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Patrick Mariathasan für den SPIEGEL

Briefe

Überarbeitung, die Ampel und ihre Gerechtigkeitslücken, das Streitgespräch zwischen Alice Schwarzer und Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Harald Welzer über zögerliche Politiker und Marius Müller-Westernhagen übers Leben – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
aus DER SPIEGEL 21/2022

Das Hamsterrad steht in der Wohnung

Heft 20/2022 Titel: Wenn alles zu viel wird 

  • Was nützt der schönste Ruhestand, wenn man ihn nicht erreicht? Muße und Muse müssen wieder her!
    Harald Dupont, Ettringen (Rhld.-Pf.)

  • Die Arbeitsanforderungen der Arbeitgeber haben sich in vielen Bereichen merklich erhöht. Arbeits- und Gesundheitspsychologen beklagen schon länger, dass der Arbeitsumfang und die Zeittakte den Vorgaben des Arbeitsrechts widersprechen. So werden unbezahlte Überstunden geleistet, die auch nicht als Freizeit abgegolten werden. Selbst gut ausgebildete Berufsanfänger erhalten befristete Arbeitsverträge, die nicht selten mehrfach verlängert werden, sodass diesen jungen Leuten eine verlässliche Berufsperspektive verbaut wird. Die ständige Bereitschaft »Gewehr bei Fuß« zu stehen, immer leistungsbereit und verfügbar, fordert ihren Tribut und führt zu physischer und psychischer Starkbelastung. Unter Kardiologen herrscht die Meinung vor, dass nach einer Belastung eine zeitlich genau so andauernde Entlastung folgen sollte, um insbesondere Herz- und Kreislaufprobleme zu minimieren.
    Horst Winkler, Herne (NRW)

  • Brave New Working World. Der eine arbeitet sich kaputt, weil er zu wenig hat, die andere, weil sie zu viel bekommt. Das Hamsterrad steht in der Wohnung, das Personal fehlt und das Smartphone fordert eine ständige Erreichbarkeit. Wenn das eigentlich niemand so will, warum ist es dann so – und wer zieht seinen Nutzen daraus?
    Christoph Nitsche, Straßenhaus (Rhld.-Pf.)

  • Eine sofortige Einführung der Vier-Tage-Woche in Deutschland würde auch den CO2-Ausstoß dauerhaft erheblich senken. Es ist leider bezeichnend für Deutschland, dass durch Arbeitgeber verursachte Gesundheits- und Umweltschäden immer noch über Abgaben durch die Bürger bezahlt werden.
    Irene Weidlich, Berlin

  • Obwohl viele in den gerade vergangenen Osterferien an den europäischen Stränden lagen, wird nach Ruhe, Erholung und Entlastung gerufen, alles sei zu viel, und dann auch noch der Krieg in der Ukraine. Der ist der perfekte Anlass, um unserem Erschöpfungsstolz ungeahnte Höhenflüge zu ermöglichen. Niemand in meinem Umfeld hat sein Leben geändert. Alle machen exakt das, was sie bereits vor dem russischen Überfall auf die Ukraine machten. Niemand spart Energie, niemand gründet eine Initiative zur Stärkung der Demokratie. Aber der Stress, mein Gott der Stress. Flüge müssen gebucht werden, immer noch kein Geschenk für den 60. Geburtstag des Bruders, eigentlich wollten man ja auch nach Venedig zur Biennale, ach ja und zur Documenta. Und die Fenster der 150-Quadratmeter-Wohnung sind auch noch nicht geputzt. Erschöpfung? Ich denke an die erschöpften Menschen in den Kiewer U-Bahnstationen, die dort seit Wochen zelten müssen. An die verzweifelten Frauen mit ihren Kindern, die fliehen mussten und jeden Tag ihr Handy checken nach Nachrichten von ihren Männern in der Ukraine. Und der SPIEGEL schreibt über die erschöpfte Verwöhn-Gesellschaft.
    Christine Meyke, Berlin

  • Wurde eigentlich schon mal eine Aufrechnung vom Ertrag des aktuellen Arbeitssystems sowie dessen Folgekosten durchgeführt?
    Matthias Riemenschneider, Hamburg

  • Angesichts der geschilderten Zustände wundere ich mich umso mehr darüber, dass in Deutschland nur noch weniger als ein Fünftel aller Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglied sind. Ein nicht unerheblicher Teil der bezahlten Überstunden hängt wohl damit zusammen, dass es bei uns immer mehr nicht-tarifgebundene Arbeitgeber gibt, deren Mitarbeiter selbst bei einem Vollzeitjob oftmals auf bezahlte Mehrarbeit angewiesen sind, um ihre Familien vernünftig über den Monat zu bringen. Denn der allgemein verbindliche gesetzliche Mindestlohn ist auch nach der ab Oktober geplanten Erhöhung auf 12,00 Euro brutto pro Stunde so niedrig angesetzt, dass ein Alleinverdiener davon keine Familie vernünftig über den Monat bringen kann.
    Elgin Fischbach, Leimen (Bad.-Württ.)

  • Es geht auch andersherum. Meine Mitarbeiterinnen haben geregelte Arbeitszeiten, keine Arbeit nach 18 Uhr, übertarifliches Gehalt, Mütter werden bevorzugt bei Urlaubsplanung, nur jeden dritten Samstag drei Stunden Arbeit, und vieles mehr. Aber eine im Team ist ausgelutscht: die Chefin. Zwanzig Jahre Sklavin der Selbstständigkeit. Letzter Urlaub vor vier Jahren, 50- bis 70-Stunden-Woche, Nachtarbeit. Nebenbei zwei Kinder erfolgreich großgezogen. Viele Jahre lang habe ich mich gefreut, dass ich mich der Herausforderung Selbstständigkeit gestellt habe und trotz Dauerbelastung irgendwie Spaß hatte. Jetzt bin ich über 50, körperlich kaputt und träume vom Aufhören. Ein radikaler Cut und ein anders gelagerter Neuanfang wären der richtige Weg. Doch so beschissen es mir momentan geht, ich fühlte mich den Strapazen nicht gewachsen, alles geordnet aufzulösen. Also mache ich weiter, bis mich der Markt in wenigen Jahren wegradiert hat oder ein Herzinfarkt mich dahinrafft.
    Name und Wohnort der Redaktion bekannt

  • Wenn man die Verknüpfung von der Titelgeschichte über Arbeitsüberlastung zum Bericht über die Verteidigungsministerin herstellt, dann liegt die Schlussfolgerung nahe, dass Frau Lambrecht in ihrem Amt keinen guten Job macht, aber für sich eine sehr gelungene Work-Life-Balance praktiziert.
    Dietmar Brummack, Elmenhorst (Schl.-Holst.)

Almosen aus der Gießkanne

Heft 19/2022 Die Ampel und ihre Gerechtigkeitslücken 

  • Ich frage mich immer wieder, warum ein Staat sich in seiner Handlungsfähigkeit ohne Not lähmt, indem er weder Schulden machen noch die Steuern erhöhen will. Würde man die Einkommensteuer für die Wohlhabenden anheben und dafür die Mehrwertsteuer auf Güter des täglichen Bedarfs senken oder teilweise abschaffen, wäre den Notleidenden mehr geholfen als mit Almosen aus der Gießkanne. Außerdem würde das der sozialen Gerechtigkeit dienen, denn die Mehrwertsteuer trifft übermäßig die Armen. Mit einer höheren Steuer ab einer gewissen Einkommenshöhe und dem Verschließen etlicher Schlupflöcher hätte der Staat mehr Geld zur Verfügung, ohne sich übermäßig zu verschulden.
    Uwe Protsch, Frankfurt am Main

  • Sie berichten auch über das Maßnahmenpaket zur Entlastung der Bürger. Unter anderem geht es um eine Pauschale von 300 Euro, die sogenannte Energiepauschale, die in einem vom Kabinett am 27.4. beschlossenen Gesetzentwurf enthalten ist. Dieser Entwurf leidet aber an einem nicht begründbaren Mangel. Es sollen nämlich Rentner und Pensionäre nicht begünstigt werden. Nur Arbeitnehmer und Selbstständige werden diesen steuerpflichtigen Betrag erhalten. Rentner und Pensionäre leiden aber ebenfalls unter den gestiegenen Energiekosten. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, Rentner und Pensionäre, die ja einkommenseingeschränkt sind, hier auszunehmen. Eine grobe Ungerechtigkeit ist vorgesehen – getragen von der Partei, die sich einmal den Kampf für soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hatte.
    Dietherr Fülle, Geislingen an der Steige (Bad.-Württ.)

Argumentativ auf dünnem Eis

Heft 19/2022 Die Publizistin Alice Schwarzer und die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann im SPIEGEL-Streitgespräch über die Gefahr eines Atomkrieges 

  • Ein sehr interessantes Streitgespräch. Hier die kühle, rational, überlegt denkende und redende Frau Strack-Zimmermann – da die sich um Kopf und Kragen redende Frau Schwarzer, die wohl erkannte, auf welch dünnem Eis sie sich argumentativ bewegte, aber offenbar nicht bemerkte, wie sehr ihre Argumentation der Appeasement-Politik der Dreißigerjahre gleicht. Die damalige Beschwichtigungspolitik bahnte Hitler den Weg in den Krieg. Es ist doch unübersehbar, dass Putin, wie damals Hitler, nur vor wirklicher Stärke Respekt hat. Wenn Frau Schwarzer von Kompromissen spricht, sollte sie sich mal mit dem Münchner Abkommen vertraut machen. Nur ein paar Monate danach schluckte Hitler ganz Tschechien. Frau Strack-Zimmermann scheint die Lehren aus der Geschichte verstanden zu haben.
    Georg Meier, Hamburg

  • Frau Schwarzer behauptet, sie sei es gewohnt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Die Psychologie des Tyrannen scheint sie aber nicht verstanden zu haben. Wenn man wie sie einem Aggressor signalisiert, dass seine Einschüchterungsmethoden Wirkung zeigen, wird er sie nicht zurücknehmen, sondern verstärken. Frau Schwarzer und ihre Unterstützer erhöhen damit das Risiko des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen in der Ukraine, statt es zu verringern. Für deutsche Feigheit werden Ukrainer bezahlen, mit dieser Schuld werden die Unterzeichner des offenen Briefes leben müssen.
    Sönke Schulz, Groß Grönau (Schl.-Holst.)

  • Es enttäuscht mich auch, dass die bürgerlichen Parteien sich bisher noch nicht zu einer parteiübergreifenden solidarischen Kampagne zusammengefunden haben, um diesem in der Bevölkerung verbreiteten Zynismus entgegenzutreten. Den 200.000 Mitunterzeichnern des offenen Briefs muss verdeutlicht werden, welche Konsequenzen es auch für deren Lebensweise hat, wenn wir autokratischen Despoten erlauben, sich über das Völkerrecht hinwegzusetzen und unsere Welt mit Krieg und der Drohung vom Einsatz von Nuklearwaffen zur Unterwürfigkeit erziehen zu wollen.
    Dr. Knut M. Fischer, Cuxhaven

  • Angesichts des barbarischen, von Anfang an völkerrechtswidrigen Angriffskrieges mit den zahllosen Gräueltaten ist dieses weltfremde, realitätsferne und dazu noch selbstgerechte Gerede von Frau Schwarzer nur schwer erträglich. Wie bitteschön sollte denn ein »Kompromiss« mit einem Putin aussehen, der sich nachweislich an keinerlei Verträge und Konventionen hält? Frau Schwarzer hat sich in der Vergangenheit große Verdienste erworben um die Rechte von Frauen. Diese sollte sie jetzt nicht verspielen.
    Michael von Allesch, Hamburg

Schon vergessen?

Heft 19/2022 Essay: Harald Welzer lobt zögerliche Politiker 

  • Gehe ich richtig in der Annahme, dass Harald Welzer, wenn er Finne wäre, nicht für den Beitritt seines Landes zur Nato stimmen würde?
    Klaus Scheffler, Kirchheim (Bayern)

  • Unaufgeregt, sprachlich abgerüstet und dennoch mit klarem Standpunkt. Wie wohltuend Harald Welzer doch zur Orientierung beiträgt. Anders als beim Schwere-Waffen-Geschrei der Hofreiters und Strack-Zimmermanns dämmert einem, dass es auch jetzt noch Alternativen gibt.
    Jürgen Bauer, Itzehoe (Schl.-Holst.)

  • Ja, das sind auch meine Gedanken. Man müsste halt die Beredsamkeit von Harald Welzer haben, um sich im Bekanntenkreis mit dieser Meinung zu behaupten. Da wird man niedergeschrien und Russenliebchen genannt.
    Anneliese Beck, Villmar (Hessen)

  • Harald Welzer irrt. Trotz zahlreicher Vermittlungsgespräche am Riesentisch fiel Putin in die Ukraine ein. Berichte von Gräueltaten oder Verlusten seiner Armee tut er seither als Fake News ab. Sein Chefideologe Dugin schwadroniert von einem »eurasischen Großreich von Lissabon bis Wladiwostok«. Die selbstgewählte Mission: Zerschlagung aller Demokratien in den Anrainerstaaten und darüber hinaus, Codename »Entnazifizierung«. Mit 1914 ist die Situation daher überhaupt nicht zu vergleichen, wohl aber mit 1939.
    Sissy Vogg, Augsburg

  • Mir ist es schleierhaft, wie Harald Welzer, Alice Schwarzer und andere die Langsamkeit und Bedächtigkeit deutscher Außenpolitik verlangen, während ein Land für uns die Kartoffeln aus dem Kriegsfeuer holt. Haben eine Seite Belehrungen über Parallelen zum Vorabend des Ersten Weltkriegs wirklich Aussagekraft für eine richtige eindämmende Strategie? Kein Wort fällt über Putins Schreckensherrschaft. In der Umwelt- und Gesellschaftspolitik fordert er kein Appeasement-Verhalten. Im Übrigen: Fast alle Revolten, Verteidigungskriege und so weiter fanden mittels Waffen statt. Eingaben und offene Briefe blieben letztlich auf der Strecke. Schon vergessen?
    Thomas Künzer, Wetzlar-Garbenheim (Hessen)

Was habe ich gelacht

Heft 19/2022 SPIEGEL-Gespräch mit Marius Müller-Westernhagen über Freiheit, Frauen und Freunde aus der Politik 

  • Von »Freiheit« singen und auf die Frage »Würden Sie Deutsch- land verteidigen?« antworten: »nicht einen Zentimeter«.
    Heino Matthies, Berlin

  • Ich danke dem SPIEGEL-Team für dieses grandiose Interview mit Westernhagen, der mir in den 90ern überdeutlich zu verstehen gegeben hat, welche Haltung zu und Einstellung er von der Welt hat, nämlich: »Keine Ahnung, keine Meinung, kein Konzept, keine Lust, um aufzusteh'n«. Geh' also, sagte ich, und lutsche dein Pfefferminz ohne mich. Das aktuelle Interview zeigt: Nichts hat sich daran verändert. Genau das macht einen traurigen Pop-Helden aus, der heimlich doch immer noch und allzu gerne mit Helene Fischer in Fußballstadien auftreten würde – wenn man ihn denn fragte.
    Dr. Andreas Grünewald Steiger, Wolfenbüttel

  • Was für ein unsäglicher Opportunist, was für ein unsäglicher Quatschkopf. Aber wie habe ich auch gelacht... Anfangen vom mehrfachen Millionär, der alles Materielle verachtet bis zum Machospruch, dass die Frauen nicht wissen, was für große Opfer die Männer vollbringen, indem sie nicht fremdgehen. Was ist nur aus diesem einst so großen Musiker geworden?
    Klaus Flüß, Kamen (NRW)

  • Das Gespräch fand ich interessant, trotz der teilweise negativ insistierenden Fragen. Aber ich würde gerne wissen, wer der Gesprächspartner beziehungsweise »Journalist« ist, der für den Nachsatz über den »schwanzverlängernden« Porsche Targa verantwortlich war. Das ist nicht einmal Bildzeitungs-Niveau. Sehr trauriger Journalismus.
    Wolfgang Preiss, Köln

  • Irgendwie habe ich die Ausführungen von Marius Müller-Westernhagen nicht gänzlich als ehrlich und authentisch empfunden. Aber ihm nach Ende des Interviews noch eine gehässige Bemerkung hinterherzuschicken, ist schon recht armselig.
    Gerhard Reinelt, Heidelberg

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