Eure Texte Meine Mutter hat ein Karussell

Marlena, 11, lebt auf der Kirmes. Alle paar Wochen zieht sie mit ihrer Familie in eine andere Stadt. Hier erzählt sie, wie sie trotzdem Freunde findet und die Schule schafft.


Wenn ich in eine neue Schule komme, und das passiert ziemlich oft, zeige ich immer als Erstes den anderen Kindern ein Foto. Darauf ist ein Karussell zu sehen, das ganz schön wild ist. Es hat zwei Greifarme, die durch die Luft schwenken. Und an jedem hängen Sitze, die sich im Kreis drehen. Das Karussell heißt "Vortex" und gehört meiner Mama. Sie arbeitet als Schaustellerin. Mit ihr, meinem Stiefvater und meinen zwei Geschwistern reise ich von Kirmes zu Kirmes.

Nur im Januar und Februar, in der Winterpause, bleiben wir an einem Ort. Dann lebe ich wie andere Kinder auch: in einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen, in der wir unsere Wohnwagen in einer Halle unterstellen. Und ich besuche die Realschule. Doch sobald der Frühling anfängt, fahre ich zu Jahrmärkten. In jeder Stadt bleibe ich nur eine bis drei Wochen - bis die Kirmes vorbei ist. Danach geht es zur nächsten.

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, auf wie vielen Rummelplätzen ich schon war. In den meisten deutschen Großstädten habe ich gelebt. Auch in anderen Ländern war ich schon, wie der Schweiz, Österreich oder der Türkei.

Immer wieder eine neue Schule - die Lehrerin bleibt dieselbe

Obwohl ich viel unterwegs bin, muss ich zur Schule gehen. Vor jeder Kirmes schaue ich im Internet nach, welche Schule in der Nähe ist, damit ich zum Unterricht laufen kann. Ich führe ein Schultagebuch. Die Lehrer tragen da meine Noten ein. Ich soll immer das lernen, was an meiner Winterschule gerade durchgenommen wird. Denn deren Tests muss ich mitschreiben, auch wenn ich gerade an einem anderen Ort bin.

Damit das überhaupt funktioniert, betreut mich eine Lehrerin aus dieser Schule das ganze Jahr über. Mit ihr telefoniere ich oder schreibe E-Mails. Sie schickt den anderen Schulen meine Prüfungsaufgaben, kontrolliert meine Noten und gibt mir Tipps, wie ich mich verbessern kann.

Wenn ich Glück habe, müssen die Kinder in den anderen Schulen gerade dasselbe lernen wie ich. Aber oft sind sie bei einem ganz anderen Thema. Dann muss ich mich allein auf meine Prüfung vorbereiten. Manchmal haben die anderen Kinder sogar Ferien, wenn ich eigentlich Schule haben müsste. Dann unterrichtet mich meine Mutter. Trotzdem bin ich ganz gut in der Schule. Ich will unbedingt einen guten Schulabschluss schaffen.

Geldzählen ist langweilig und macht Kopfweh

Einige Leute können sich ein Leben auf der Kirmes gar nicht vorstellen. Sie haben Vorurteile. Ein Junge ist mal mit seinem Stuhl ein Stück von mir weggerückt. Er meinte, dass alle Schaustellerkinder stinken würden. Wie dumm ist das denn?

Wir leben zwar in einem Wohnwagen, aber der ist wie eine normale Wohnung. Wir haben genug Platz für unser Wohnzimmer mit Ledersofas und Fotos an den Wänden. Wir haben einen Flachbildfernseher, Computer und einen Herd mit Ceranfeld. Und in unserem Bad steht eine ganz normale Dusche. Mein Zimmer teile ich mir mit meiner siebenjährigen Schwester.

Manchmal helfe ich am Karussell aus: Ich verkaufe Fahrchips. Das wird aber schnell langweilig. Und nach einer Weile bekomme ich Kopfweh, weil ich so schnell Geld zählen muss.

Meine Mutter lässt meine Mitschüler ab und zu gratis mit unserem Karussell fahren. Dann zeige ich ihnen, wie ich lebe. Und umgekehrt führen mich die Kinder durch ihre Stadt.

"Werde das nicht, mein Kind"

An Abschiede habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Manche Freunde sehe ich ja irgendwann wieder. Schwer fällt mir eigentlich nur, dass ich meinen Vater so selten treffe. Er hat eine Dosenwurfbude. Leider sind meine Eltern geschieden. Deshalb bin ich meistens auf einem anderen Rummelplatz als er. Nur im Sommer kann ich ihn für längere Zeit besuchen. Dann hat er seinen Stand auf dem Hamburger Dom, einem ziemlich großen Volksfest, aufgebaut.

Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben als auf der Kirmes. Mein Stiefvater rät mir zwar davon ab. "Werde das nicht, mein Kind", sagt er immer. Aber meine ganze Familie besteht aus Schaustellern, von der Uroma bis zu mir. Und ich will, dass auch meine Kinder auf der Kirmes aufwachsen. Deshalb hätte ich später gern eine Bude oder ein eigenes kleines Karussell.


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