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Leserbriefe

Die Debatte um Gendersprache und Identitätspolitik, die fehlenden Inhalte im Wahlkampf und das Protokoll einer Ehe unter Extrembedingungen waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
aus DER SPIEGEL 29/2021

Patrick Mariathasan für den SPIEGEL

Ideologischer Krampf auf beiden Seiten

Nr. 28/2021 Aufstand gegen den alten weißen Mann. Gendersprache, Quoten und Tabus, Identitätspolitik: Fortschritt oder neue Ungerechtigkeit? 

  • Menschen, die immer und immer wieder individuelle wie strukturelle Diskriminierungserfahrungen machen, sind mit Recht wütend über das Fehlen eines gesellschaftlichen Bewusstseins. Um das zu ändern, müssen sie in die Gesellschaft hineinwirken, um diese Diskriminierung zu bekämpfen und vor allem jene zu überzeugen, die sich nicht tagtäglich mit der Thematik auseinandersetzen. Sie vergessen überdies leider zu oft: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler! Mit ihrer bisweilen kompromisslosen und vor allem konfrontativen Debattenkultur verschrecken sie - so fürchte ich - leider allzu oft eigentlich gutwillige und erreichbare Menschen und erweisen ihrem richtigen und wichtigen Anliegen einen Bärendienst.
    Mario Prymuschala, Berlin

  • Wer sich in der Identitätspolitik als Feindbild des alten weißen Mannes bedient, verharrt in genau der Denkweise, die er/sie/(*) bekämpfen möchte. Gesellschaftliche Gerechtigkeit entsteht nicht dadurch, dass man jedem Stereotyp ein Reservat zuweist, sondern dadurch, dass man aufhört, in Stereotypen zu denken.
    Sönke Schulz,Groß Grönau (Schl.-Holst.)

  • Ich habe die Titelstory gelesen und bin noch immer ganz erschlagen davon, wie rückständig ich bin. Mir scheint, dass die Mehrheit der Bevölkerung (vielleicht auch Ihrer Leser) sich ebenfalls noch im Tiefschlaf befindet und relativ wenig mit den dargestellten Problemen, Meinungen und Befindlichkeiten zu tun hat. Viele scheinen zu wenig daran interessiert zu sein, diese mit Kompromissen zu lösen. Ich halte den Kompromiss für eine zivilisatorische Errungenschaft und Höflichkeit für eine bürgerliche Tugend, die hoffentlich erhalten bleibt.
    Rosemarie Leonhardt, Stockach-Wahlwies (Bad.-Württ.)

  • Ich wünsche mir, dass Sie zukünftig in Aufzählungen die Frauen zuerst benennen, was aus meiner Sicht eine größere Anerkennung der eigenständigen Leistung der Frauen darstellt und die Leserschaft weniger auf die Idee kommen lässt, die Frauen seien Anhängsel von Männern.
    Nicola Butterwegge, Köln

  • Sich für seine und für die Rechte anderer einzusetzen bedeutet nicht, die Rechte einer anderen Gruppe missachten zu dürfen. Was für sich eingefordert wird, steht auch anderen zu. Maßstab müssen Menschenrechte sein, die bekanntlich für alle gelten. Subjektive Erfahrungen als Maßstab zu nehmen kann zum Nährboden für eine gespaltene Gesellschaft werden.
    Hatun Aktas, Müllheim (Bad.-Württ.)

  • Kevin Kühnert war bis zur Lektüre des Artikels für mich ein junger SPD-Politiker, der in dieser Funktion Dinge gesagt hat, die mir gefallen haben oder auch nicht. Jetzt wurde er mit einem Mal zu einem homosexuellen Politiker. Das heißt, seine sexuelle Orientierung überlagert für den Moment in meinem Kopf die politische. Ich frage mich, ob diese Information notwendig war.
    Christoph Nitsche, Straßenhaus (Rhld.-Pf.)

  • Ich alter weißer Mann fühle mich nicht bedroht, eher erinnert an meine 68er-Zeit. Es geht doch im Grunde um die gleichen Themen einer gerechteren Gesellschaftsordnung. Die sprachlichen Blüten lassen meinen Blutdruck nicht steigen, sondern der ideologische K(r)ampf auf beiden Seiten. Mein Vorschlag: Hört auf, den weißen Mann als Beelzebub hinzustellen und benennt die wirklichen Probleme. Also bitte die Überschrift mit einem Fragezeichen versehen.
    Kurt Stehmeyer, Konstanz (Bad-Württ.)

  • Man kann keine Ungerechtigkeiten beseitigen, indem man neue schafft: Wieso kann plötzlich eine Weiße nicht mehr das Gedicht einer Schwarzen übersetzen? Wo ist der Unterschied zwischen Deutschen ohne Migrationshintergrund und Deutschen mit Migrationshintergrund, wenn sie in prekären Jobs für den Mindestlohn arbeiten? Sind osteuropäische Lkw-Fahrer und Erntehelfer privilegierter als schwarze Pflegekräfte, weil sie weiß sind? Identitätspolitik nimmt teilweise absurde Ausmaße an.
    Gert Schmidt, Lehrte (NIeders.)

  • Mit Befremden haben wir die Aussage zur Kenntnis genommen, es gebe keine weiteren Fälle der »Cancel Culture« im Wissenschaftsbereich. Auf unserer Homepage haben wir mittlerweile diverse Fälle aufgelistet: Da wird etwa Autoren vorgeworfen, »rechtspopulistische Hetze« zu bedienen, Vorträge zum Rassebegriff bei Schmetterlingen werden abgesagt, Tagungen von Universitätsleitungen sabotiert. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele unserer Mitglieder können von Bedrohungen berichten. Das führt natürlich auch dazu, dass bestimmte Themen von vornherein gemieden werden. Das Problem darf nicht weiter bagatellisiert oder gerechtfertigt werden.
    Der Vorstand des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit

Ein paar Nummern zu groß

Nr. 27/2021 Leitartikel: Höchste Zeit für einen Wahlkampf mit Inhalten

  • Der Autor moniert, dass vor allem Männer die Kandidatur Baerbocks überfordere. Wie er zu diesem Schluss kommt, ist mir schleierhaft. Vor diesen Pannen hatte Frau Baerbock eine sehr hohe Zustimmung in der Bevölkerung – bei Männern und bei Frauen. In einem Land, in dem eine Kassiererin gefeuert wird, weil sie bei der Abrechnung geschlampt hat, stellt sich allerdings die berechtigte Frage, wie die wiederholten Schlampereien einer Kandidatin einzuordnen sind, die Kanzlerin werden möchte.
    Karl Dieter Schaller, Hamburg

  • Die nach Wesensart ihrer Partei locker-flockige Kampagne von Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin der Grünen fällt vor allem durch mangelnde Professionalität auf. Ihre Anwartschaft als Regierungschefin erscheint von Anfang an ein paar Nummern zu groß. Wie dichtete einst Wilhelm Busch vom »fliegenden Frosch«: »Wenn einer, der mit Mühe kaum, geklettert ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär, so irrt sich der.«
    Dr. Hans Christian Hummel, Hannover

  • Eine perfekte Feldenkirchen-Analyse der derzeitigen Debatte. Relativ kleine Holprigkeiten werden aufgebauscht, wesentliche zukunftsbezogene Sachverhalte bleiben außen vor. Nach Angela Merkel geht es vielleicht mit Armin Laschet noch ein paar Etagen tiefer in die Vergangenheit. Die Herausforderungen der Zukunft würden damit unbeachtet bleiben.
    Werner Tatge, Hannover

  • Im Leitartikel wird ausgeführt: »Das Problem des bisherigen Wahlkampfs ist nicht, dass Baerbocks Verfehlungen enthüllt und besprochen werden. Das Problem ist, dass es für viele nichts Wichtigeres zu geben scheint.« Es ist zumindest unbedacht, das nachweislich vielfache Fehlverhalten Baerbocks zu verharmlosen. Der Charakter einer Person, die Regierungsverantwortung übernehmen möchte, ist nämlich sehr, sehr bedeutsam.
    Gerhard Cramer, Stuttgart

  • Nach der Häufung der »Fehlerchen« der Kanzlerkandidatin kann man meiner Meinung nach nicht mehr von Petitessen sprechen. Diese Fehlerkette sagt einiges über die Charaktereigenschaften Baerbocks aus. Wieso der Autor zu dem Beifall heischenden Schluss kommt, dass »einige Männer es zu überfordern scheint, weil eine junge Frau nach der Macht greift«, erschließt sich mir nicht ganz.
    Herbert Pollak, Wien

Nr. 27/2021 Die Delta-Variante ist da, und die Regierung hat keinen echten Plan

  • Die Kleinsten tragen keine Masken, werden nicht mit Tests versorgt, können kaum Abstand halten, und einen Impfstoff gibt es für sie auch noch nicht. Wie sollen Kinder geschützt und mit einem guten Gefühl in die Kita gebracht werden?
    Marion Garbe, Bergisch Gladbach (NRW)

Nr. 27/2021 Am 69. Geburtstag von Innenminister Seehofer wurden 69 Afghanen abgeschoben – einige kehrten als Azubis zurück

  • Es ist wichtig, über solche Beispiele gelungener Integration zu berichten. Wir brauchen diese Menschen, nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für das allgemeine Gefüge der Gesellschaft.
    Matthias Westphal, Weyhe (Nieders.)

Nr. 27/2021 Damien Hirst erzählt im SPIEGEL, wieso er zur Malerei zurückkehrt

  • Es ist schön zu erfahren, dass der Multimillionär Hirst sich »nur« zwei bis drei Picassos leisten kann. Das raubt unsereinem natürlich den Schlaf.
    Anton Leontjev, Hamburg

Politische Absichten

Nr. 27/2021 Das Rätsel von Wuhan. Stammt das Virus von der Fledermaus – oder doch aus dem Labor?

  • Die Titelstory erkennt zwar an, dass China die Gensequenzen des neuen Erregers frühzeitig mit der Welt teilte und WHO-Experten zur Forschungsmission nach Wuhan einlud. Gleichzeitig folgt der Artikel der Logik: Weil keine eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen, welche die Anwürfe gegen China erhärten, beruft man sich auf Verdächtigungen, die aus interessierten Kreisen in den USA stammen. Es stellt sich die Frage nach Glaubwürdigkeit der Amerikaner. Wie der Artikel konstatiert, hat US-Präsident Joe Biden »die Laborhypothese mit einer Legitimität versehen, die sie zuvor nicht hatte«. Das entlarvt die gegen China gerichtete politische Absicht eindeutig. China hat nichts zu verbergen und verwahrt sich gegen diese Politisierung einer wissenschaftlichen Frage. China fordert die USA auf, es uns gleichzutun und der WHO Zugang zu ihren Laboren in Fort Detrick und weltweit zu gewähren. Den Medien ihrerseits kommt im digitalen Zeitalter eine besondere Verantwortung zu, sie spielen eine wichtige Rolle für die Völkerverständigung. Bei der Suche nach dem Ursprung des Virus muss jeder Journalist die Wissenschaft respektieren und darf an keiner politischen Manipulation teilnehmen.
    Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland

Die Frage nach Verantwortung

Nr. 27/2021 Die Messerattacke von Würzburg zeigt, wie eng Wahn und Terrorismus zusammenliegen

  • Als altgedienter Krankenhauspsychiater, der Jahrzehnte in Gruppen mit schizophrenen Patienten gearbeitet hat und weiß, wie verletzlich diese hochsensiblen Menschen sind, schmerzt es mich, welch negatives Bild bei der Aufzählung ihrer Straftaten entsteht. Es ist die pure Angst, die zu diesen Taten führt, und es ist bedauerlich, wie wenig manche Psychiater in der Lage zu sein scheinen, dies zu erkennen. Allein bei der Vorgeschichte des Täters von Würzburg hätten alle Alarmglocken schrillen und eine Entlassung verhindert werden müssen.
    Michael von Drach, Gerhardshofen (Bayern)

  • Psychisch Kranke können sich oft nicht steuern. Schlimm finde ich, dass die verantwortlichen Stellen Menschen nicht schützen und ihrer Pflicht nicht nachkommen. Die Fakten über Gefährder:innen sind oft bekannt, aber es ist so viel einfacher, sich zurückzulehnen und die ganze Verantwortung Sozialarbeiter:innen zuzuschieben. Zwölf (!) vergebliche Kontaktversuche bei einem psychisch kranken und bereits als gefährlich eingeschätzten Menschen. Ich finde, da muss tatsächlich die Frage nach der Mitverantwortung in einem System des Wegsehens und der Passivität gestellt werden.
    Heike Effertz, Berlin

Freiwillige Verpflichtung

Nr. 27/2021 Protokoll einer Ehe unter Extrembedingungen

  • »Warum muss Papa weg?« Weil der Papa sich freiwillig bei der Bundeswehr verpflichtet hat und dafür anständig bezahlt wird. Von der Auslandszulage wollen wir gar nicht anfangen zu reden. Das ist so, als würde der Feuerwehrmann nicht daran glauben, dass es jemals brennen könnte. Es gibt nun einmal Berufe, die gefährlicher sind als andere.
    Ernst Busch, Mönchengladbach (NRW)

  • Sagt den Kindern, dass ihr Papa weg muss, weil es noch viele Politiker gibt, die nicht begreifen, dass man mit Kriegen keine Probleme löst, sondern größere schafft. Sagt ihnen auch, dass diese Kriege geführt werden, weil genügend Menschen – auch in Deutschland – mit Waffen viel Geld verdienen. Und sagt ihnen, dass erst vor kurzer Zeit viele Väter in ein anderes Land, nach Afghanistan, gegangen sind, aber nicht alle wiederkamen. Sagt Kindern einfach die Wahrheit und hört auf, die eigentlichen Ursachen der Kriege mit der Verteidigung und dem Schutz von Menschenrechten oder sonstigen humanitären Zielen zu vernebeln. Wer aus Afghanistan nicht gelernt hat, will nicht lernen.
    Dietmar Sobottka, Chemnitz

Flick, der Messias?

Nr. 27/2021 Bundestrainer Joachim Löw hinterlässt eine Großbaustelle

  • Die Taktik auf Ballsicherung hat meines Erachtens bewirkt, dass Deutschland bei der EM nicht besser abgeschnitten hat. Aber Löw konnte nicht aus seiner Haut. Er ist dieser defensiven Strategie immer treu geblieben, obwohl er damit oft Schiffbruch erlitten hat. Auch bei der EM wählte er diese Spielweise, obschon er nach der für Deutschland desaströs verlaufenen WM 2018 versprach, künftig offensiver spielen zu lassen. Allerdings schlich sich bei der WM 2014 ein »Fehler« in das Betriebssystem von Löw ein: Er passte sich dem damaligen Trend zum schnellen Umschaltspiel an – und Deutschland wurde Weltmeister.
    Dietrich Jesse, Mainaschaff (Bayern)

  • Das Ansehen unserer Nationalmannschaft haben wir nicht erst seit dem erneuten Scheitern verspielt. Löw hatte reichlich Zeit, eine verjüngte Mannschaft aufzubauen. Das muss nicht heißen, ältere Spieler auszusortieren. Der Eiertanz um Müller und Hummels zeugt von mangelnder Koordination. Die »jungen« Spieler sind auch älter geworden – ohne erkennbare Entwicklung. Hansi Flick wird nun in die Rolle des Messias gedrängt. Hoffentlich gelingt es ihm, den Gordischen Knoten zu zerschlagen.
    Klaus Lückerath, Meerbusch-Büderich (NRW)

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