Kinderinterview mit Oliver Kahn Was wollt ihr erreichen?

Jahrelang war Oliver Kahn, 41, Torhüter beim FC Bayern München und in der Nationalmannschaft. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, in dem er Kindern und Jugendlichen erklärt, wie man Erfolg haben kann. Tanja, 11, und Finn, 8, haben den Star für das Kinder-Nachrichtenmagazin Dein SPIEGEL interviewt.

DPA

Dein SPIEGEL: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch für Kinder zu schreiben?

Oliver Kahn: Mein Buch "Du packst es" handelt von den gleichen Dingen wie mein vorheriges Buch "Ich. Erfolg kommt von innen", das ich für Erwachsene geschrieben habe. Ich wollte das einmal für euch aufschreiben. Es geht darum, wie man sich im Leben Ziele setzen kann, wie man erfolgreich sein kann und mit Niederlagen umgeht. Ich habe auch an zwölf bayerischen Schulen mit über 5000 Schülern über diese Themen gesprochen.

Dein SPIEGEL: Wie kann man denn erfolgreich sein?

Kahn: Es fängt damit an, dass man eine Vision hat. Das ist so etwas wie ein ganz großer Traum, den man sich unbedingt erfüllen will. Man setzt sich Ziele und Zwischenziele. Man muss lernen, auf dem Weg zum Traum mit Rückschlägen zu leben. Ich rede nicht nur vom Erfolg im Fußball. Es geht generell um Erfolg, den jeder für sich selbst anstrebt. Erfolg ist auch, viele Freunde zu haben.

Dein SPIEGEL: Haben Sie einen Tipp, wie wir uns motivieren können, wenn wir mal keine Lust auf Schule haben?

Kahn: Auch hier ist es hilfreich, wenn man einen großen Traum hat. Was wollt ihr zum Beispiel erreichen?

Dein SPIEGEL: Bei Bayern München spielen.

Kahn: Okay. Dafür ist es wichtig, dass man auf jeden Fall eine Schulausbildung beendet. Und wenn ihr dann zum Beispiel morgens aufsteht, führt ihr euch den Traum vor Augen, bei Bayern München zu spielen, und sagt euch: Um dieses Ziel zu erreichen, geh ich jetzt in die Schule.

Dein SPIEGEL: Und wie wird man richtig gut?

Kahn: Kennt ihr das Wort Disziplin? Man muss ständig bereit sein, an sich zu arbeiten. Das, was einem Spaß macht, immer weiter verfolgen. Sich auf diese eine Sache konzentrieren. Nicht gleich aufgeben, wenn es nicht so läuft.

Dein SPIEGEL: Wie verkraftet man Niederlagen?

Kahn: Die Welt geht nicht unter. Man braucht eine Gelassenheit. Die hatte ich leider nicht immer, ich musste das erst lernen. Wichtig ist, sich zu fragen, warum man verloren hat. Vielleicht gibt es irgendeinen Hinweis, was man besser machen kann. Vielleicht hast du zu wenig trainiert? Oder vielleicht zu viel, das war bei mir häufig der Fall. Schlimm finde ich nur, wenn man die Schuld nur bei anderen sucht.

Dein SPIEGEL: Waren Sie beim Fußball immer schon im Tor?

Kahn: Angefangen habe ich mit fünf Jahren, und im ersten Jahr habe ich noch im Feld gespielt. Dann hat mir aber mein Großvater ein Trikot von Sepp Maier geschenkt, der war früher ein großer Torwart. Um Opa eine Freude zu machen, habe ich das Torwarttrikot gleich angezogen und bin beim Spielen ins Tor gegangen. Da bin ich dann immer dringeblieben.

Dein SPIEGEL: Haben Sie denn nie die Lust verloren?

Kahn: Als ich 13 oder 14 war, konnte ich eine Zeitlang nicht mehr so mithalten. Ich war damals dicker geworden und die Auswahltrainer haben gesagt: Der ist nicht förderungswürdig. So was hat mich aber erst recht angespornt. Und in der Schule hat mich eine Lehrerin ausgelacht, als ich am Ende der vierten Klasse sagte, dass ich aufs Gymnasium gehen will. Das hat sie mir nicht zugetraut. Du und aufs Gymnasium?, hat sie gefragt. An diese Lehrerin habe ich später immer denken müssen, wenn es mal schwierig wurde in der Schule. Nein, die sollte nicht recht bekommen.

Dein SPIEGEL: Was machen Sie, wenn Sie kein Buch schreiben oder im Fernsehen auftreten?

Kahn: Ich habe angefangen zu studieren, ein Managerstudium. Die Themen interessieren mich. Später möchte ich in irgendeiner Funktion ins Fußballgeschäft zurück, aber erst mal wollte ich mich weiterbilden. Ich glaube nämlich nicht, dass es reicht, wenn man nur mal Fußballer war.

Dein SPIEGEL: Spielen Sie in der Freizeit manchmal noch Fußball?

Kahn: Nur ab und zu mit meinem kleinen Sohn, der ist sieben. Ich habe zu viele Schmerzen. 35 Jahre lang habe ich mich auf den Plätzen herumgeworfen, das merkt man jetzt.

Dein SPIEGEL: Hatten Sie als Torwart ein Vorbild?

Kahn: Das war Toni Schumacher. Man muss aber wissen: Auch Vorbilder sind nicht unfehlbar. Sie können oder wissen auch nicht alles. Man sollte sie nicht einfach nachahmen, jeder muss seinen eigenen Weg finden.

Dein SPIEGEL: Sie haben mal bei einem Gegenspieler den Kaninchengriff gemacht. War das nicht zu aggressiv?

Kahn: Kaninchengriff? Ihr meint, dass ich den Thomas Brdaric mal an den Hals gefasst habe und dafür die gelbe Karte bekam. Wenn Menschen etwas im Leben erreichen wollen und sehr ehrgeizig sind, kann es passieren, dass sie mal übers Ziel hinausschießen. Sie übertreiben. Das kommt vor. Dann muss man versuchen, das in den Griff zu bekommen. Ich glaube mittlerweile, dass mein sehr aggressives Spiel auch mit eigener Angst zu tun hatte. Ich wollte immer gewinnen.

Dein SPIEGEL: Bei der WM 2006 stand Jens Lehmann im Tor, Sie waren Ersatzspieler. Haben Sie sich für ihn gefreut, als er gegen Argentinien die Elfmeter hielt?

Kahn: Für ihn gefreut ist übertrieben. Ich habe mich für die Mannschaft gefreut, dass wir weitergekommen sind.

Dein SPIEGEL: Was war am schönsten in Ihrer Karriere?

Kahn: Mit einer Mannschaft zusammen etwas zu gewinnen. Dass das so schön ist, merkt man erst, wenn man nicht mehr in einer Mannschaft ist. Das vermisse ich am meisten - nicht das Spiel, sondern das Mannschaftsgefühl. So, jetzt muss aber Schluss sein. Ich muss an den Schreibtisch. Lernen.

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier , bekommen kann man das Heft im SPIEGEL-Shop - und überall im Zeitschriftenhandel.

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