Philipp Lahm "Früher habe ich geweint, wenn wir verloren haben..."

...gibt Bayern-München-Star Philipp Lahm, 26, im Gespräch mit Konrad, 13, und Leo, 10, zu. Der Fußballer ist gerade deutscher Meister geworden und freut sich auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Den Kinderreportern von "Dein SPIEGEL", dem Nachrichtenmagazin für Kinder, erklärte er, welche Chancen die Deutschen haben und was seine Stiftung für Kinder tut.

ddp

Dein SPIEGEL: Wann ist es aufgefallen, dass Sie besser Fußball spielen als die meisten anderen?

Lahm: Ihr müsst mich nicht siezen, ich bin der Philipp.

Dein SPIEGEL: Okay.

Lahm: Der FC Bayern hat mich zu sich geholt, als ich elf war. Aber ob einer wirklich Profi wird, kann man erst viel später sagen. Das kam erst, als ich mit 17, 18 um die Deutsche A-Jugendmeisterschaft mitgespielt habe.

Dein SPIEGEL: Wie hast du Schule und Fußball-Training geschafft?

Lahm: Dienstag und Donnerstag hatten wir zweimal Training. Nach dem ersten Training gab es Essen, dann war ein Lehrer im Verein, der mit uns die Hausaufgaben durchgegangen ist, und um 18 Uhr war noch mal Training. Um 21 Uhr bin ich nach Hause gekommen. Das war dann schon ein langer Tag.

Dein SPIEGEL: Hattest du in der Freizeit noch Zeit für etwas anderes als Fußball?

Lahm: Wenig. Mittwochnachmittag hatten wir frei. Aber wenn andere ins Schwimmbad gegangen sind, musste ich meist zum Training.

Dein SPIEGEL: Wer war dein Idol, als du ein Junge warst?

Lahm: Früher war Pierre Littbarski mein Vorbild. Er hat 1990 bei der Weltmeisterschaft in Italien gespielt, er sagt euch wahrscheinlich nix mehr...

Dein SPIEGEL: ...nee...

Lahm: ...er war auch nicht sehr groß, so wie ich eben.

Dein SPIEGEL: Es gibt in Südafrika, wo im Juni die WM beginnt, viel Gewalt. Hast du keine Angst?

Lahm: Nein. Ich war schon mal in Südafrika. Man muss sich an Regeln halten, aber Regeln gibt es auch in anderen Ländern. In Südafrika sollte man in bestimmten Gegenden abends nicht allein auf die Straße gehen. Und am besten als Gruppe zusammenbleiben, dann ist es sicherer.

Dein SPIEGEL: Warum wurde so viel Geld in die Stadien gesteckt, anstatt die Karten billiger zu machen?

Lahm: Sie hatten halt keine richtigen Stadien. In Deutschland wurden die Stadien für die WM auch ausgebaut. Aber es stimmt: Viele Südafrikaner können sich kein Ticket leisten. Vielleicht werden die Karten, die nicht verkauft werden, am Ende billiger gemacht oder teilweise auch kostenlos verteilt.

Dein SPIEGEL: Hast du bei der WM einen Angstgegner oder einen Lieblingsgegner?

Lahm: Die Top-Favoriten sind für mich Spanien und Brasilien. England darf man auch nicht unterschätzen. Aber Angst? Nee. Großen Respekt, ja, den haben wir vor jedem Gegner.

Dein SPIEGEL: Wie gut ist die deutsche Mannschaft? Unsere Stürmer Mario Gomez und Miroslav Klose sitzen beim FC Bayern oft auf der Ersatzbank.

Lahm: Die deutsche Nationalmannschaft hat es immer geschafft, vor großen Turnieren zusammenzuwachsen, sich sehr gut vorzubereiten und dann auch sehr gut zu spielen.

Dein SPIEGEL: Wärst du nicht selber gern Stürmer? Gegen Costa Rica und die Türkei hast du bei der WM 2006 und der EM 2008 ja wichtige Tore geschossen.

Lahm: Ich bin sehr zufrieden als Außenverteidiger. Ich glaube, die Position passt auch am besten zu mir.

Dein SPIEGEL: Vor anderthalb Jahren hattest du ein Angebot vom FC Barcelona. Warum bist du bei Bayern geblieben?

Lahm: Das ist mein Heimatverein. Ich spiele da seit der Jugend und will dabei sein, wenn was Großes entsteht, was wir bis jetzt in diesem Jahr ja ganz gut hingekriegt haben.

Dein SPIEGEL: Wie bist du darauf gekommen, eine Stiftung für afrikanische Kinder zu gründen?

Lahm: Die Stiftung ist auch für deutsche Kinder. Die Idee kam mir aber in Südafrika. Bei einem Besuch dort habe ich viel Elend gesehen, zum Beispiel eine 13-Jährige, die allein ihre kleinen Geschwister großzieht, weil die Eltern an Aids gestorben sind. Wir versuchen, Kinder von der Straße zu holen, ihnen zu helfen. In Deutschland machen wir das Philipp-Lahm-Sommercamp. Da geht' um Bewegung, wie Kinder sich gesund ernähren und um die Persönlichkeit, etwa: Wie soll mein bester Freund sein? Bin ich selber so, wie ich meinen Freund haben will?

Dein SPIEGEL: Wie schätzt du dich selber ein mit deinen Stärken und Schwächen?

Lahm: Ich bin ehrgeizig, in einem gesunden Maße, denke ich. Und ich bin sehr familiär. Negativ: Ich bin Sternzeichen Skorpion, von denen sagt man, sie seien ein bisschen stur. Das passt, glaube ich, ganz gut zu mir.

Dein SPIEGEL: Wie ist das, wenn man berühmt ist? Was ist toll? Was nervt?

Lahm: Wenn ich abends mit meiner Freundin essen gehe und jemand will ein Foto und ein Autogramm, das nervt, weil ich da einfach mal in Ruhe essen möchte. Schön ist: Man kommt in der Welt herum. Man kann viel weitergeben. Ich kann Gutes tun, und die Leute hören zu.

Dein SPIEGEL: Weil du die Einkaufspolitik vom FC Bayern kritisiert hast, musstest du eine hohe Strafe zahlen. Wieso darf ein Top-Spieler nicht seine Meinung sagen?

Lahm: Er darf doch, muss aber dann die Konsequenzen tragen. Ich denke, ich habe weder den Trainer noch meine Mitspieler kritisiert. Trotzdem wird man bestraft, damit es keine Unruhe in der Mannschaft gibt. Das muss man akzeptieren.

Dein SPIEGEL: Wer hilft dir, wenn es mal nicht so gut läuft?

Lahm: Meine Freundin Claudia. Mit ihr bin ich täglich zusammen, sie muss mich ertragen. Und sie kriegt das sehr gut hin, mich wieder aufzumuntern.

Dein SPIEGEL: Diesen Sommer heiratet ihr. Warum heiraten viele Profisportler so jung?

Lahm: Ich werde im November 27, findet ihr das jung? Als Fußballer ist man eben froh, nach Hause zu kommen, und jemand ist da. Aber vielleicht fällt es auch einfach mehr auf, wenn ein Fußballer heiratet. Ich habe auch Freunde, die in meinem Alter geheiratet haben und keine Profisportler sind.

Dein SPIEGEL: Wie schaffst du es, dich nach Verletzungen oder Niederlagen wieder aufzuraffen?

Lahm: Ganz einfach, weil ich Fußball liebe. Klar, nach Verletzungen ist es schwer. Nach meinem Kreuzbandriss wusste ich, jetzt kann ich fünf Monate nicht spielen. Dann braucht man die Freunde, die Familie, die einen aufbauen. Aber irgendwann will man einfach wieder Fußball spielen.

Dein SPIEGEL: Welche Bedeutung hat Fußball für dich außerhalb des Spielfelds?

Lahm: Ich bin groß geworden im Fußballverein. Man lernt mit Niederlagen umzugehen. Früher habe ich geweint, wenn wir verloren haben, das mache ich heute nicht mehr. Man lernt Disziplin und Fairness und wie man sich in der Gemeinschaft verhält. Zusammen feiern und zusammen leiden. Das ist eine große Familie, so ein Verein. Dabei ist gar nicht wichtig, dass es Fußball ist. Wenn einer Ballett tanzen will oder Wasserball spielt, ist das genauso in Ordnung.

Dein SPIEGEL: Wie wird dein Leben wohl in zehn Jahren sein?

Lahm: Ich werde mich mehr um meine Stiftung kümmern können, ich werde verheiratet sein und möchte dann selbst Kinder haben. Ob ich Trainer werde, weiß ich nicht, heute kann ich mir das nicht vorstellen, aber ich lasse es auf mich zukommen.

Dein SPIEGEL: Was war das Dümmste, was du je gemacht hast?

Lahm: So viel Zeit haben wir nicht, dass ich euch das alles erzählen kann. Natürlich habe ich in der Schule gespickt und bin auch mal erwischt worden.

Dein SPIEGEL: Und das Schönste?

Lahm: Ich finde es schön, dass meine Großeltern am Leben sind und es ihnen gutgeht. Ich bin glücklich, dass ich meine Freundin kennengelernt habe. Das Eröffnungstor bei der WM in München 2006 zu machen war ein tolles Gefühl. Und in meinem Sommercamp habe ich ein Mädchen getroffen, das noch nie im Urlaub war. Da freut es mich besonders, dass sie wenigstens eine Woche bei uns sein konnte.


Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier , bekommen kann man das Heft hier - und überall im Zeitschriftenhandel.

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