Natur Ein Waisenhaus für Elefanten

Das wohl ungewöhnlichste Tierheim der Welt: Nahe Nairobi, der Hauptstadt Kenias in Afrika, werden Elefantenbabys großgezogen. Sie haben ihre Mutter verloren und könnten ohne Hilfe der Menschen nicht überleben.


Hier würde wohl jedes Kind gern wohnen: Über den Hof wuseln ein paar Warzenschweine, im Stall liegt ein kleines Nashorn, und am Nachmittag traben aus dem nahen Wald zehn kleine Elefanten heran. Und von der Terrasse sieht man in der Ferne die Büffel und Zebras grasen.

So sieht der Ort aus, an dem die beiden Jungen Roan, 10 Jahre alt, und Taru, 12, aufwachsen. Der Beruf ihrer Eltern ist es, Elefanten zu retten. Und ihr Zuhause ist der Wildlife Trust, eine der größten Tierrettungsstationen in Afrika - und die wohl bekannteste in Kenia. Sie liegt am Stadtrand von Kenias Hauptstadt Nairobi, nahe dem Nairobi National Park. Niemand darf in dem Nationalpark wohnen, außer der Familie von Roan und Taru.

Für Roan und Taru ist es völlig normal, mit Elefantenbabys zu spielen. Denn immer wenn irgendwo in Kenia kleine Elefanten ohne Mutter gefunden werden, wird der Wildlife Trust alarmiert. Ein Team rückt mit einem Flugzeug aus, verlädt das Waisenkind und bringt es in die Rettungsstation.

Dort wird für das Jungtier alles getan: Es wird untersucht, bekommt Medikamente und eine spezielle Milch. Elefantenbabys vertragen keine Kuhmilch.

Und genauso wie Menschenbabys können auch Elefantenkinder nicht allein sein, vor allem nicht nachts. Deshalb ist in jedem Elefantenstall eine Liege untergebracht, auf der ein Pfleger schläft. Der verbringt vor allem in der Anfangszeit möglichst viel Zeit mit dem Tier - als Ersatzmutter sozusagen.

Vor 33 Jahren hat die Tierschützerin Daphne Sheldrick das Elefanten-Waisenhaus gegründet. Seit zehn Jahren leitet ihre Tochter Angela zusammen mit Ehemann Robert die Station.

In der freien Wildbahn hätten Elefantenbabys ohne ihre Mutter kaum eine Überlebenschance. Kleine Elefanten brauchen jahrelang einen Schutz gegen Löwen und Hyänen, denn manchmal werden selbst zehnjährige Tiere noch von Raubtieren attackiert.

Wenn Roan und Taru nachmittags von der Schule nach Hause kommen, gehen sie erst einmal ihre jungen Freunde besuchen. Und es scheint, als ob die Elefanten schon darauf warteten. Dann jagen sich Jungs und Jungtiere gegenseitig, sie spielen gemeinsam Fußball, bespritzen sich mit Wasser oder bewerfen sich, was Elefanten besonders gern mögen, mit Staub.

Lernen, einen erwachsenen Elefantenbullen als Leittier zu akzeptieren

Spätestens wenn die Babys zwei Jahre alt sind, müssen sie die Station verlassen. In einem rund 400 Kilometer entfernten Nationalpark werden sie "ausgewildert". Jetzt müssen sie sich an den Alltag normaler, wilder Elefanten gewöhnen: Sie lernen, wie man Wasser sucht, sich in einer Herde bewegt und sich gegen Löwen schützt. Und, ganz schwierig: Sie lernen, einen erwachsenen Elefantenbullen als Leittier zu akzeptieren.

130 Elefanten haben die Sheldricks in 33 Jahren großgezogen und in die Natur entlassen, inzwischen sind auch über ein Dutzend Nashörner dabei.

Noch nie kamen so viele kleine Elefantenwaisen in die Aufzuchtstation wie im vergangenen Jahr. 53 Elefantenbabys waren es insgesamt, viele in sehr schlechtem Zustand, mit Bisswunden, ausgehungert oder kurz vor dem Verdursten. Oft haben Wilderer die Mütter erschossen, um an das Elfenbein der Stoßzähne zu kommen. Nur 25 der Elefantenkinder haben überlebt.

Für Roan und Taru ist der Umgang mit den Tieren das Selbstverständlichste der Welt. Ihr Großvater David Sheldrick war einer der bekanntesten Tierschützer in Kenia, ihr Papa ist ein erfahrener Safari-Führer, und die beiden Jungs sind bereits perfekte Fährtenleser. Eine Löwentatze im Sand, eine Antilopenfährte, ein Büffelabdruck, eine Kobraspur? Alles kein Problem. Roan kennt obendrein jedes Nest auf dem Grundstück und kann an die 50 verschiedene Vogelstimmen unterscheiden.

Wenn ein neues Waisenkind ankommt, sind die Jungs immer dabei. Und jedes hat seine ganz eigene Geschichte, wie es gefunden und gerettet wurde. Kilaguni zum Beispiel wurde entdeckt, nachdem ihm eine Hyäne den Schwanz abgebissen und andere Wunden zugefügt hatte.

Besonderes Glück hatte Shukuru. Sie war erst drei Tage alt und bei der Suche nach Wasser in einen Schacht geplumpst, weil Menschen den Deckel nicht verschlossen hatten. Ein Viehhirte, der sie fand, musste heftig um ihr Leben kämpfen. Andere Hirten wollten Shukuru schlachten. Kostenloses Fleisch, auch das von Elefanten, ist gefragt in Kenia.

Für Roan und Taru steht schon fest, welchen Beruf sie einmal ergreifen werden. "Wir wollen die Station weiterführen", sagen sie beide. Natürlich sind sie traurig, wenn ihre Freunde mit zwei Jahren die Station verlassen und in einen anderen Park gebracht werden. "Aber wir wissen halt auch, dass es gut für sie ist", sagt Taru, "letztlich haben sie dort das bessere Leben."


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