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Artikel 63 / 64

Patrick Mariathasan für den SPIEGEL

Leserbriefe

Die verpatzte Chance der Grünen, das SPIEGEL-Gespräch mit Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller und die besondere Form der Wut – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
aus DER SPIEGEL 39/2021

Chance vertan

Heft 38/2021 Titel: Kein grüner Land – Hat die Partei eine historische Chance verspielt? 

  • Ein Titel, reißerisch wie in der »Bild«-Zeitung – und das eine Woche vor der Wahl. Warum? Was sind fatale Fehler? Was sich Frau Baerbock »geleistet« hat, sind keine fatalen Fehler. Sicher hat sie den schmutzigen Wahlkampf unterschätzt. Sie ist eben noch keine abgebrühte Politikerin, geht erfrischend, meist sehr gut informiert und engagiert mit dem Wahlkampf um. Warum also dieser Affront? Ich bin sehr enttäuscht und verärgert über diesen Titel, schade! Eine seriöse Berichterstattung sieht anders aus.
    Sabine Fischer, Friedrichshafen (Bad.-Württ.)

  • Zumindest kann man eines von den Grünen lernen, nämlich wie man es nicht macht. Schade, ich hätte mich sehr über die erste grüne Kanzlerin gefreut. Trotzdem will ich noch nicht so weit gehen und behaupten: »Von den Sozis lernen, heißt siegen lernen.« Mal sehen – am Sonntag um 18 Uhr gibt es die erste Hochrechnung.
    Dr. Jürgen Schöfer, Manila (Philippinen)

  • Die Grünen haben im fatalen Glauben an ihren Geschlechterproporz den eindeutig solideren und erfahreneren Kandidaten aus dem Rennen genommen und stattdessen mit einem fast pubertären Gefühl von erfüllter Romantik Frau Baerbock aufgestellt. In den obersten Politiksphären ist aber dafür kein Platz und noch viel weniger, wenn das Klima den Druck auf die Zukunft jedes Jahr rasant erhöht. Gerade die Grünen sollten das wissen, und deshalb ist ihre Entscheidung eigentlich verantwortungslos gegenüber unseren Kindern, weil sie eine Riesenchance vertan haben. Die kommt so schnell nicht wieder und wird eher kleiner, denn auch die SPD wird das Thema zukünftig priorisieren.
    Reinhard Berk, Streithausen (Rhld.-Pf.)

  • Es ist sehr traurig, aber auch bezeichnend, dass ausgerechnet der SPIEGEL eine Woche vor der Bundestagswahl einen großen, kritischen Artikel über die Grünen bringt. Laschet auf dem Titelbild ist eine Woche zuvor und somit längst vergessen. Olaf Scholz? War der je während dieses Wahlkampfs im Großformat auf der Titelseite? Ausgerechnet der SPIEGEL hüpft auf das gleiche Boot wie so viele andere Medien. Man muss weder die Grünen noch Annalena Baerbock mögen, um zu erkennen, dass diesbezüglich in Deutschlands Medienlandschaft etwas schiefläuft.
    Rita Eser, Cölbe (Hessen)

  • Inwieweit die Grünen den Anforderungen an die kommende Bundesregierung gewachsen sind, muss sich zeigen. Für mich stellt sich dabei nicht so sehr die Frage, ob Frau Baerbock die ideale Kandidatin ist. Mir geht es vielmehr darum, dass die Geschichte einen anderen Verlauf nimmt. Ich sehe aus den anderen Parteien kaum einen Impuls, weder einen affirmativen noch einen kritischen, welcher in die Nähe der Hoffnung kommt, die die Grünen verbreiten – so unfertig, wie vieles dabei auch scheinen mag. Man muss die Grünen nicht mögen. Eine Stimmungsmache, wie sie in Ihrem Artikel zum Ausdruck kommt, halte ich jedoch für unverantwortlich angesichts der mannigfaltigen Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen.
    André Beßler, Bremen

  • Das Dilemma der Grünen resultiert aus der ökologisch-ökonomischen Ambivalenz ihrer potenziellen Wählerschaft sowie dem Unwillen und der Unfähigkeit ihrer Protagonisten, die Alternativlosigkeit und Dringlichkeit der zur Abwendung der drohenden Klimakatastrophe erforderlichen Maßnahmen ehrlich zu kommunizieren. Auch wird von den Grünen aus wahltaktischen Gründen die längst erforderliche, mit Verzicht verbundene drastische Änderung unserer Lebensweise nicht so thematisiert, wie es erforderlich wäre.
    Günther Zeipelt, Fuldabrück (Hessen)

Diktat der Empörung

Heft 37/2021 Die besondere Form der Wut 

  • Der SPIEGEL sollte seinen Leitsatz »Sagen, was ist.« verinnerlichen, überdenken und zu seinen Wurzeln zurückkehren. Mittlerweile kann ich sehr viele Artikel überlesen, weil sie keinen nennenswerten Nutzen haben für mich. Mich hat nicht zu interessieren, was in Kantinen angeboten wird. Muss so etwas im SPIEGEL stehen? Ich denke, dass die Empörung viel mit Überforderung zu tun hat. Nicht jeder versteht zu selektieren. Der Informationsfluss ist heute gewaltig. Da bekommen bei vielen Menschen wahrscheinlich nur noch Trivialitäten genug Aufmerksamkeit.
    Marie-Luise Jaspert, Münster (NRW)

  • Es ist ein Teil der Ironie, dass Medien wie Twitter und Facebook heute gegen Realitätsblasen kämpfen, die sie selbst erschufen. Auch Netflix bietet nicht jedem dasselbe an. Würden wir nicht ab und zu gemeinsam Filme anschauen, würde sich das Profil meiner Frau von meinem schnell entkoppeln. Da wir altmodisch neben Onlinemedien auch noch Zeitung lesen und die öffentlich-rechtlichen Sender konsumieren, entwickeln sich unsere Einsichten noch halbwegs im Gleichschritt – auch wenn es nicht dieselben Medien sind. Immerhin reden wir noch miteinander, sodass unsere jeweiligen Realitäten inhaltlich herausgefordert werden.
    Ingo Adlung, Altdorf (Bad.-Württ.)

  • Was mich empört – und das schon seit Längerem –, ist diese aktuelle Empörungskultur. Was für einen Blutdruck müssen diese Leute haben, die sich ständig auf allen Kanälen über alles, was ihnen subjektiv nicht passt, empören. Ich kann mich persönlich über Dinge ärgern, sie nicht gut finden oder sogar ablehnen, aber muss ich diese persönliche Meinung permanent anderen aufdrängen wollen, mich empören, wenn die anderen nicht dieser Meinung sind? Dieses Diktat der Empörung nervt wie jedes andere Diktat.
    Dr. Nicole Cordier, Much (NRW)

Ein Unvollendet-Vollendeter

Heft 37/2021 Zeitgeschichte: Der Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller im SPIEGEL-Gespräch über Heimweh, Sprache und die Begegnungen seines Lebens 

  • Eines der besten Interviews, die ich je im SPIEGEL gelesen habe – mit einem einfach nur zu bewundernden Georg Stefan Troller und zwei ihm gebührenden, einfühlsamen Fragestellern. Keine Gemeinplätze, nirgends. Toll. Danke.
    Hans-Dieter Schabram, Berlin

  • Das Gespräch mit Georg Stefan Troller hat mich mit dem SPIEGEL wieder versöhnt. Ihr Blatt lese ich regelmäßig seit Jahrzehnten, habe in den letzten Jahren aber oft mit den Artikeln gehadert. Troller gehört für mich zu den großartigsten deutschsprachigen Journalisten. Auch wenn er es selbst einen Scheiß nennt, brachte sein »Pariser Journal« den Deutschen Frankreich viel näher, als es Politiker konnten. Seine vielen Interviews zeugten von seiner unnachahmlichen Art, sich Menschen zu nähern und sich in sie einzufühlen, und seine Filme bleiben mir unvergessen. Heute gibt es keinen vergleichbaren Nachfolger, und in der Medienlandschaft ist unser Nachbar Frankreich ferner als zu seinen Zeiten. Schade!
    Jörg Abromeit, Berlin

  • Besuch beim hundertjährigen Georg Stefan Troller fernab in der Normandie. Dies ist für mich neben Volker Weidermanns erschütternd-liebevollem Porträt Martin Walsers vor einigen Monaten das beeindruckendste SPIEGEL-Interview der vergangenen Jahre. Welche geistige Präsenz, welche Bescheidenheit! Ein Unvollendet-Vollendeter. Und noch immer, in den nächtlichen Albträumen, auf der Suche nach Liebe.
    Karl-Heinz Groth, Goosefeld (Schl.-Holst.)

  • Was für ein wunderbar leichtes, gleichzeitig weises Gespräch mit jemanden, dessen sehr souveräne Kommentierung seiner Filme ich immer geliebt habe! Happy 100, Herr Troller!
    Walter Bäumer, Ratingen (NRW)

Unkorrekt oder unkorrumpierbar?

Heft 37/2021 GDL: Gewerkschaftschef Weselsky ist ein Affront für die Konsenskultur 

  • Man mag zu Weselsky stehen, wie man möchte, aber die Bezeichnung »sächselndes Rumpelstilzchen« hat kein journalistisches Niveau. Ich dachte, dass die unsäglichen Zeiten des Verspottens des sächsischen Dialekts vorbei sind. Mit einem humorvollen Umgang könnte ich gut leben, denn jeder hat so seine Besonderheiten. Aber diese Überschrift suggeriert, dass allein der Dialekt den Unterschied mache. Und wenn Weselsky nun ein schwäbelndes Rumpelstilzchen wäre, würde das auch als Titel genommen?
    Ines Herrmann, Dresden

  • Claus Weselsky ist nicht politisch unkorrekt. Er ist unkorrumpierbar. Dass das als unkorrekt empfunden wird, sagt alles über diejenigen, die ihn kritisieren.
    Sönke Schulz, Groß Grönau (Schl.-Holst.)

Egoisten wie wir alle

Heft 37/2021 Demokratie: Bis zu 1000 Abgeordnete – wie das Wahlrecht das Parlament aufblähen könnte 

  • Das Scheitern der Wahlrechtsreform macht wieder einmal deutlich, dass es Menschen im Allgemeinen und Volksvertretern im Besonderen schwerfällt, Reformen, die auf das eigene Leben Einfluss nehmen, auf den Weg zu bringen. Die vom Volk gewählten Vertreter tragen eine hohe gesellschaftliche Verantwortung und sollten sich ihres Vorbildcharakters bewusst sein. Über Reformen muss sachlich gestritten und debattiert werden. Dies muss dann aber auch zu Lösungen und Veränderungen führen und nicht in der Diskussion stecken bleiben. Reformen bedeuten Veränderung. Dazu müssen alle Bürger bereit sein. Auch Politiker sind Bürger.
    Andreas Stachel, Maikammer (Rhld.-Pf.)

  • Das Problem lässt sich wahrscheinlich nur übers Geld lösen. Wenn eine Gehaltsjahressumme für alle Abgeordneten zur Verfügung steht, die sie sich teilen müssen, wäre das Problem wahrscheinlich schnell erledigt.
    Rainer Igel, Ritterhude (Nieders.)

  • Dem Deutschen Bundestag droht eine erhebliche Zunahme der Mandatsträger. Eine Zunahme von Menschen also, die dem Wohl der Gesellschaft dienen und – wie sie selbst immer wieder sagen – ihre eigenen Ansprüche hinter die des Gemeinwohls stellen. Nur ist das Gegenteil der Fall: Sie sind lupenreine Egoisten – wie wir alle. Es sind Menschen, die zunächst an ihre eigenen Vorteile denken, also an das Mandat mit seinen üppigen Bezügen.
    Hans-Heiner Drögemeier, Reinbek (Schl.-Holst.)

  • Geht das eigentlich so lang weiter, bis wir alle im Bundestag sitzen? Das wäre doch dann das Endstadium einer echten und gelebten Demokratie, so wie es sein sollte, oder? Ich bin gespannt, welches Geld wir dann verteilen wollen und wem wir wie viel Steuern abnehmen oder vergünstigen.
    Daniel Nagel, Einbeck (Nieders.)

Das geringste Übel

Heft 37/2021 Ein Weiter-so mit Scholz ist der falsche Weg für Deutschland 

  • Den Leitartikel habe ich mit Spannung gelesen und dabei immer darauf geachtet, was für Sie einen guten Kanzler ausmacht. Aber die Inhalte, die für Sie einen guten Kanzler ausmachen, vermisse ich auch nach mehrmaligem Lesen.
    Wolfgang Otto, Kreutal (NRW)

  • Es ist wirklich kaum zu glauben: Olaf Scholz strauchelt Ende 2019 bei der Wahl zum Parteivorsitzenden und steht nun als Favorit auf das Kanzleramt da. Auch Annalena Baerbock und Armin Laschet fehlt das Format, ein Land zu führen. Nie zuvor hatte ich vor einer Bundestagswahl das Gefühl, mich für das geringste Übel entscheiden zu müssen.
    Michael Ruhnke, Oppenheim (Rhld.-Pf.)

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