Im Scheidungsflieger Nächster Halt: Papa

Jedes Jahr erleben etwa 150.000 Kinder, dass ihre Eltern sich scheiden lassen. Manchmal ziehen Mama und Papa weit auseinander, und wer sie besuchen will, muss ins Flugzeug steigen. "Dein SPIEGEL", das Nachrichtenmagazin für Kinder, über junge Vielflieger.


Beim Fliegen gefällt Henri nur der Start und die Landung. Alles dazwischen findet er langweilig. Zu oft ist er schon geflogen, zu sehr kennt er das Gefühl, in der Luft zu sein. Aber als der Zwölfjährige dieses Mal am Hamburger Flughafen steht, ist er aufgeregt. Zum ersten Mal wird ihn gleich kein Erwachsener bei der Reise begleiten. Bloß sein neunjähriger Bruder Kilian ist mit dabei. "Unsere Eltern finden, dass wir alt genug sind, um alleine zu fliegen", sagt Henri.

Die Brüder sind auf dem Weg zum Vater, den sie nur alle drei Wochen sehen. Vor acht Jahren haben sich die Eltern getrennt. Sie hatten sich oft gestritten. Eine Weile lebten Mutter und Vater noch nicht weit voneinander entfernt. Doch dann ging alles sehr schnell: Vor zwei Jahren zog die Mutter mit den Kindern in ein Dorf in Schleswig-Holstein. Und der Vater blieb in Nordrhein-Westfalen. 559 Kilometer liegen nun zwischen ihnen. "Anfangs war es sehr schlimm, dass meine Eltern nicht mehr zusammen sind, aber jetzt finde ich es gut", sagt Henri. Der Streit fällt jetzt weg.

So wie den beiden Jungs geht es vielen Kindern in Deutschland: Jedes Jahr erleben hier knapp 150.000 Kinder die Trennung der Eltern. Zwar wohnen die meisten danach noch in derselben Gegend, doch manchmal ziehen sie auch weit auseinander. Und plötzlich müssen die Kinder regelmäßig mit Auto, Zug, Bus oder Flugzeug reisen, um ihre Eltern zu sehen. "Scheidungskinder leben in zwei Welten", sagt die Wissenschaftlerin Michaela Schier vom Deutschen Jugendinstitut. Sie haben nicht nur ein, sondern mehrere Zuhause.

Extra Betreuung für allein reisende Kinder

Für die Fluggesellschaften und die Bahn ist das ein lohnendes Geschäft. Sie bieten für allein reisende Kinder eine extra Betreuung an. Aber die kostet auch extra.

Auch Henri und Kilian haben ein solches Angebot bisher genutzt. Ein Mitarbeiter der Fluglinie zeigte ihnen im Flieger ihre Sitze. Nach der Landung brachte er sie zu Mutter oder Vater - je nachdem, wer sie abholte. Nun müssen die Brüder das alles ohne fremde Hilfe schaffen.

"Viele Kinder erzählen, dass es für sie okay ist, zwischen ihren Eltern hin und her zu reisen", sagt Michaela Schier. Aber das stimmt nicht immer: "Oft wollen sie sich nur nicht beschweren, um den Eltern keine Sorgen zu machen."

Am Flughafen verabschieden sich Henri und Kilian von der Mutter. "Habt ihr alles?", fragt sie. Tickets? Geld? Ausweise? Handy? "Du brauchst uns nicht so oft anzurufen", antwortet Henri.

Dann laufen die Jungs durch die Sicherheitsschleuse, drängeln an Reisenden vorbei, gehen über ein Laufband. Nach zehn Minuten stehen sie an dem Gate, das zum Flugzeug führt. Es ist noch nicht da. Erst in einer halben Stunde ist Abflug.

Jetzt heißt es warten. "Das Reisen kostet die Kinder viel Zeit", sagt Michaela Schier. Diese Zeit fehlt ihnen dann für andere Dinge - zum Beispiel für Hobbys und Freunde.

"Besonders blöd ist es, eine Geburtstagsparty zu verpassen"

Wenn Henri und Kilian ihren Vater am Wochenende sehen, müssen sie Verabredungen mit Freunden absagen. "Besonders blöd ist es, eine Geburtstagsparty zu verpassen", sagt Kilian. Das ist ihm schon mal passiert. Am Montag in der Schule haben seine Freunde über die Feier gesprochen: "Ich hätte am liebsten weggehört."

Doch meistens sind es Henri und Kilian, die den Mitschülern am Montag viel zu erzählen haben: von den Dingen, die sie mit dem Vater am Wochenende unternommen haben. Früher hat der immer viel gearbeitet. Wenn seine Söhne ihn heute besuchen, nimmt er sich Zeit für sie. Sie gehen Radfahren, Klettern oder Tennisspielen. Und ab und zu plant der Vater auch eine Überraschung.

Das Flugzeug rollt auf die Startbahn. Die Triebwerke werden laut, und der Flieger wird schnell. Henri und Kilian werden in die Sitze gedrückt. "Ich habe keine Angst vorm Fliegen", sagt Henri. Nach etwa 50 Minuten landet die Maschine. Die Jungen laufen in die Ankunftshalle - und fallen dem Vater in die Arme.

Normalerweise telefonieren sie jeden Tag miteinander, abends, nach den Hausaufgaben. Seit neuestem nutzen sie dafür den Computer. "Das ist natürlich alles nicht so schön, wie ihn in echt zu treffen", sagt Henri. Vielleicht wird der Vater auch bald in den Norden ziehen, um näher bei den Söhnen zu sein. Das überlegt er sich. Aber im Moment ist erst mal dieses Wochenende wichtig - und die Überraschung des Vaters: ein Besuch im Freizeitpark.

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier , bekommen kann man das Heft im SPIEGEL-Shop - und überall im Zeitschriftenhandel.

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