Detlef D! Soost Ich war ein Heimkind

Detlef D! Soost hat es geschafft: Als Tänzer und Unternehmer ist er erfolgreich. Er besitzt 110 Tanzschulen. Aber als Junge war er arm und hatte oft Hunger - bis er ins Heim kam. In Dein SPIEGEL, dem Nachrichtenmagazin für Kinder, erzählt Soost, wie er in Ost-Berlin aufwuchs.


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Detlef D! Soost als Kind: Bonjour Tristesse
Als Kind habe ich mir immer etwas gewünscht, das für andere Menschen ganz normal ist: eine Familie. Gemeinsam mit Mutter und Vater wollte ich Weihnachten und Ostern feiern. Doch an solchen Feiertagen war ich meist allein, denn ich musste meine Familie früh verlassen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wann ich von zu Hause auszog: Es war am 3. Juli 1979, einen Tag nach meinem neunten Geburtstag. Damals kam ich ins Kinderheim.

Bis dahin wuchs ich in einem grauen Mietshaus auf, mitten im Osten von Berlin, in der DDR. Als Kind kannte ich meinen afrikanischen Vater nicht, weil meine Mutter nie richtig mit ihm zusammen war. Und meine Mutter war so krank, dass sie sich nicht um mich kümmern konnte. Den ganzen Tag lag sie im Bett, räumte nicht auf und kochte nicht. In der Schule hatte ich oft so großen Hunger, dass mir ganz schwindelig wurde. Die anderen Kinder gaben mir dann etwas von ihren Pausenbroten ab. Ich war dünn und trug verlotterte Klamotten.

Auch meine sieben Jahre ältere Schwester Evy konnte nicht für mich sorgen: Mit ihrem Freund bekam sie ein Baby und wollte sich bald eine eigene Wohnung suchen. Deshalb rief sie das Jugendamt an. Das ist eine Behörde des Staates, die Kindern hilft, wenn es ihnen schlechtgeht. Eine Frau vom Jugendamt besuchte uns und fand, dass ich in einem Heim leben sollte, da dort immer jemand für mich da sei.

Den ganzen Abend klammerte ich mich an meine Schwester

Ich wollte nicht gehen, weinte sehr und klammerte mich den ganzen Abend an meine Schwester. Doch schon am nächsten Morgen musste mich Evy im Heim abliefern. Anfangs dachte ich aber noch, dass ich dort nur den Sommer über bleiben müsste und nach den Ferien zurückdürfte.

Im Heim kam ich in einen Aufenthaltsraum mit einer Menge Kinder, darunter war ein Junge, der mir sofort auffiel: Er hatte eine ebenso dunkle Haut wie ich, während alle anderen Kinder, die ich kannte, hellhäutig waren. Jimmy, so hieß der Junge, wurde in den nächsten Monaten mein bester Freund. Dass sich im Heim so viele Erzieher um uns kümmerten, hat mir gefallen. Allerdings wollte ich auch wieder zu meiner Mutter und Schwester zurück.

Als ich dann nach den Sommerferien nicht wie erwartet nach Hause durfte, sondern in ein anderes Kinderheim musste, war ich sehr traurig. Das neue Heim war riesig, knapp 1000 Kinder lebten dort. Immer zwei bis sechs Kinder teilten sich ein Zimmer.

Unsere Tage waren alle gleich: Morgens weckten uns die Erzieher, dann gingen wir in den Waschraum, und jedes Kind musste zu einer bestimmten Zeit duschen. Danach setzten wir uns in den Frühstückssaal, in dem es abwechselnd Pudding mit Schoko-, Vanille- oder Erdbeergeschmack oder Grießbrei gab. Ich hoffte immer, dass Vanillepudding auf dem Speiseplan stand, Erdbeerpudding schmeckte mir nicht so gut, und Grieß fand ich schrecklich.

Nach dem Frühstück gingen wir in die Schule, in der wir auch zu Mittag aßen. Am Nachmittag spielten wir Tischtennis oder Fußball und tobten draußen herum. Da im Heim viele Kinder waren, hatten wir schnell zwei Fußballmannschaften zusammen - das war toll.

Ich wollte der nächste Popstar von Ostdeutschland werden

Damals träumte ich davon, Fußballstar zu werden wie die Profi-Kicker aus Brasilien. Nach dem Abendessen hockten wir meistens auf den Sofas im Fernsehzimmer und guckten einen Film. Danach sollten wir eigentlich schlafen, aber das wäre langweilig gewesen. Deshalb kletterten wir oft noch über die Balkone in die Zimmer der Mädchen und hörten dort Musik.

Als ich zwölf Jahre alt war, entdeckte ich etwas, das mich total beeinflusst hat und mein heutiger Beruf wurde: das Tanzen. Heimlich schaute ich mir nachts eines von Michael Jacksons Videos im Fernsehen an. Noch nie hatte ich vorher Leute gesehen, die sich so gut bewegen konnten wie die Tänzer auf dem Video. Genau das wollte ich auch können: Ich wollte der nächste Popstar von Ostdeutschland werden. Täglich übte ich Tanzschritte, bis ich irgendwann so gut war, dass ich die Mädels damit beeindrucken konnte.

Nur an Weihnachten und Ostern wurde es plötzlich ruhig im Heim. Dann durften viele Kinder über die Feiertage zu ihren Eltern. Ich aber musste bleiben, weil meine Mutter immer noch zu krank war. In solchen Momenten fühlte ich mich einsam und hatte Heimweh. Denn auch wenn die Erzieher nett waren, hoffte ich doch immer darauf, dass mich jemand von meiner Familie abholte - vergeblich.

Zusätzlich fühlte ich mich in der Schule manchmal als Außenseiter. Sobald dort etwas geklaut wurde, eine Fensterscheibe kaputt war oder jemand Läuse hatte, wussten viele Leute sofort, wer daran schuld war: wir Heimkinder. Dabei hatten wir gar nichts getan.

Als meine Mutter früh starb, war klar, dass ich noch länger im Heim bleiben musste. Sechs Jahre lebte ich dort, bis mich die Familie einer Schulfreundin adoptierte. Es fiel mir schwer, mich von den Erziehern und den anderen Heimkindern zu verabschieden: Ich hatte sie ziemlich lieb gewonnen. Doch ich freute mich auch darauf, endlich wieder in einer richtigen Familie leben zu können.

Ein Protokoll von Anne-Katrin Schade


Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier , bekommen kann man das Heft hier - und überall im Zeitschriftenhandel.

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