Formel-1-Vizeweltmeister Vettel "Angst habe ich nicht ..."

... sagte Formel-1-Vizeweltmeister Sebastian Vettel, als Lennart und Constantin ihn zum Interview trafen. Aber Respekt vor der Geschwindigkeit, den braucht man. Und noch eines sagte Vettel: Schlausein hilft.
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Sebastian Vettel: "Anhalten? Ist nicht so gut"

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Dein SPIEGEL: Bist du eigentlich traurig, dass du nicht Weltmeister geworden bist?

Sebastian Vettel: Der Zweite ist der erste Verlierer, ich glaube, so denken alle Sportler. Im ersten Moment war ich enttäuscht und habe Zeit gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Es geht darum, zu gewinnen.

Dein SPIEGEL:Warum fährst du bei Regen so gut?

Vettel: Es macht mir viel Spaß. Ihr beide fahrt doch sicher Fahrrad, oder?

Dein SPIEGEL: Ja.

Vettel: Auf dem Rad ist es wie im Auto: Wenn es nass ist, muss man mehr aufpassen, man braucht viel Gefühl, wenn man um die Ecken fährt, sonst baut man einen Unfall. Ich habe früher beim Kartfahren oft im Regen trainiert. Wir hatten damals nicht das Geld, um uns immer wieder neue Reifen zu kaufen. Also bin ich auch im Regen mit profillosen Reifen gefahren, das war natürlich rutschiger, aber die Reifen verschlissen kaum. Dadurch habe ich das Fahren im Regen sehr trainiert.

Dein SPIEGEL: Wie riecht es in deinem Auto? Nach Benzin?

Vettel: Normalerweise bekomme ich viel Frischluft, weil die Abgase nach hinten wegziehen. Wenn man einem anderen folgt, kriegt man dessen Abgase ein bisschen ab. Ansonsten riecht es so, wie es draußen riecht. In Singapur beispielsweise stehen an manchen Stellen Imbissbuden neben der Strecke. Wenn man da vorbeifährt, riecht es nach Fisch, Hühnchen oder so etwas.

Dein SPIEGEL: Was machst du, wenn du im Rennen einmal aufs Klo musst?

Vettel: Gute Frage. Anhalten? Ist nicht so gut. Ich gehe immer noch mal pinkeln, bevor ich ins Auto steige. Aber dem einen oder anderen ist es schon passiert, dass er es nicht mehr halten konnte und ... tja. Bei mir ist aber noch nichts in die Hose gegangen.

Dein SPIEGEL: Wenn du einen Unfall baust, was machst du dann?

Vettel: Ich versuche, das Auto irgendwie abzufangen. Klappt das nicht: Hände weg vom Lenkrad! Sonst könnte sich das Lenkrad schnell in eine Richtung drehen und einem dabei die Daumen brechen. Dann bremse ich und warte, bis es bums macht. Aber es ist kein angenehmes Gefühl.

Dein SPIEGEL: Haben deine Eltern Angst um dich?

Vettel: Es ist sicher nicht einfach für sie, aber sie haben gelernt, damit umzugehen, weil sie es ja von klein auf von mir kennen. Trotzdem glaube ich, dass es für sie manchmal schwerer ist als für mich selbst.

Dein SPIEGEL: Hast du denn Angst?

Vettel: Angst nicht, aber Respekt vor der Geschwindigkeit. Ich weiß, was passieren kann.

Dein SPIEGEL: Wie bist du zum Rennfahren gekommen?

Vettel: Durch meinen Vater, der ist mit seinem VW Golf früher Bergrennen gefahren. Auf abgesperrten Straßen ging das den Berg hoch. Deswegen waren wir als Familie oft unterwegs. Irgendwann kam dann jemand mit einem Kart daher und, zack, hatte ich das unterm Weihnachtsbaum stehen. Damit bin ich bei uns auf dem Hof auf und ab gefahren, so mit etwa vier Jahren. Später haben meine Freunde in der Schule davon geträumt, Fußballprofi zu werden - ich wollte Rennfahrer werden.

Dein SPIEGEL: Warst du deshalb ein Außenseiter?

Vettel: In gewisser Hinsicht ja, weil ich etwas gemacht habe, was keiner so richtig einordnen konnte. Ich bin in der Schule nie durch die Klasse gegangen und habe groß erzählt, hey, ich habe am Wochenende ein Rennen gewonnen, hier mein Pokal! Ich habe das mehr für mich behalten, nur meine Freunde wussten Bescheid.

Sebastian Vettel über seine Abi-Note, seine Lieblingsmusik und über Boxenluder

Dein SPIEGEL: Muss ein Rennfahrer schlau sein?

Vettel: Es hilft. Ich muss an sehr viele Dinge denken beim Fahren. Im Rennen passiert so viel. Außerdem kann ich viel am Auto verstellen, ich habe viele Knöpfe am Lenkrad zu bedienen.

Dein SPIEGEL: Was für Noten hattest du in der Schule? Hattest du mal eine Sechs?

Vettel: Ja, meine erste Sechs hatte ich in der fünften Klasse, in Deutsch. Aber mein Abitur habe ich mit 2,8 gemacht, ganz okay eigentlich.

Dein SPIEGEL: In welchen Fächern warst du stark?

Vettel: Sport, Mathematik, Physik habe ich immer gemocht. Alles, was man sich logisch erklären kann.

Dein SPIEGEL: Ist die Formel 1 nicht schlecht für die Umwelt? Die Autos verbrauchen ja viel Benzin.

Vettel: Ja, sogar sehr viel Benzin. Aber für die Leistung, die ein Motor erbringt, verbraucht er vergleichsweise wenig. In der Formel 1 wird viel Technik entwickelt, die nach und nach in die Serienautos kommt und dort hilft, Sprit zu sparen.

Dein SPIEGEL: Wie viel verbraucht so ein Formel-1-Auto auf 100 Kilometer?

Vettel: Etwa 100 Liter, also etwa zehnmal so viel wie ein normales Auto. Wenn wir die ganze Zeit Vollgas fahren würden, wäre es sogar noch mehr. Aber das machen wir ja nicht.

Dein SPIEGEL: Bist du privat eher ein schneller oder ruhiger Autofahrer?

Vettel: Eher ruhig. Ich kann ja auf der Rennstrecke rasen. Auf der Straße sind viele andere unterwegs, Kinder, Radfahrer, andere Autofahrer. Wenn man da Mist baut, zieht man die mit rein.

Dein SPIEGEL: Hattest oder hast du Vorbilder?

Vettel: Ja. Ich hatte auch Poster zu Hause im Zimmer hängen. Bis ich so in deinem Alter war, Constantin. Später waren da ein paar Frauen an der Wand, das werdet ihr auch noch haben.

Dein SPIEGEL: Welche Vorbilder waren das?

Vettel: Michael Schumacher zum Beispiel. Den hatte ich als Junge beim Kartfahren kennengelernt. Zu ihm habe ich aufgeschaut, er war in der Formel 1 und hat immer gewonnen. Er hat sehr viel gearbeitet für seinen Erfolg, er war einer der fittesten Fahrer. Er hat besser als andere verstanden, was in einem Auto so vorgeht.

Dein SPIEGEL: Welche Musik hörst du?

Vettel: Sehr gern Popmusik von früher. Meine Lieblings-Band sind die Beatles. Als ich in eurem Alter war, bin ich im Internet auf deren Musik gestoßen. Die gefiel mir. Ich sammle sogar alte Schallplatten von ihnen.

Dein SPIEGEL: Hast du eine Freundin?

Vettel: Ja, hab ich. Wir sind schon länger zusammen, seit etwa vier Jahren. Sie studiert in Deutschland. Ich wohne in der Schweiz, aber ich bin ja nicht oft zu Hause. Selbst wenn sie bei mir wohnen würde, könnte sie mich dort nicht oft sehen.

Dein SPIEGEL: Was sind eigentlich Boxenluder?

Vettel: Also, in der Formel 1 laufen sehr viele Menschen herum, natürlich auch viele Frauen. Manche von ihnen sind zum Arbeiten dort, manche zum Zuschauen und andere vielleicht, um dem einen oder anderen Fahrer schöne Augen zu machen. Die sind meistens jung und sehen gut aus - das sind dann Boxenluder. Wer viel feiert, mit Mädchen spricht und abends gern ausgeht, der kann seinen Spaß haben. Aber es ist nicht so wild, wie man oft hört. Man kann sich als Rennfahrer schon noch auf die Arbeit konzentrieren.

Das Interview führten Lennart und Constantin