Eure Texte Ich bin hochbegabt

Keine Ohren, aber mächtig was dazwischen. Felix, 12, aus Berlin, ist in zwei Dingen anders als andere: Er ist hörbehindert, und er ist hochbegabt. Hier erzählt er, wie er mit beidem zurechtkommt.


Beim Denken muss ich mich immer bewegen. Ich gehe auf und ab, zum Beispiel wenn ich über Computerspiele nachdenke. Ich überlege dann, wie ich von einem Level ins andere komme. Richtig spielen brauche ich das nicht, weil ich ein gutes Gedächtnis habe und das Spiel wie ein Bild vor mir sehe.

Oder ich suche Lösungen für mathematische Probleme. Oder ich denke über mich, mein Leben und meine Familie nach. Ich frage mich beispielsweise, wie es wäre, wenn ich richtige Ohren hätte. Ich bin nämlich hörgeschädigt. Oder wie es wäre, wenn mein Vater da wäre. Der arbeitet in China.

Ich denke einfach gern über schwierige Sachen nach. Das mache ich, wenn mir in der Schule langweilig ist und auf dem Weg dorthin und zurück. Ich gehe auf die Rosa-Luxemburg-Oberschule in die 7. Klasse einer sogenannten Schnellläuferklasse, das heißt wir überspringen alle die 8. Klasse. Ich bin dort der Zweitjüngste, die 3. Klasse habe ich nämlich auch übersprungen. So wie es aussieht, mache ich wohl mit 16 Jahren mein Abitur.

Gerne allein, aber nicht einsam

Ich habe nur einen richtigen Freund. Das liegt daran, dass ich Dinge gern allein mache. Ich beschäftige mich eben gern mit Denken. Aber als einsam würde ich mich nicht bezeichnen. Ich tue mich halt schwer, Freunde zu finden, weil ich sehr eigen bin und auch meine Macken habe. Ich frage etwa dauernd nach und weiß immer alles besser. Das ärgert andere Kinder, und dann wollen sie nichts mit mir zu tun haben.

Andere Sachen kann ich gar nicht gut, zum Beispiel meine Gefühle zeigen. Sachen, die mich sehr berühren, lasse ich mir nicht anmerken. Mein Gehirn ist dann wie überfordert. Auch deshalb ist es schwierig, mit anderen umzugehen.

Einen Ausgleich gibt mir der Kampfsport, da gehe ich viermal in der Woche hin. Ich mag das Gefühl, Kraft zu haben und nicht ohne weiteres k. o. geschlagen werden zu können. Es ist gut, dass ich mich wehren kann, dass ich nicht schutzlos bin.

Manchmal frage ich mich, was ich in der Schule eigentlich soll. Wenn sich die Sachen zu oft wiederholen oder die Lehrer so dahinleiern, dann langweile ich mich. Meine Noten sind aber nur mittelmäßig, weil ich zurzeit wirklich gar nichts mache. Ich bin einfach zu unruhig, um zu lernen.

Ein ganz normales Leben

Als ich in die Schule kam, wusste ich noch nicht, dass ich hochbegabt bin. In der 2. Klasse habe ich gemerkt, dass ich schneller kapiere als andere, obwohl ich nur mit einem Ohr zuhöre - und zwar wortwörtlich. Ich habe nämlich keine Außen- und keine Mittelohren. Das heißt, ich habe kein Trommelfell und keine Ohrmuscheln. Ich bin hochgradig schwerhörig und trage auf beiden Seiten Hörgeräte.

Das Innenohr ist vorhanden, aber der Gleichgewichtssinn, der zwischen Innen- und Mittelohr liegt, ist gestört. Beim Autofahren zum Beispiel muss ich immer kotzen. Ich kann mich auch schlecht rollen, ich rolle immer schief und schräg, nie gerade. Aber beim Kung-Fu geht es.

Ich glaube, dass mir meine Intelligenz hilft, mit meiner Hörschwäche klarzukommen. Wenn ich nur drei Wörter verstehe, reime ich mir den Rest zusammen.

Als ich kleiner war, wurde ich gehänselt wegen meiner Ohren. Das kommt auch immer noch vor. Heute übergehe ich das dann, aber innerlich koche ich. Meistens bin ich dann im Herzen einfach nur eiskalt.

Kürzlich habe ich einen Vortrag über mein Leben mit den Hörgeräten gehalten. Junge Eltern gehörloser Kinder haben mich nämlich immer wieder gefragt: Wie setze ich einen Helm auf? Kann ich schwimmen gehen? Was passiert im Regen? Was, wenn ich einen Ball an den Kopf kriege? Ich habe in meinem Vortrag versucht, den Eltern die Angst zu nehmen. Ihre Kinder können ein ganz normales Leben führen.


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