele Menschen nicht willens, nicht in der Lage, zu unsicher, zu feige, zu bequem, sich mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen. Wir hatten einen großen Freundeskreis, immer ein offenes Haus, mein Mann war Lehrer, 25 Jahre im Gemeinderat, davon 15 Jahre als Bürgermeister unseres Dorfes. Nur sehr, sehr wenige haben den Kontakt aufrechterhalten, und das lag nicht primär an Corona. Natürlich war mein Mann nicht mehr der, den sie gekannt hatten, er – früher immer streitbar – hat kaum noch gesprochen, die Diskussionen über Politik, Philosophie, Literatur, Kunst gab es nicht mehr. Aber er hat immer erkennen lassen, dass er sich über Besuche gefreut hat, zumal er bis zuletzt alle Personen erkannt hat. Deshalb war er ein dankbares »Übungsobjekt« für den Umgang mit dieser schwierigen Krankheit, und es hat mich mehr als zwei Jahre lang immer wieder sehr traurig und oft auch frustriert und wütend gestimmt, wie wenige Freunde und Bekannte diese Chance genutzt haben. Dabei könnte es manchmal ganz einfach sein: ein kleiner Spaziergang, Kaffee und Kuchen auf der Terrasse, ein Saunagang in unserem Haus mit dem treuen Schulfreund ... »Es wird nicht besser, es wird jeden Monat schlimmer.« – einer von vielen Sätzen der Autorin, die ich nur zu gut nachempfinden kann. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mit einigen Tagen Abstand über den Tod meines Mannes erleichtert bin, »Einfach. Weil. Man. Nicht. Mehr. Kann.« Ich fühle mich der Autorin tief verbunden.
    Mechthild Schöffler-Wallmann, Tasdorf (Schl.-Holst.)

  • Sie dürfen Ihrem Mann den Tod wünschen. Sie dürfen auch um Ihren geliebten Mann jetzt schon trauern, denn das, was ihn als Menschen ausgemacht hat, ist ja gestorben. Wer Ihnen rät, sich Zeit für sich zu nehmen, kennt Demenz im fortgeschrittenen Stadium nicht. Haben Sie den Mut, Ihren Mann ins Heim zu geben, wenn das finanzierbar und für Sie und Ihr Kind das Richtige ist. Versuchen Sie dann, dabei kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich habe einen Bekannten (82), der seine ebenfalls an Alzheimer erkrankte Frau erst nach etlichen Jahren ins Heim gegeben hat, als er merkte, dass er die psychische Belastung nicht mehr erträgt, und der das Gefühl hatte, dass sie sich im Heim eher wohler und geborgener fühlte als in der scheinbar fremden Wohnung mit dem scheinbar fremden Mann, der sie duschen und anziehen wollte.
    Nicola Schneider, Hamburg

  • Gut, dass Sie es sich von der Seele geschrieben haben. Es hilft mir sehr. Ohne »Kleinkind«, aber mit der eigenen zusätzlichen Altersbelastung – jetzt 80. Es war dieser Satz: »Genießt die Zeit, die euch noch bleibt.« Das bohrt, auch wissend, dass es Hilflosigkeit ausdrückt.
    Name und Wohnort der Redaktion bekannt

Gerne auch respektlos

Heft 1/2022 Einblick in das Innenleben

  • Für »Die Geschichten hinter den Geschichten – der besondere Rückblick« bin ich Ihnen sehr dankbar, lassen sie mich als Leser doch ein wenig an den emotionalen Aspekten im Zuge der Entstehung eines Beitrags teilnehmen, die dem Beitrag selbst dann normalerweise nicht mehr anzumerken sind. Ich würde mich freuen, wenn diese Rubrik beibehalten werden könnte.
    Dr. Reinhard Till, Backnang (Bad.-Württ.)

  • Die »Nachlese« im SPIEGEL ist fast noch interessanter als die ursprünglichen Berichte. Ihre Sorgfalt und Ihr übermenschliches Bemühen um Wahrheit beeindrucken mich. Dieser Einblick in das Innenleben eines Journalisten ist so was von wichtig. Journalisten, wie Sie es sind, vertraue ich.
    Peter Wolter, Leonberg (Bad.-Württ.)

  • Ich habe nichts dagegen, wenn Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen über die Schärfe der einen oder anderen Formulierung noch einmal nachdenken, bevor Sie sie verwenden. Aber auf gar keinen Fall möchte ich, dass Sie aus falsch verstandener Rücksichtnahme vor deutlicher Kritik an unseren Politikerinnen und Politikern zurückschrecken! Die Frage des von Martin Knobbe erwähnten Lesers: »Wen sollen wir denn dann wählen?« beweist doch zur Genüge, dass die Personen, die angetreten sind, Deutschland zu regieren, allenfalls bedingt für diese Aufgabe geeignet sind. Und gerade deshalb ist es so wichtig, diesen Missstand als solchen zu bezeichnen. Genau dafür ist eine engagierte Presse und hier insbesondere der SPIEGEL in einer Demokratie da! Sie erfüllen damit eine wichtige Funktion in einer freien Gesellschaft. Scharfe Kritik an Personen des öffentlichen Lebens hat mit »Niederschreiben« nicht das Geringste zu tun. Bitte, bitte bewahren Sie immer eine kritische und gerne auch »respektlose« Haltung gegenüber den Mächtigen.
    Uwe Protsch, Frankfurt am Main

  • Kritisch, nicht destruktiv wünsche ich mir den SPIEGEL und möchte Martin Knobbe beipflichten. Schon meine Mutter sagte meinem Bruder in den Fünfzigerjahren, das SPIEGEL-Lesen würde ihn pessimistisch machen. Manchmal finde ich die Themen so frustrierend, dass ich das Heft von hinten zu lesen beginne, in der Hoffnung, etwas Erbauliches zu finden.
    Sigrid Hirsch, Düsseldorf

  • Mit großer Verwunderung las ich den Beitrag von Maik Großekathöfer mit dem Titel »Warum ich Müller für ein Opfer halte«. Früher zählte es zu den Qualitätsstandards, einen Menschen erst dann als schuldig zu bezeichnen, wenn er verurteilt war. Das Gleiche gilt meines Erachtens auch, wenn ein Mann unschuldig ist, nämlich dann, wenn er freigesprochen wurde. Ein Medium, auch nicht der große von mir sehr geschätzte SPIEGEL, ist kein Gericht. Herr Großekathöfer soll natürlich alle relevanten Details recherchieren und darstellen, aber das Urteil gehört meiner Meinung nach in die Judikative. Auch ein medial-öffentliches Urteil ist ein Urteil.
    Marion Aberle, Leiterin des Fachbereichs Kultur und Kommunikation Deutsche UNESCO-Kommission e. V., Bonn

Heft 2/2022 Tropfende Raketen beschäftigen die Bundeswehr seit Jahren 

  • Und wieder deckt der SPIEGEL Missstände bei der Bundeswehr auf, die zu dem Fazit »bedingt abwehrbereit « führen könnten. Bleibt nur zu hoffen, dass die Reaktion auf der Hardthöhe sowie im Kanzleramt moderater ausfallen wird als im Jahr 1962.
    Christian Reineck, Berlin

Heft 2/2022 Cher – für immer ein Mädchen

  • Ihre Klatschseiten: diesmal besonders blöd. Cher wird boshaft durch den Kakao gezogen und als ihr eigener Avatar dargestellt mit ihrer unkaputtbaren Künstlichkeit. Anscheinend ist nichts wichtiger als die Hülle der Frauen.
    Sylvia Dürr, Innsbruck (Österreich)

Heft 1/2022 Die Geschichten hinter den Geschichten

  • Die Innenschau einiger Ihrer Journalisten hat mich stark berührt: Das Reflektieren, Nachspüren und kritische Hinterfragen ahnt man als Leser – die persönliche Auseinandersetzung nach Veröffentlichung lässt einen den SPIEGEL noch mehr wertschätzen.
    Jutta Korn, Hamburg

Leserbriefe bitte an leserbriefe@spiegel.de . Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe gekürzt sowie digital zu veröffentlichen und unter SPIEGEL.de zu archivieren.

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