Fußballhelden Ein erstklassiger Verein

Nun beginnt wieder die Bundesliga, und diesmal spielt in der ersten Klasse ein Verein mit, der anders ist als die anderen: Der Aufsteiger FC St. Pauli ist bunter, fröhlicher und hat besonders nette Fans.

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Der coolste Verein der Bundesliga? Wenn wir Cora aus Ebenhausen, heute 15 Jahre alt, zur Testperson erklären, ist das Ergebnis eindeutig.

Zuerst nämlich ging Cora zum berühmten FC Bayern in München, für den damals noch der ebenfalls berühmte Michael Ballack spielte. Bayern München gewann 4:1 gegen Bayer Leverkusen, es war ein sehr schönes Fußballspiel, aber es war still im Stadion, und manchmal schimpften Münchner Zuschauer auf Münchner Spieler. Und als Michael Ballack aus ungefähr 35 Metern einen Ball in den Winkel trat, blickte Coras Vater zu seiner Tochter hinüber, aber die Testperson hatte das Tor verpasst: Sie las "Die wilden Hühner".

Dann ging Cora zum FC St. Pauli. Es war kein schönes Fußballspiel, Regionalliga nur, aber es war laut in dem kleinen, etwas engen, etwas schmuddeligen und etwas windigen Stadion am Hamburger Millerntor. Und es war bunt. Die Menschen trugen Kopftücher mit Totenköpfen, sie trugen Ohrringe und Tätowierungen, sie sahen gefährlich aus, aber sie waren nett zu Cora und pfiffen nicht mal den Gegner aus und die eigene Mannschaft sowieso nicht. Das ist selten in deutschen Stadien. 1:0 endete das miese Spiel, die Leute im Stadion verlangten trotzdem eine Ehrenrunde von ihrer Mannschaft.

"Kannst du mein Buch einstecken?", hatte Cora ihren Vater nach einer Viertelstunde gefragt. Dann sang und klatschte sie mit.

Der FC St. Pauli ist ein anderer Fußballverein. So versteht er sich selbst: als Piratenclub, als Außenseiter, als tolerant, lustig, farbig und fantasievoll. Und es stimmt ja auch. Es gibt politische Aktionen am Millerntor, die Fans sammeln Geld für Trinkwasserprojekte in armen Ländern, und niemals gibt es ausländerfeindliche Beschimpfungen wie in anderen Arenen. Stattdessen die originellsten Fan-Gesänge Deutschlands und eine Menge Humor.

Wenn die Glocken läuten, wird den Gegnern bange

Im vergangenen Jahr sah der Torwart Gabor Kiraly von 1860 München einmal schrecklich trostlos aus, weil nämlich gerade ein Wolkenbruch über dem Stadion niedergegangen war; Kiraly trägt auf dem Platz eine dicke graue Jogginghose, und diesmal hatte sie sich mit Wasser vollgesogen. "Du hast die Hose nass", sangen die Zuschauer. St. Paulis Spieler setzten sich nach Spielschluss auf den Rasen, rutschten herum, standen auf und sangen mit: "Wir haben die Hose nass." Sogar Gabor Kiraly konnte lachen.

1910 wurde der FC St. Pauli gegründet, er wird in diesem Sommer 100 Jahre alt, und niemals war er deutscher Meister. Reich und erfolgreich war immer nur der große Nachbar, der Hamburger SV.

Das kleine St. Pauli, nahe am Hafen gelegen, hatte das schrillere Publikum, aber nie genug Geld, um im Profisport zu bestehen. Doch der Verein war nicht einfach Opfer der Umstände, er war oft auch zu dumm, um Erfolg zu haben. Immer wieder saßen Leute im Vorstand, die zwar berühmt werden wollten, aber nicht viel für den Verein taten. Laute, schlechte Trainer kamen und gingen wieder. Das wenige Geld wurde ausgegeben für Spieler, die früher einmal gut waren, aber das war lange her, viel zu lange.

Ist es jetzt anders? Es sieht so aus. Der FC St. Pauli ist zunächst von der Regionalliga in die zweite Bundesliga aufgestiegen und nun von der zweiten Bundesliga in die erste. Der ehemalige Verteidiger Holger Stanislawski ist ein ruhiger, kluger Trainer, der junge Spieler fördert, von denen er glaubt, dass sie in den kommenden Jahren erst richtig gut werden. Und der Manager Helmut Schulte, ein ehemaliger Sozialarbeiter, ist nicht nur freundlich, sondern er kann auch sparen und das Geld, das er hat, schlau einsetzen.

Bisher ging es für St. Pauli nach einem Aufstieg stets schnell wieder hinab. Diesmal "könnte hier etwas Dauerhaftes entstehen", sagt Schulte. Der berühmte FC Bayern fürchtet sich bestimmt schon mächtig vor der traditionellen Einmarschmusik des Millerntors, "Hells Bells", den Glocken der Hölle.


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Seite 1
dynamotor 01.05.2010
1.
St.Pauli ist doch schon lange der nach Bayern bestvermarktetste Verein hierzulande. Schon putzig was für Leute sich da in St.Pauli-Klamotten hüllen, in der Meinung, nun wären sie Fan eines kleinen knuffigen Kultvereins.
Dylan1941, 01.05.2010
2.
Zitat von dynamotorSt.Pauli ist doch schon lange der nach Bayern bestvermarktetste Verein hierzulande. Schon putzig was für Leute sich da in St.Pauli-Klamotten hüllen, in der Meinung, nun wären sie Fan eines kleinen knuffigen Kultvereins.
Richtig ! Ausverkauftes Merchandising und kokettieren mit dem Piratenkopf den die Hamburg hooligans (HSV) in den 80zigern als Logo hatten...... Jetzt möchte Corny L. auch noch den HSV in Sachen Logen Kunden abspenstig machen nach eigener Aussage. Nichts gegen einzuwenden - aber dann soll man nicht so tun als ob man der etwas andere Club wäre....
saul7 01.05.2010
3. ++
Zitat von dynamotorSt.Pauli ist doch schon lange der nach Bayern bestvermarktetste Verein hierzulande. Schon putzig was für Leute sich da in St.Pauli-Klamotten hüllen, in der Meinung, nun wären sie Fan eines kleinen knuffigen Kultvereins.
Stimmt! Ich bin mir allerdings nicht sicher, dass dem Verein in der nächsten Saison in der Ersten Bundesliga großer Erfolg beschieden sein wird....
Hellström 02.05.2010
4. Moin erstmal!
Zitat von sysopAller Voraussicht nach wird der Kult-Club FC St. Pauli ab nächster Saison in der ersten Fußball-Bundesliga spielen. Hochklassig soll auch das Umfeld fürs Publikum werden. Kann man heute noch lebendigen Fußball-Kult mit den Erfordernissen modernen Sport-Managements verbinden? Können Kult und Kommerz am Millerntor gut miteinander auskommen?
Nun, als alter Paulifan, der in den sechzigern von Vatern ins Stadion geschleppt, und in den späten siebzigern freiwillig dort hingetapert ist, merkt man schon einige Veränderungen in der Fanszene. Aber das ist weiss Gott nicht die erste, und sie wird auch nicht die letzte sein. Den Kommerz werde ich wohl verkraften. Ich finde es eigentlich ganz angenehm, mal nicht am Saisonende um den Klassenerhalt zu zittern, oder einen Zwangsabstieg zu erleben, weil das Geld mal wieder nicht gereicht hatte. Hier bin ich Herrn Littmann schon dankbar, der hat die Finanzen sehr gut im Griff. Kult? Ein Unwort, wie ich finde. Aber Millerntor hat eine ganz eigene Atmosphäre, da können sich die Müllis echauffieren wie sie wollen. Hamburg ist Braunweiss!
shakowsky 02.05.2010
5.
St. Pauli ist eine Marke. Wie professionell diese vermarktet wird, lässt so manchen Werbemenschen vor Neid erblassen. Mit dem Fussball Verein hat das schon lange nix mehr zu tun. Sollense machen, 100 von 100 Punkten im Bereich Zielgruppendefinition und - affinität, Kommunikation, Visualisierung, Kommunikation, Sales Strategie etc. pp. PERFEKTES MARKETING. Aber sorry - kultig ist das nicht. Sie habens halt erreicht, daß selbst Schweinehirten aus den Hochtälern Tirols St. Pauli irgendwie toll finden. Frag die bloss nicht, warum....Wissense nämlich nicht.
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