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Artikel 70 / 71

Patrick Mariathasan für den SPIEGEL

Briefe

Wie Deutschland sich für die Klimakrise wappnet, die Chinapolitik von Kanzler Scholz und ein philosophisches Gespräch über Gleichheit und Gerechtigkeit – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
aus DER SPIEGEL 46/2022

Wachstum, egal um welchen Preis

Heft 45/2022 Titel: Rette sich, wer kann 

  • Wie kann man so ein Titelbild entwerfen? Ich vermute, selbst wenn alles Eis dieser Erde geschmolzen wäre, stünde der Kölner Dom nicht in den Fluten.
    Uwe Kröhnert, Hamburg

  • Ihr Titelbild suggeriert die Überflutung des Kölner Doms durch traumschöne Wogen. Realistischer wäre aber die Darstellung eines Meeres voller Plastikmüll, Senfgasgranaten, Atommüll, Öl, Dioxin, und was die phylogenetische Fehlentwicklung sonst noch alles ins Meer gekippt hat.
    Dr. Jens Mulzer, Schwarzenbek (Schl.-Holst.)

  • Endlich ist der Kölner Dom ohne Baugerüste! Als eingeweihter Kölner weiß ich aber, dass dies den Weltuntergang bedeutet. Der Dom liegt 55 Meter über dem Meeresspiegel. Für welches Datum prognostizieren Sie einen solchen Anstieg?
    Hans-Eugen Weber, Münster

  • Ganz ähnlich war das Titelbild 1986, vor 36 Jahren, mal sehen, wie der Titel in 36 Jahren aussieht. Dann wäre ich 101 – könnte ja klappen, dass ich das noch erlebe, dass wieder viel geredet wurde und nichts passiert ist.
    Susanne Gründler, Mönchengladbach

  • Merci für die interessanten Hintergründe zu den geplanten Klimaanpassungen. Der biologische Fachterminus der »Angepasst­heiten« von Lebewesen zeigt die Determiniertheit und gleichzeitig Wehrlosigkeit unserer Mitgeschöpfe, zum Beispiel bezüglich ihrer Hitzetoleranz. Die pro­aktiven Anpassungsoptionen des Menschen – schön von Ihnen auf dem Cover durch den Sperrwall symbolisiert – sollten daher von den zuständigen Politikern nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Die als Zwillingskrise zu deutende Auslöschung der Biodiversität muss beim Thema Klimakrise immer mitgedacht werden.
    Dr. Peter R. Menke, Ulm

  • Der Artikel lässt einen Aspekt vermissen: Mit einer schnellen Umstellung auf Klimaneutralität wird die Klimakatastrophe nicht verhindert. Sie wird nur ver­zögert, denn die jetzt schon vorhandenen Treibhausgase wirken noch Jahrzehnte unbeeinflussbar weiter. Auch die Kipppunkte sind bereits aktiviert und werden sich weiter unumkehrbar auswirken. Ebenso bleibt unerwähnt, dass die Realisation von Klimaneu­tralität nicht nur den Verzicht auf Wachstum bedeutet, sondern auch auf den Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Und selbst wenn alle aufgeklärten, gemeinwohlorientierten, umweltbewussten, gutmeinenden Menschen in den reichen Ländern plötzlich komplett klimaneutral leben würden, hülfe das nichts gegen die Klimaerwärmung, weil die reichsten 10 bis 20 Prozent der Menschheit vermutlich uneinsichtig an ihrem verschwenderischen Lebensstil festhalten würden. Und das reicht, damit die Klima­­katastrophe sich weiter ungebremst entwickeln kann. Es müssen Regeln her, die für alle Menschen gelten.
    Hanspeter Maier, Mörfelden (Hessen)

  • Um die Klimakrise zu bewältigen, wird es nicht reichen, wenn Deutschland, wie in der Artikelüberschrift, »grün sieht«. Zusätzlich zu vielem anderen müssen die Politiker den Autofahrern Geschwindigkeitsbegrenzungen von 100 Stundenkilometern verpassen, die Eisenbahn den regionalen Personen- und Frachtverkehr übernehmen lassen und endlich auch den Flugtreibstoff angemessen besteuern.
    Josef Fulterer, Kastelruth (Italien)

  • Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich mich vor 20 Jahren dafür erklären musste, entgegen dem damaligen Trend nicht zum Taxipreis von 10 Euro durch Deutschland geflogen zu sein, sondern für 30 Euro ein umweltfreundliches Bahnticket genutzt zu haben. Heute erklären sich hoffentlich andere.
    Christian Müller, Wuppertal

  • Auf der Uno-Klimakonferenz wird es, wie auf all den anderen Konferenzen, wieder bestenfalls unverbindliche Lippenbekenntnisse geben. Die Ärmsten der Armen – und es werden immer mehr – werden in ihrem Elend weiter alleingelassen. Die Hauptemittenten denken nur an Wachstum, egal um welchen Preis. Und die Aussichten sind angesichts der politischen Großwetterlage langfristig wenig ermutigend. Deutschland kann sich mithilfe eines »Wumms« über Wasser halten, wenn es denn aus der Ahrtal-Katastrophe gelernt hat. Länder, denen dieser finanzielle Kraftakt unmöglich ist, saufen ab.
    Rainer Szymanski, Grünheide (Brandenb.)

  • Der blaue Planet mit seiner mannigfaltigen Flora und Fauna könnte sich in nur 50 Jahren wieder wundervoll erholen und regenerieren. Einzige Bedingung: eine »Auszeit« für den Homo Sapiens. Aber wohin in der Zwischenzeit mit der Menschheit?
    Raffaele Ferdinando Schacher, Rorschach (Schweiz)

Auf die Barrikaden!

Heft 44/2022 Leitartikel: Olaf Scholz' Hafen-Deal mit Peking ist nativ und unterwürfig 

  • Wie kann es sein, dass ein Bundeskanzler mit offenen Augen von einer Abhängigkeit in die andere rennt? Wie kann es sein, dass er seine Minister überstimmt? Wäre es nicht wünschenswert, sich von Abhängigkeiten zu lösen, anstatt neue aufzubauen?
    Herbert Huber, Rottweil (Bad.-Württ.)

  • Wie werden wir diesen Kanzler so schnell wie möglich los? Nach Warburg, Wirecard, Cum-Ex und nun Tollerort (wie treffend) kann ich mir das Gefühl kaum verkneifen, Zuschauer eines amerikanischen Mafia-Streifens zu sein, in dem Olaf Scholz den Erfüllungsgehilfen des Clans spielt. Die SPD ist für mich nun tabu. Seit meinem 18. Geburtstag 1972 habe ich diese Partei gewählt, nur einmal die Grünen.
    Hans-Werner Redent, Edemissen (Nieders.)

  • Der Cosco-Deal mag von der Größenordnung her irrelevant sein, für die Zukunft des Hamburger Hafens ist er es jedoch keineswegs. Cosco versicherte den Terminalbetreibern, Tollerort zum bevorzugten Umschlagplatz in Europa machen zu wollen. Das Angebot enthält aber auch eine kaum verhüllte Drohung, im Fall seiner Ablehnung die Ladungsströme dann über andere europäische Häfen abzuwickeln. Warum soll die gewiss notwendige Neuausrichtung der Wirtschaftsbeziehungen zu China ausgerechnet mit einer freiwilligen Selbstverzwergung der Handelsmetropole Hamburg beginnen?
    Rüdiger Paul, Wedel (Schl.-Holst.)

  • Nachdem sich Xi Jinping mit Segnung der Kommunistischen Partei die absolute Gewalt in China gesichert hat, beeilt sich Olaf Scholz, dem großen Steuermann seine Aufwartung zu machen. In dem Moment, wo die USA die Entkoppelung von China vorantreiben und die EU sich bemüht, sich vom Reich der Mitte zu distanzieren, signalisiert Deutschland, dass business as usual der Leitfaden der deutschen Haltung zu China bleibt. Nicht nur hier fragen sich die Leute, was Olaf Scholz sich dabei gedacht hat. Ist das zynischer Merkantilismus, verblüffende Naivität, blanker Egoismus den Partnern gegenüber – oder Mangel an geopoli­tischen Visionen?
    Marcel Louis Bégoc, Ettlingen (Bad.-Württ.)

  • Wie könnt ihr, ohne auf die Barrikaden zu gehen, einen Bundeskanzler akzeptieren, der dermaßen inkompetent das Land regiert? Der Cum-Ex-Skandal, die viel zu langsame Unterstützung der Ukrainer und jetzt der Hafen Hamburg. Warum schaut ihr diesen Skandalen zu und geht nicht auf die Straße? Ich bin selbst Sozialdemokratin hier in der Schweiz und viele Skandale im Inneren gewohnt, aber so ein »Chef« müsste bei uns den Hut nehmen. Was wollt ihr denn noch alles ertragen? Herr Scholz ist nicht fähig, ein Land zu regieren. Geht endlich auf die Barrikaden, und zwar lautstark!
    Ruth Christine Witzig, Kreuzlingen (Schweiz)

  • Leider steht Herr Scholz voll in der Tradition der SPD: ein weiterer Genosse der Bosse. Gazprom nimmt derzeit keine Mitarbeiter an, aber sicher wird sich doch noch ein Pöstchen im Vorstand von Cosco finden?
    Dr. Michael Groß, Nesselröden (Nieders.)

Die Aufklärung lebt

Heft 44/2022 Universalismus – Philosoph Omri Boehm im SPIEGEL-Gespräch über Gleichheit, Gerechtigkeit und den Nahostkonflikt 

  • Das Gespräch mit Omri Boehm würde ich allen Entscheidern in Politik und Wirtschaft als Lek­türe vorschlagen, denn erst wenn die Seite des »Ihr« in den Diskussionen verschwunden ist, kann universelle Gerechtigkeit stattfinden.
    Rainer Ciliox, Eschenburg (Hessen)

  • Einfach wunderbar, wie Omri Boehm ein paar der prägendsten Widersprüche des aktuellen politischen Diskurses aufdröselt – identitäres Denken gegenüber universalistischem Denken, allgemein und im Hinblick auf israelische Außen- und Innenpolitik beziehungsweise deutsche Nahostpolitik, nicht zu vergessen westeuropäische beziehungsweise nordamerikanische Geistesgeschichte (Kant, Kolonialismus, Sklaverei …). Ein Glück, sie lebt noch, die Aufklärung.
    Alex Bauch, Freiburg

  • Ein feines Lesevergnügen. Macht mich froh.
    Manfred Peters, Hamburg

  • Eine journalistische Meisterleistung. Auf beiden Seiten! Ohne Schaum vorm Mund, unbequeme Wahrheiten aussprechend, versteht es Omri Boehm, seine Ansichten und Denkrichtung den interessierten Lesern näherzubringen. Und die zweite Seite: Er hebt – bewusst oder unbewusst – den Redakteur Lothar Gorris auf Augenhöhe und ermuntert ihn, auch kritische Fragen zu stellen. Dieser Meinungsaustausch tut gut, nicht zuletzt, weil die »westliche Scheinheiligkeit« notwendigerweise thema­tisiert und aufgearbeitet werden sollte. Bitte mehr davon!
    Bernd Schönecker, Idstein (Hessen)

  • Endlich mal wieder ein philosophisches Zwiegespräch mit intellektuellem Anspruch, ein Genuss! Universalismus im Sinne Kants als Werkzeug zur Durchsetzung des Prinzips der Gerechtigkeit scheint mir nur unter Labor­bedingungen und bei Annahme eines optimistisch positiven Menschenbilds zu funktionieren, schade.
    Robert Glöggler, München

  • Glückwunsch zu diesem Interview auf höchstem Niveau. Interessant, aufklärend und wichtig. Omri Boehm sollte von jedem gelesen werden, der die Situation Israels verstehen möchte und um eine angemessene Haltung ringt.
    Dr. Uwe Winter, Lörrach (Bad.-Württ.)

Ein gegensätzliches Bild

Heft 43/2022 Zeitgeschichte: Die wahnwitzige Sammelwut der Staatsschützer in der SPIEGEL-Affäre 

  • Der Beitrag von Thomas Darnstädt bedarf der Klarstellung. Nicht nachvollziehbar ist, wie das »Schwarze Buch« zur SPIEGEL-Affäre dem Autor verrät, welcher Geist den Staatsschutz in den Sechzigerjahren umtrieb und dass sich Männer mit dem totalitären Anspruch gefunden hätten, alles wissen zu wollen. Mehrfach erwähnt wird der spätere Generalbundesanwalt Buback. Der Autor hat es aber offensichtlich versäumt, in das jüngst über meinen Vater erschienene Buch zu schauen: »Der General muss weg! Siegfried Buback, die RAF und der Staat«. Er hätte ihn dann wohl nicht als einen in Hamburg mit sehr eigenem Feindbild angetretenen Staatsschützer bezeichnet. Das Buch belegt Gegenteiliges. Darin abgebildet ist die Passage im Eilbrief meines Vaters vom 24.10.1962, also vor der Aktion in Hamburg, an seinen Vorgesetzten. Dem teilt er mit, er halte die Unterrichtung des Bundesministers der Justiz für dringend erforderlich, damit der sich verstärkende Eindruck, sie seien Hilfsbeamte des Verteidigungsministers, keine weitere Nahrung erhält. Gezeigt ist auch Augsteins Buch-Widmung von 1975: »Für Siegfried Buback zur Erinnerung an gemeinsame und schöne Tage«. In der Hausmitteilung (SPIEGEL 16/1977) bescheinigt Verlagsdirektor Becker »ohne Ironie«, Buback habe bis zum Rande physischer Erschöpfung gearbeitet, um die Redaktionsräume freizukriegen. Rudolf Augsteins Worte im Kondolenzbrief an meine Mutter lauten: »In schwierigen Zeiten habe ich Ihren Mann kennen und schätzen gelernt« – und Augstein ist nicht für unberechtigte Komplimente bekannt.
    Michael Buback, Göttingen

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