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Patrick Mariathasan für den SPIEGEL

Briefe

Boris Johnson, Verkehrspolitik und Antisemitismus – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
aus DER SPIEGEL 29/2022

Qua Wählerwille unregierbar

Heft 28/2022 Titel: Die eine Lüge zu viel 

  • Ein sehr gelungenes Titelbild. Alfred E. Neumann von »Mad« als Boris Johnson. Habe damals nicht verstanden, dass man so einen Menschen als Premierminister installieren konnte. Nun können die Tories die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt haben.
    Detlev Baeyer, Stolberg

  • Großartig! Wieder ganz großartig! Über Alfred E. Neumann habe ich schon vor 60 Jahren geschmunzelt. Die Titelstory ist allerdings mehr zum Gruseln.
    Heinz G. Wagner, Berlin

  • Ist der SPIEGEL ein Satireblatt? Nein, ist er nicht. Dann sollte er sich auch nicht auf der Titelseite über andere Menschen lustig machen. Selbst wenn dieser Mensch Boris Johnson ist.
    Lis Jäger, Mauer (Bad.-Württ.)

  • Man mag zu Boris Johnson stehen, wie man will, aber es gehört sich nicht, einen ausländischen Regierungschef als Clown zu bezeichnen.
    Hans-Joachim Schneider, Kiel

  • Das Etikett »Clown« geht am Kern des Problems vorbei. Wenn in Demokratien derartige Figuren auf den Chefsessel gelangen, muss etwas sehr faul sein – zum Beispiel im Staate Großbritannien.
    Dipl.-Ing. Rolf Pühlhofer, Nürnberg

  • Ob die narzisstischen Rattenfänger Johnson, Trump oder wie auch immer heißen mögen: Demokratien müssen rasch lernen, sie vorab zu identifizieren und erst gar nicht nach oben gespült zu bekommen. Den wohlklingenden Verheißungen dieser Menschen darf nicht auf den Leim gegangen werden, sonst ist nachher das Elend umso größer. Das gilt gleichermaßen für die Politik, die Wirtschaft und das Private. Ansonsten können wir unsere drängenden Probleme nicht lösen.
    Robert Wagner, Bach (Bayern)

  • Boris Johnson wollte nie »Churchill sein«. Er wollte bloß dessen Heiligenschein. Ihm fehlt, was Churchill als wirklichen Anführer charakterlich ausmachte: eine unverkäufliche Werteorientierung – auch gegen den Mainstream, klare und kommunizierbare Standpunkte, erbarmungslose Ehrlichkeit, der Mut, auch in unklaren Lagen seinen Grundsätzen treu zu bleiben, Loyalität nicht nur seiner Klientel gegenüber. Jetzt fällt ihm eine »Nebensache« auf die Füße, die einen Churchill nicht hätte wackeln lassen (mal abgesehen davon, dass Sir Winston sich so etwas nicht erlaubt hätte): Mit einem »Wimmern, nicht mit Donner« verlässt Johnson die Bühne. Passt doch.
    Kaleb Utecht, Rodenbach (Hessen)

  • Ich werde Boris Johnson vermissen – über diesen Chaoten konnte ich herzlich lachen. Doch in einer Zeit, in der die Menschheit auf dem Vulkan tanzt, braucht es besonnene und integre Politiker, damit die ultimative Katastrophe noch abgewendet werden kann. Große Demokratien wie Frankreich, England und die USA sind qua Wählerwille unregierbar geworden – ein weiterer Schritt gen Abgrund. Ich ziehe den Hut vor den britischen Politikern: Sie haben es tatsächlich geschafft, mit den Mitteln der Demokratie die Laus aus ihrem Pelz zu entfernen. Da könnten sich die Amerikaner eine Scheibe abschneiden, die nicht den Mut haben, einen ausgewiesenen Verbrecher vor Gericht zu stellen – und damit das fatale Signal senden, dass vor dem Gesetz nicht alle gleich sind.
    Hannelore Schreiner, Saarlouis

Er macht doch nur seinen Job

Nr. 27/2022 Kolumne: Die da unten – Hanseatischer Humor

  • Anna Clauß ist es vortrefflich gelungen, eine Reihe von Fragen bezüglich der charakterlichen Lauterkeit des Kanzlers so zu formulieren, dass diese zugleich auch als Gewissheiten verstanden werden können. Den schwachen Kanzlern Erhard und Kiesinger steht er damit schon heute in der Hierarchie der neun deutschen Kanzler/innen nach 1949 in nichts nach. Wer Führung von ihm einfordert, bekommt zaudernd-zögerliche Antworten oder keine, wie im Fall der Journalistin Rosalia Romaniec.
    Karl-Heinz Groth, Goosefeld (Schl.-Holst.)

  • Mit einem wahren Bombardement von mutmaßenden »Eskönnte-sein«-Sätzen versucht Anna Clauß, in einem arroganthumorlosen, von hämischem Überlegenheitsgefühl triefenden Artikel Bundeskanzler Scholz lächerlich zu machen (»Grinse-Kater-Fassade«), indem sie seiner Äußerung auf der Pressekonferenz des G7-Gipfels die schlechtest mögliche Interpretation unterstellt. Hätte sie doch selbst ihre Schlussmahnung an Olaf Scholz beherzigt, »souverän, menschlich oder herzlich aufzutreten«.
    Prof. Dr. Rudolf Messner, Kassel

  • Es ist normal, dass eine Journalistin eine andere Journalistin verteidigt, weil diese anscheinend von Kanzler Scholz verhöhnt wurde. Sie mache doch nur ihren Job. Das Gleiche gilt auch für den Kanzler Scholz. Er macht doch nur seinen schweren Job. Ihre Kanzlerschelte ist mit der derben Häme unter der Gürtellinie jedoch überzogen. Soll das auch hanseatischer Humor sein? Peter Schmitz, Waldshut (Bad.-Württ.)

  • Nein, ich bin kein Kenner des hanseatischen Humors. Das von Frau Clauß kritisierte Verhalten von Olaf Scholz auf der Abschlusspressekonferenz empfand ich nicht als überheblich oder gar peinlich. Tatsächlich dachte ich spontan an den bekannten Bibelvers: »Eure Rede sei ja, ja« (Matthäus 5:37). Dass unser Bundeskanzler nicht durch die Schule des Charmes gegangen ist, war wohl den meisten Deutschen bekannt, und dennoch wurde er mit Mehrheit gewählt. Seinen Job macht er sachlich, ruhig und zufriedenstellend.
    Henning Hansen, Mülheim an der Ruhr (NRW)

Welch eine Arroganz

Heft 27/2022 SPIEGEL-Gespräch mit Verkehrsminister Volker Wissing über seine Pläne mit der Bahn und die Zukunft des Verbrennungsmotors 

  • Volker Wissing fügt sich nahtlos ein in die Reihe der autofreundlichen Verkehrsminister. Solange man in der größten »Dieselinsel« Deutschlands, in Franken, zum Beispiel von Nürnberg nach Cheb im engen Dieseltriebwagen zur tschechischen Grenze zuckelt, um dann in einen komfortablen, schnellen und elektrischen Intercity der tschechischen Eisenbahn nach Pilsen oder Prag umzusteigen, ist das nur peinlich. Große Worte und Planungen seit Jahrzehnten, aber keine Taten. Es ist gut, Autobahnbrücken zu sanieren, aber solange die Bahn hinten ansteht, SUV-Käufe nicht durch Steuern und andere Regularien erschwert werden und wir weiterhin das Raserparadies Europas bleiben, ändert sich nicht wirklich etwas an der Vorherrschaft des natur- und menschenunverträglichen Kraftfahrzeugverkehrs.
    Robert Wunder, Nürnberg

  • Die Chuzpe, mit der Herr Wissing die Klientelpolitik der FDP verteidigt, macht mich fassungslos. Hier die Verantwortung des Individuums ins Feld zu führen ist eine Frechheit – dass sie uns über Jahrzehnte beim Klimaschutz nicht weitergebracht hat, ist bekannt. Da es um massive Einschränkungen fundamentaler Freiheitsrechte jüngerer und nachfolgender Generationen geht, zeugt es von unfassbarem Egoismus, klimaschädliches Verhalten der persönlichen Wahl anheimzustellen. Dabei gäbe es eine vergleichsweise einfache Lösung, die gleichzeitig eine Vielzahl weiterer Gerechtigkeitsprobleme löste: den Übergang zu einem persönlich zugeteilten CO2-Budget für jeden Bürger. Alle hätten weiterhin ihre Wahlfreiheiten, und gleichzeitig wäre das Handeln an tatsächlicher Knappheit ausgerichtet, statt nach beliebig vermehrbaren, bunt bedruckten Papierschnipseln, die sich über Generationen höchst ungerecht verteilt haben.
    Name und Wohnort der Redaktion bekannt

  • Welch eine Arroganz spricht aus der Antwort: »Keiner der Koalitionspartner fand das Tempolimit so wichtig, dass es Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden hätte«! Natürlich hätte es das, schließlich hatten es SPD und Grüne auf dem Schirm. Leider ist es wieder am Widerstand der FDP gescheitert. Wie kann ein Verkehrsminister, der Argumente wie Schildermangel gegen das Tempolimit vorbringt, der richtige Mann für eine zukunftsorientierte Verkehrspolitik sein?
    Jürgen Lindner, Nürnberg

  • In dem Gespräch fehlt die Idee eines europäischen Netzes der Eisenbahnen. Wir haben hervorragende nationale Gesellschaften, die aber kaum miteinander verbunden sind. Das muss doch möglich sein. Das Interesse in Europa, Budapest, Stockholm und Lissabon per Bahn problemlos zu erreichen, ist riesig.
    Dr. Jürgen Onken, Hude (Nieders.)

Wie bitte?

Heft 27/2022 Eva Menasse über die fatale Lust der Deutschen an Symbolpolitik 

  • Endlich! Eva Menasse trifft mit ihrem unglaublich mutigen Essay den Nagel auf den Kopf. Sie traut sich, ein paar deutliche Worte auszusprechen, um die Dinge in Deutschland ins richtige Verhältnis zu rücken. Und damit hoffentlich diese unerträgliche Debatte zur Documenta 15 und alles, was drum herum hineininterpretiert wird, zu beenden und den Fokus wieder auf die reale rechte Gefahr zu richten – in der Hoffnung, dass die Behörden auf dem entsprechenden Auge nicht länger blind sind.
    Christiane Krecké, Fentange (Luxemburg)

  • Frau Menasse, die kürzlich noch vom »vermeintlichen Antisemitismus« auf der Documenta sprach, ist nun also wütend auf die Verantwortlichen der Documenta. Wahrscheinlich, weil Menasse diese präventiv in Schutz nahm und keinen Antisemitismus sehen wollte und es ihn nun doch gab. Wissen konnte man das längst, wenn man etwa dem Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus zugehört hätte. Doch das ist für Menasse »dubios«, und sie greift die Menschen, die vorher warnten oder anschließend erklärten, reflexartig an – sie sind für Menasse eben keine Fachleute (unter ihnen ist ein Professor für Antisemitismus-Studien). Die inhaltlich fundierte Kritik an den Ausstellungsstücken und ihren Schöpfern ist dann auch nur noch »Bauchgefühl«, und Antisemitismus nur dann wirklich Antisemitismus, wenn es Tote gibt. Damit zeigt Eva Menasse nicht nur, dass sie selbst keinerlei Verständnis vom (modernen) Antisemitismus hat, sondern auch, dass sie nicht mal in der Lage ist, eine fundierte Kritik als solche zu erkennen.
    Martin Wolowski, Dresden

  • Eva Menasse hat recht, wenn sie den akuten wie den potenziellen Terror gegen Juden von rechtsradikaler Seite als weit gefährlicher einschätzt als die antisemitische Kunst auf der Kasseler Documenta. Sie unterschätzt aber möglicherweise die Dynamik eines durch Bildnisse angefeuerten Antisemitismus im Medienzeitalter. Die Geschichte des Antisemitismus hat keineswegs nur in Deutschland gezeigt, dass der Weg von antisemitischer Hetze auf Bildern bis hin zu realer antisemitischer Gewalt ein kurzer ist.
    Prof. Dr. Mario Keßler, Berlin

  • Es ist schon interessant, dass die Dame aus Österreich meint, dass die Befindlichkeiten der Deutschen zum Antisemitismus doch zu relativieren sein müssten. Sie erklärt uns tatsächlich, es gäbe guten und schlechten Antisemitismus. Wie bitte? In Zeiten von Fake News und Weltführern, die den ganzen Tag lügen, sollen wir also nicht den Finger auf schreckliche und in allen Teilen der Welt verfestigte Bilder legen? Immer wieder werden wir das tun.
    Christina Lolk, Bremen

  • »Lasst uns noch ein wenig über Wandteppiche aus Indonesien reden« – ja, das müssen wir! Nicht erst ein Anschlag auf eine Synagoge oder Gewalt gegen Juden sollten unser kollektives Gedächtnis wachrütteln. An dieser Stelle verbietet sich die Frage, was gefährlicher sei – antisemitische Kunst des Kollektivs Taring Padi oder gegen Juden gerichtete physische Gewalt oder Akte der Zerstörung. Das Bild des Künstlerkollektivs zeigt einen als orthodoxen Juden erkennbaren Mann mit Schläfenlocken und mit SS-Runen bestücktem Hut sowie einen Soldaten mit Schweinegesicht und Helm mit Mossad-Beschriftung. Angesichts derartiger antisemitischer Stereotype sollte aufgrund der Lehren aus unserer deutschen Vergangenheit und aus Respekt den Hinterbliebenen des Holocausts und dem Staat Israel gegenüber ein Boykott des Bildes sowie ein Boykott der Documenta durch einzelne Würdenträger eine Selbstverständlichkeit sein, und kein »Drang deutscher Übererfüllung«.
    Anika Klisa, Berlin

Recht auf gleichen Lohn

Heft 27/2022 Der ewige Kampf einer Frau für gleiche Bezahlung 

  • Liebe Frau Gamroth-Günther, bitte bleiben Sie dran, bis echte Gleichberechtigung erreicht ist. Für alle Frauen. Vielen Dank für Ihren Einsatz!
    Antje Dassel, Bremen

Fluchen ist mein Maunzen

Heft 27/2022 Kolumne: Alles Gutsch – Gedanken im Stau 

  • Herr Gutsch schreibt: »Der aktuelle Widerstand ist mir zu apokalyptisch.« Glaubt er wirklich, die jungen Menschen machen das, weil sie Zukunftsfreude empfinden? Erstaunlich, bei den zu erwartenden Klimakatastrophen!
    Margarete Huth, Köln

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