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Patrick Mariathasan für den SPIEGEL

Briefe

Der Mangel an Arbeitskräften in Deutschland, die geplanten Kürzungen bei Hartz IV und wenn Kinder ihre Mutter nicht mehr sehen wollen – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
aus DER SPIEGEL 30/2022

Vernünftig bezahlen und behandeln

Heft 29/2022 Titel: Wo sind die nur alle hin? 

  • Ein Aufschrei der Empörung stellt sich immer erst ein, wenn scheinbare Selbstverständlichkeiten nicht wie gewohnt funktionieren. Wenn der aufgegebene Koffer nicht bestimmungsgemäß den Zielflughafen erreicht, wenn der Elektriker aus Termingründen wichtige Reparaturarbeiten nicht ausführen kann, wenn die Älteren in den Altenheimen nicht eine Mindestversorgung erfahren. Und so weiter. Erst dann stellen wir den Mangel an Arbeitskräften fest. Andererseits befinden sich Handwerksberufe in der gesellschaftlichen Wertschätzung am unteren Ende der Skala. Außerdem leisten wir uns in jedem Schuljahr etwa 50 000 junge Menschen, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Zudem ist unser Sozialsystem insgesamt so komfortabel gestaltet, dass arbeitsfähige aber -unwillige Menschen die Problematik noch verschärfen. Wo sollen die Arbeitskräfte rekrutiert werden?
    Horst Winkler, Herne (NRW)

  • Jahrelang wurde am und beim Personal gespart, und dann ist kaum noch jemand da? Da sollte jetzt niemand überrascht sein. Wer seine Leute halten oder neue Leute haben will, dem hilft nur eins: vernünftig bezahlen und vernünftig behandeln. Das nennt man Wertschätzung, und dazu gehört eben eine angemessene Bezahlung, auch wenn dann Aktionäre weniger Dividende bekommen. Anstatt sich selbst Boni auszuzahlen, sollten Manager dieses Geld besser den Mitarbeitern zukommen lassen.
    Gert Schmidt, Lehrte (Nieders.)

  • Anfang des Jahres verschickte das Auswärtige Amt Einladungen in die Welt, um Fachkräfte im Bereich Krankenpflege anzuwerben. Ein 25-jähriger Bekannter von mir in Asien, der sehr gut Deutsch spricht (Goethe-Zertifikat), zwei Praktika in Bayern absolviert hat (beste Zeugnisse) und das Land mag, hat sich beworben. Nach Wochen kam erst auf Nachfrage die Antwort, dass der Antrag eingegangen und vollständig sei. Seitdem Funkstille. Ein besseres System der Bundesregierung, um willige Fachkräfte fernzuhalten, ist schwer vorstellbar. Ich schäme mich für Deutschland.
    Detlev Neufert, Bernau am Chiemsee

  • Vielleicht sollte sich mal jemand die Mühe machen und herauszufinden, wie viele unproduktive Jobs es in Deutschland gibt.
    Gerhard Gollner, Selb (Bayern)

  • Zu diesem Beitrag habe ich als strenggläubiger dialektischer und historischer Materialist zwei Ergänzungen vorzubringen. Erstens: Die Arbeitskraft ist (laut Marx im »Kapital«) eine Ware. Der Preis einer Ware (Arbeitslohn) ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Zweitens: Bei 2 613 489 Arbeitslosen (2021) und je nach Zählweise zwischen 140 897 und 1,74 Millionen offenen Stellen ist ein Überangebot an Arbeitskräften vorhanden. Ich kann kein gravierendes Problem für Deutschland erkennen.
    Jürgen Hübner, Spremberg (Brandenb.)

  • Personalmangel gibt es überall, und das nicht erst seit gestern. Doch wo bleibt das hochgelobte duale Ausbildungssystem? Der Wettbewerb mit einem Studienplatz und die besseren Verdienstaussichten, haben dafür gesorgt, dass qualifizierte Handwerksberufe und andere Ausbildungsberufe darunter leiden. Auch eine andere Einwanderungspolitik hilft nur wenig, den Arbeitskräftemangel schnell und durchgreifend zu beheben. Die ständige Auslagerung von industrieller Fertigung und die teilweise Nichtübernahme von Auszubildenden der Vergangenheit sowie die Reduzierung von Ausbildungskapazitäten rächen sich jetzt. Fehler, die erst in Krisenzeiten erkannt werden, machen ein Umsteuern nur schwer möglich. Ein Stundenlohn von 12 Euro schafft keinen neuen Arbeitsplatz.
    Thomas Bartsch Hauschild, Hamburg

  • Wer möchte denn für 12 Euro arbeiten? Wer möchte als Saisonarbeiter, in der Winterzeit gekündigt, schuften? Also Preise rauf und zum Beispiel keine Flugtickets für ein paar Euro verscherbeln – und die Menschen dafür ordentlich bezahlen. Dann findet man auch wieder Arbeitskräfte.
    Dieter Hilligardt, Marbach (Bad.-Württ.)

  • 50 Jahre lang erzählte man unserer Jugend, dass ein Studium das Heil bedeuten, ein weißer Kragen das Optimum. Das Studium und Bafög wurden bezahlt. Sich die Hände schmutzig zu machen war noch nie beliebt, okay. Dass in Handwerksberufen und vielen praktischen Tätigkeiten durchaus qualifizierte Arbeit abgeliefert wurde, nahm man hin. Eine adäquate Bezahlung brauchten die nicht. Heute denkt man darüber nach, die Meister-Ausbildung zu fördern oder gar zu bezahlen. Welch eine Einsicht. Die Ausländer-Anwerbung wird nur minimal helfen. Deutschland wird nicht umhinkommen, qualifizierte handwerklich-praktische Arbeit viel besser zu bezahlen. Wenn der Markt funktioniert, werden viele Leistungen demnächst viel teurer.
    Wilhelm Schönig, Obernburg (Bayern)

  • Seit etwa 20 Jahren ist Arbeit in Deutschland kontinuierlich entwertet worden. Die Arbeitsverdichtung hat besonders in Dienstleistungsberufen ein unmenschliches Ausmaß erreicht. Die Arbeitgeber haben dadurch immense Reichtümer angehäuft. Politiker öffneten dieser Art der Sklaverei Tür und Tor, und auch die Ampelkoalition will sich nicht von sachgrundfreien Zeitverträgen trennen. Der Mangel an Arbeitskräften ist eine Art berechtigter Streik, und ein Appell an die Politik, den neoliberalen Ausbeuterkapitalismus zu beenden.
    Irene Weidlich, Berlin

  • Sie schreiben: »Anders als in der Industrie oder im Bankgewerbe lassen sich Kellner schwer durch Technik ersetzen«. Ich möchte entschieden widersprechen. Schon vor der Pandemie empfand ich das Suchen nach dem Kellner, das Winken und das (häufig vergebliche) Blickkontakt-Aufnehmen, das Hin- und Hergelaufe der Kellner:innen, um die Menükarte oder das Kartenlesegerät an den Tisch zu bringen, als nervig und störend. Ein Blick nach Schweden, China oder in die Niederlande zeigt: In vielen Restaurants, Biergärten oder Bars wird online am Handy ausgewählt, bestellt und auch direkt bezahlt. Der QR-Code beinhaltet dabei gleich die Tischnummer, wodurch Bedienungen sich auf wert bringende Tätigkeiten (Beraten, Fragen beantworten, Bedienen oder Abräumen) konzentrieren können. Das Essen kommt schneller an den Tisch, Bedienungen müssen sich das »Ich zahle!« – »Nein, ich!« nicht anhören und auch keine 15 Teilabrechnungen machen – ganz nebenbei wird der Tisch auch schneller wieder frei. Technik kann also auch hier stark unterstützen, aber die Wirte in Deutschland und auch Gäste müssten Technologie gegenüber pragmatischer und offener werden.
    Sonja Hild, München

Stinkefinger für die Armen

Nr. 28/2022 Kolumne Der gesunde Menschenverstand: Respektlos

  • Danke, Herr Feldenkirchen, für Ihre Worte. In einer Zeit, in der für normale Bürger alles extrem teuer – fast unbezahlbar – wird, die Schere zwischen Arm und Reich wächst, die Tafeln nicht mehr über ausreichend Lebensmittel verfügen für die vielen Armen in unserem Land, bei unseren Nachbarn ein grausamer Vernichtungskrieg mit Tausenden von Toten tobt, feiert unser Finanzminister vor aller Augen eine große, protzige Luxushochzeit auf dem Pflaster der Reichen und Schaulustigen dieser Republik. Dieses Verhalten empfinde ich als absolut taktlos gegenüber den sich in großer Not befindenden Bürgern unseres Landes, den Langzeitarbeitslosen, denen Mittel gestrichen werden sollen und denen ein Abrutschen ins Nichts droht. Unsere gewählten Regierungsvertreter sollten Vorbilder im menschlichen Verhalten sein. Solch ein stilloses Auftreten wäre bei Frau Merkel, Herrn Schäuble, Helmut Schmidt und auch anderen undenkbar gewesen.
    Constanze Stahlberg, Seevetal (Nieders.)

  • Die geplanten Kürzungen bedrohen den sozialen Frieden und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wieder zeigt eine Bundesregierung, dieses Mal in Gestalt eines skrupellos taktierenden und nicht im Geringsten am Gemeinwohl interessierten Neokonservativen, den Ärmsten der Armen den Stinkefinger. Seit Jahren wird in Politikerkreisen darüber schwadroniert, wie die demokratiefeindliche AfD gestoppt werden könne. Lindner ist ein Brandbeschleuniger für das Auseinanderbrechen des demokratischen Konsenses unseres Gemeinwesens.
    Wolfgang Moselle, Much (NRW)

  • Als Hamburgerin hege ich Olaf Scholz gegenüber zwar ein gewisses grundlegendes Misstrauen, aber seine Versprechen, für mehr Respekt und bessere soziale Bedingungen zu sorgen, habe ich ernst genommen. Was für ein Schlag in die Magengrube, die Leistungen zur Eingliederung in Arbeit um 600 Millionen kürzen zu wollen! Egal, ob er selbst einfach respektlos ist oder ob er sich von der FDP treiben lässt, es diskreditiert ihn – denn wozu soll irgendjemand künftig noch SPD wählen, wenn sie weder für mehr soziale Gerechtigkeit noch für mehr Respekt sorgt?
    Monika Dengler, Hamburg

73 Millionen Minuten Lebenszeit

Heft 28/2022 Kolumne: Leitkultur 

  • Herzlichen Dank für Ihre Kolumne! Aus den vier Feinden der DB – Frühling, Sommer, Herbst und Winter – sind also 20 geworden. Ich habe gerade im ICE 73 Richtung Zürich laut gelacht, sodass sich andere Reisende schon umgedreht haben. »Türstörung« sollten Sie mitbedenken, der aktuelle Grund aus Hannover für die verspätete Abfahrt. Auch schön: »Blitzeinschlag in einen Bahnübergang« (neulich). Richtig kritisch wird es, wenn ein Rollstuhlfahrer einen Nachtzug gebucht hat und das Abteil für behinderte Menschen einfach mal komplett fehlt. Das ist einem guten Freund von mir letzten Sonntag auf dem Weg von Hannover nach Wien passiert. In dem aktuell vielgepriesenen neuen Night Jet. Da verschlägt es mir die Sprache! Und er wiederum musste in Hannover übernachten.
    Mareille Kleemann, Hamburg

  • Kein Fahrplan, aber das grundsätzliche Versprechen, dass irgendwann ein Zug kommt, wie in der New Yorker Subway, das wäre der ehrlichste Umgang der Deutschen Bahn mit ihren Kunden. 7,3 Millionen Menschen benutzen täglich die Bahn. Manche haben 5, 10, 30, 50 oder mehr Minuten Verspätung, manche fahren pünktlich, bei manchen fällt der Zug ganz aus. Nehmen wir einmal an, im Durchschnitt ergäbe das für jeden zehn Minuten Verspätung. Das wären dann insgesamt 73 Millionen Minuten oder umgerechnet knapp 50 700 Tage Menschen-Lebenszeit mehr als bei Pünktlichkeit, die an einem Kalendertag auf Bahnhöfen oder in Zügen verbracht werden. Da stellt sich die Frage: Was könnte man damit anfangen?
    Georg Altvater, Mannheim

Die schwächsten Glieder

Heft 28/2022 Familie: Wenn Kinder ihre Mutter nicht mehr sehen wollen 

  • Es ist so einfach, Kinder in Trennungssituationen zu manipulieren, wenn ein Elternteil es darauf anlegt. Hier besteht dringender Handlungsbedarf für ein Gesetz, das die Kinder vor Elternteilen schützt, die ihre eigenen Kränkungen nicht anders bewältigen können als über die schwächsten Glieder der ehemaligen Familie. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Eltern-Kind-Entfremdung als Kindesmissbrauch klassifiziert. In Deutschland wird das als Wahrung von Menschenrechten kaum wahrgenommen.
    Rena Hauck, Wohnort angefragt

  • Als Leiterin einer evangelischen Lebensberatung für Einzelne, Paare und Familien ist das von Ihnen beschriebene Szenario mein Berater:innenalltag. Familiengerichte entscheiden nicht mehr automatisch über die Umgangsregelung. Die Gesetzesreform sah vielmehr vor, dass Eltern sich verpflichten, sich bei der Wahrnehmung der elterlichen Sorge vom Wohle des Kindes leiten zu lassen und sich zu einigen, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt. Für viele Trennungspaare kann dieser Anspruch eine Überforderung sein, vor allem dann, wenn die beteiligten Partner:innen sich durch die Trennung und die Trennungsvorlaufphase tief verletzt fühlen und ihre Verletzung nicht reflektieren und bearbeiten können. Tief verletzte Partner:innen können dann – bewusst oder auch unbewusst – den/die Ex-Partner:in verunglimpfen, ihre Verunglimpfung rationalisieren und damit eine Manipulation der Kinder beginnen. Danach befragt, erklären diese Eltern oft sofort und vehement, dass sie bereit wären, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um das ihrer Kinder zu schützen (fiktives Szenario »untergehendes Schiff«, »brennende Wohnung«). Die weiterführende Frage, ob sie, da sie bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, auch bereit sind, eine ähnliche Energie aufzubringen, um echte Verständigung mit dem »gegnerischen« Elternteil zu finden, führt zunächst oft zu verblüfftem Schweigen.
    Dipl. Psychologin Marlies Lübker, Winsen/Luhe (Nieders.)

  • Eltern-Kind-Entfremdung entsteht nicht allein durch den Trennungsstreit der Eltern, sondern durch oft jahrelanges kontinuierliches Diskreditieren des anderen Elternteils in so subtiler Form, dass Kinder die Gehirnwäsche nicht erkennen können, der sie unterzogen werden. In eine »Zerrissenheit« werden die Kinder oft erst durch den Elternteil gebracht, der ihnen zwar sagt, sie dürften den anderen sehen, sooft sie wollen, ihnen aber gleichzeitig durch Intonation dieser Worte, durch Gestik und Mimik das Gegenteil signalisiert. Kein Kind hält so etwas lange aus, und deshalb kann der andere Elternteil, der von solchen Methoden Abstand nimmt, dieses perfide Spiel nie gewinnen. So kommt es meist bei Gericht, auch 29 Jahrhunderte nach dem salomonischen Urteil, zu dessen Umkehrung: Das Kind bekommt derjenige, der rücksichtsloser daran zerrt.
    Torsten H. Sommer, Nürnberg

Demonstration der Macht

Heft 28/2022 USA: Zwischen Evangelikalen und Liberalen entbrennt der Kulturkampf 

  • In den USA zeigt sich beim Thema Abtreibung, wie gefährlich Religion sein kann. Eine Religion, die spaltet, die sich als Institu­tion der Rache gegen Toleranz, Verständ­nis und liberales Gedankengut ver­steht und dabei ihre Macht demonstriert. Nur darum geht es.
    Martina Gromeier-Pautke, Holm (Schl.-Holst.)

Wladimir Putin und die G7

Heft 28/2022 Soll und kann man noch mit Putin reden? 

  • Wenn »der Westen« mit Stalin und Mao reden konnte, warum sollte er dann nicht mit Putin reden? Es ist nun mal Auf­gabe der Diplomatie, das scheinbar Un­mögliche möglich zu machen – zum Bei­spiel unsere »Wieder­vereinigung«!
    Wolfram Rudolph, Heilbronn

Umstrittene Fördermethode

Heft 28/2022 Comeback für Fracking in Deutschland? 

  • Ich kann nicht verste­hen, dass der SPIEGEL eine solch risikorei­che und umweltfeind­liche Technologie immer wieder zum Thema macht. Glei­ches gilt für die Atom­energie. Das ist Was­ser auf die Mühlen der Lobbyisten, die ihre Ziele mit Sicher­heit nicht aufgegeben haben.
    Peter Henn, Köln

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