Erste Hilfe Ein neues Bein für Elefanten

Im Norden von Thailand liegt ein Krankenhaus für Elefanten. Dort wird zum Beispiel Mosha behandelt, ein vierjähriges Elefantenmädchen, das bei einer Explosion ein Bein verloren hat - Ärzte basteln ihr ein neues aus Kunststoff: "Dein SPIEGEL", das Nachrichtenmagazin für Kinder, über eine ganz besondere Klinik.

Thilo Thielke / Dein SPIEGEL

Wenn Soraida Salwala morgens ihre Lieblingspatientin begrüßen will, muss sie sich ganz schön in Acht nehmen. Die kleine Mosha, gerade einmal vier Jahre alt, stürmt dann voller Freude auf die Krankenhaus-Chefin zu, trötet fröhlich, wackelt mit dem Kopf und will gestreichelt werden.

"Manchmal vergisst sie, wie schwer sie ist", sagt Soraida, und da kann selbst ein Stupser gefährlich werden: Schon ein Mini-Elefant wie Mosha wiegt eine ganze Tonne. Eine Tonne - das ist ungefähr 60-mal so viel wie ein vierjähriges Kind wiegt.

Aber Soraida ist vorsichtig. Behutsam nimmt sie Moshas Rüssel und füttert das Elefantenkind mit einer Banane. Danach wartet eine erfrischende Dusche aus dem Wasserschlauch. So beginnt fast jeder Tag im Elefantenkrankenhaus von Lampang, das von Soraida Salwala geleitet wird.

Mosha trat vor drei Jahren auf eine Landmine

Lampang liegt ganz im Norden Thailands, da wo das südostasiatische Urlaubsland hügelig ist und immer noch voller Wald und wo früher noch riesige wilde Elefantenherden gelebt haben. Vor hundert Jahren soll es hier noch über 100.000 wilde Elefanten gegeben haben. Aber heute sind es nur noch 2000 wilde Tiere in ganz Thailand. Weitere rund 3000 leben in Gefangenschaft. Sie müssen als Trekking-Elefanten Touristen durch die Gegend tragen oder in Shows auftreten. Viele Elefanten leiden unter diesen Lebensbedingungen. Viele werden krank.

In der Nähe des Krankenhauses, an der Grenze zu Burma, ist es besonders schlimm. Dort kämpfen oft Soldaten, und die haben überall Landminen vergraben. Das sind kleine, mit Sprengstoff gefüllte Päckchen - sie explodieren, wenn man dagegenstößt oder darauftritt.

Vor drei Jahren passierte das Mosha, sie trat auf so eine Mine, als sie hinter ihrer Mutter Mogaygrey durch den Wald trottete. Die Explosion riss Moshas Vorderbein entzwei.

Aber Mosha hatte Glück. Die Menschen, die das verwundete Elefantenbaby sahen, hatten schon einmal von einem Elefantenkrankenhaus in der Nähe gehört. Sie nahmen Mosha, luden sie auf einen Lastwagen und fuhren sie ganz schnell nach Lampang ins Krankenhaus von Soraida Salwala. Hier waren schon ein gutes Dutzend anderer Elefanten: Manche sind vom Auto angefahren worden, andere wurden von ihren Treibern misshandelt.

Mit einer Prothese kann Mosha wieder laufen

Und ein Elefant war dort, der ebenfalls ein Bein verloren hatte: Motala. Eine 50-jährige Elefantenkuh. Soraida und ihre Ärzte hatten eine Prothese für Motala anfertigen lassen. Das ist ein künstliches Bein. Motala sollte wieder laufen können, fast wie ein normaler Elefant.

Eine Prothese für einen Elefanten hatte es in Thailand noch nicht gegeben. Viele Thailänder sagten auch: Es gibt überall kranke Menschen, warum sollen wir uns ausgerechnet um kranke Tiere kümmern?

Aber Soraida setzte ihren Willen durch. Mosha, der kleine Elefant, bekam Medikamente aus Kräutern, die Wunden verheilten schnell. Sogar schneller noch als bei Motala. Und dann bekam Mosha ihre erste Prothese - eine, die eigentlich für Motala gedacht war. Vorsichtig setzte sie Fuß vor Fuß, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Mittlerweile hat Mosha fünf verschiedene Prothesen bekommen. Weil sie so schnell wächst, müssen sie ständig erneuert werden. Und auch Motala läuft mittlerweile mit einem künstlichen Bein. Mosha und Motala sind beste Freundinnen geworden. Soraida, die Tierpflegerin, war erleichtert.

"Das war der wohl schönste Tag in meinem Leben", sagt sie. Und das hat auch mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun.

Als sie noch ein Kind war, genau acht Jahre alt, hatte Soraida bei einem Ausflug mit ihrem Vater und ihren Geschwistern am Straßenrand einen sterbenden Elefanten gesehen. Er war von einem Auto angefahren worden.

"Wir müssen den Elefanten in ein Krankenhaus bringen", bettelte Soraida ihren Vater an. "Aber es gibt keine Krankenhäuser für so große Tiere", antwortete Soraidas Vater, "es gibt keine Ärzte für Elefanten." Da schwor sich Soraida: Später, wenn sie einmal groß wäre, dann würde sie ein Krankenhaus für Elefanten eröffnen.

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