Foto: Anton Sorokin/ Alamy / mauritius images

Ameisen Die Herrscherinnen der Welt

Ameisen sind bemerkenswerte Tiere. Und es sind extrem viele. Alle zusammen wiegen in etwa so viel wie die gesamte Menschheit. Hier gibt es noch mehr Spezialwissen zum Staunen.
Von Claudia Beckschebe

Die mächtigsten Lebewesen der Erde sind wir Menschen. Denken wir zumindest. Wir herrschen über den Planeten, haben uns die Natur rücksichtslos unterworfen. Aber mal ehrlich, ohne Menschen würde die Erde nicht untergehen. Sie würde sich erholen. Unsere Städte, Straßen, Landwirtschaft, Kriege – kurzum, unsere ganze Art zu leben ist alles andere als im Einklang mit der Natur.

Doch es leben hier noch andere Wesen in Staaten – wie wir. Auch sie bauen Städte und Straßen, betreiben Landwirtschaft und bekämpfen einander. Sie haben nahezu jeden Winkel der Erde erobert. Sie krabbelten schon zu den Krallen der Dinosaurier, und sie werden auch nach uns Menschen noch hier sein. Ein großer Unterschied zu uns: Ohne sie wäre die Erde nicht besser dran. Ganze Ökosysteme brächen zusammen, gäbe es die Billiarden Winzlinge nicht, die wir so oft übersehen: Ameisen.

Ohne sie nähmen andere Insekten explosionsartig überhand, die ihnen als Futter dienen. Die Insekten fräßen Bäume kahl. Böden würden zu wenig belüftet, Nährstoffkreisläufe brächen zusammen. Ohne Ameisen würde die Welt aus den Fugen geraten.

Dein SPIEGEL: Die Fußball-WM in Katar
Foto: Dein SPIEGEL

»Hast du mal daran gedacht, die WM zu boykottieren?« Das ist eine der Fragen, die zwei Kinderreporter von »Dein SPIEGEL« dem Fußballnationalspieler Leon Goretzka vor dem Turnierstart in Katar stellten. Goretzka sprach mit ihnen auch über die Chancen der Nationalelf und die zunehmende Belastung für die Spieler. Warum Katar die Weltmeisterschaft ausrichten darf, obwohl das Land die Menschenrechte verletzt, erklärt ein weiterer Text. Das Kinder-Nachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk. Eltern können das Heft auch online kaufen:

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Bereits 13.900 Arten haben Ameisenforscher entdeckt. Die kleinsten von ihnen sind kleiner als dieses i. Die größten können so lang werden wie der Daumen einer Kinderhand. Es gibt Arten, die in eisiger Kälte leben, und welche, die größte Hitze ertragen. Tiere, die unterirdisch gigantische Nester anlegen, und Arten, die in den Baumwipfeln der Regenwälder andere Insekten jagen.

Königliche Tiere: Treiberameisen bauen keine festen Nester. Sie schützen sich, indem sie sich zu Biwaks aus Hunderttausenden Tieren verhaken. Dieses hier erinnert an eine Krone.

Königliche Tiere: Treiberameisen bauen keine festen Nester. Sie schützen sich, indem sie sich zu Biwaks aus Hunderttausenden Tieren verhaken. Dieses hier erinnert an eine Krone.

Foto: Daniel Kronauer

Ein paar Dinge sind allen Arten gemein: Ameisen leben in Staaten, an deren Spitze eine Königin steht. Bei manchen Arten gibt es mehrere Königinnen. Die anderen Tiere im Staat sind Arbeiterinnen. Männchen gibt es auch, doch nur zur Paarungszeit für wenige Tage. Ihr Dasein dient einem einzigen Zweck: eine Königin aus einem anderen Volk zu begatten. Danach fallen sie tot um und werden gefressen – zum Beispiel von anderen Ameisen.

Auch eine Ameisenkönigin hat bloß einen einzigen Begattungsakt in ihrem Leben. Doch sie stirbt nicht im Anschluss, sondern gründet einen Staat. Auf dem Hochzeitsflug paart sie sich mit einem Männchen und sammelt Spermien in einer Samentasche. Sie reichen für ein ganzen Leben. Das kann schon mal 30 Jahre dauern – enorm lang für ein so kleines Tier.

Bis zu 150 Millionen Eier legen die Königinnen mancher Arten in dieser Zeit. Daraus schlüpfen die Arbeiterinnen, ihr Volk. Ein Staat besteht also aus lauter Schwestern, die alle dieselbe Mutter haben, die Ameisenkönigin. Die Königin verbringt nach dem Hochzeitsflug ihr Leben im Bau und legt Eier. Sie ist keine Monarchin, die ihr Volk regiert und ihm mitteilt, was es zu tun hat.

Die Arbeiterinnen organisieren den Staat und alle Aufgaben, die anfallen, selbst: Ammen pflegen Eier und Larven. Haushälterinnen räumen unermüdlich den Bau auf, vernichten Bakterien, entsorgen Abfälle, legen neue Kammern und Belüftungskanäle an. Kundschafterinnen suchen Futter außerhalb des Baus. Und Soldatinnen bewachen die Nest-Eingänge.

Um ihr Revier zu verteidigen, tragen Ameisenvölker harte Kämpfe miteinander aus. Die meisten schrecken auch nicht vor Kannibalismus zurück. Ameisen sind für Kämpfe bestens ausgerüstet: Sie können ätzende oder giftige Flüssigkeiten verspritzen und kräftig zubeißen. Die Soldatinnen mancher Arten haben bedrohlich aussehende Kiefer. Einige Ameisen sind sogar mit einem Giftstachel ausgestattet. Berüchtigt ist das Gift einer Art, die im tropischen Regenwald zu Hause ist – weit weg, puh!

Besondere Arten

Diese Ameisen leben im tropischen Regenwald und gehören zu den größten der Welt. Die Arbeiterinnen werden bis zu 2,5 Zentimeter lang. Ihr Stich ist einer der schmerzhaftesten Insektenstiche überhaupt. Die Tiere benutzen ihr Gift, um Angreifer abzuwehren und Beutetiere zu lähmen. Laut dem Insekten-Forscher Justin Schmidt fühlt sich der Stich der 24-Stunden-Ameise an, »als ob man über glühende Kohlen läuft, während man einen sieben Zentimeter langen rostigen Nagel in der Ferse stecken hat«. Nach 24 qualvollen Stunden (daher der Name) lassen die Schmerzen nach und hinterlassen keine bleibenden Schäden in der Haut.

Bei den Sataré-Mawé, einem indigenen Volk in Brasilien, gibt es eine Mutprobe für junge Männer: Sie müssen in einen Handschuh mit 24-Stunden-Ameisen fassen. Wer die Stiche der Tiere erträgt, wird von den Älteren respektiert.

Foto: Culturacolectiva.com

Die Soldatinnen, die oft um ein Vielfaches größer sind als ihre Schwestern, greifen ohne zu zögern auch klar überlegene Feinde an, zum Beispiel Vögel oder andere größere Tiere, die gern Insekten fressen. Überhaupt ist eine Ameise stets bereit, sich für ihren Staat zu opfern: Auf der Suche nach Futter gehen die Tiere große Gefahren ein, und sie lassen sich sogar bereitwillig von ihren Schwestern fressen, wenn in der Kolonie Nahrungsmangel herrscht.

Bei all dem Gewusel in einem Ameisenstaat ist er doch erstaunlich ruhig. Uns Menschen erscheinen Ameisen stumm, denn wir sind es gewohnt, über Töne zu kommunizieren. Aber die Tiere sind alles andere als stumm. Ihre Sprache besteht aus Gerüchen. Sie haben Drüsen am Körper, die verschiedene Duftstoffe herstellen können – das ist ihr chemischer Wortschatz. Mittels der Gerüche teilen sie mit: »Ich gehöre zu deiner Kolonie«, »Ich weiß, wo es Futter gibt«, oder »Achtung, wir werden angegriffen«. Außerdem erkennen sie am Duft, welche Aufgabe sie im Staat erfüllen: ob ihr Gegenüber Königin, Larve oder Arbeiterin ist, ob es im Außendienst oder im Bau arbeitet.

Auch das gegenseitige Berühren mit den Fühlern dient der Verständigung. Hat eine Ameise zum Beispiel eine tolle Futterquelle gefunden und will ihre Schwester davon probieren lassen, trommelt sie ihr auf den Kopf und würgt eine Kostprobe hervor.

Die Rote Waldameise ist auch in Deutschland heimisch. So sieht es im Inneren ihres Nests aus. Diese Grafik stammt von Armin Schieb, der ein ganzes Buch über Ameisen illustriert hat: »Das Ameisenkollektiv«, erschienen im Kosmos Verlag.

Die Rote Waldameise ist auch in Deutschland heimisch. So sieht es im Inneren ihres Nests aus. Diese Grafik stammt von Armin Schieb, der ein ganzes Buch über Ameisen illustriert hat: »Das Ameisenkollektiv«, erschienen im Kosmos Verlag.

Foto: Armin Schieb / Sepia / Kosmos Verlag

Ameisen haben Facettenaugen. Damit sehen sie keine Bilder, die mit dem vergleichbar wären, was unsere Linsenaugen erkennen können. Das stört im Nest aber nicht weiter. Dort ist es sowieso finster, Sehkraft ist nutzlos.

Ameisen nutzen andere Fähigkeiten, um sich zu orientieren: Mit ihren Sinnen nehmen sie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und den Gehalt an Kohlendioxid wahr. So wissen sie, wo sie sich im Bau befinden, denn jeder Bereich hat andere physikalische und chemische Eigenschaften. Ob ein Gang im Nest nach oben oder unten führt, erkennen die Ameisen ebenfalls. Ihr Schweresinn verrät ihnen, in welche Richtung ihr kleiner Körper durch die Erdanziehung gedrückt wird.

Außerhalb des Baus nutzen sie ein unsichtbares Straßennetz: Sie markieren den Weg, indem sie mit dem Hinterleib immer wieder in regelmäßigen Abständen den Boden berühren und dabei eine winzige Menge Duft abgeben. So wie wir Menschen Straßenschilder als Wegweiser nutzen, haben Ameisen ihre Duftspuren, die ihnen genau sagen, wo es langgeht. Die Wege führen zu neuen Nistplätzen oder markieren Futterquellen.

Je mehr Schwester-Ameisen die Wege nutzen, desto stärker wird die Spur. Führe man mit dem Finger ein paarmal quer über eine Ameisenstraße auf einem sandigen Weg, würden die nachkommenden Tiere anhalten und umhersuchen. Für sie würde der Weg jetzt unvermittelt abreißen. Nach einer Weile fände schließlich eine Ameise wieder die Leitspur und würde die chemische Lücke schließen. Der Tross der Tiere würde weitertrippeln.

Außerdem verwenden viele Ameisen die Sonne als Kompass. Ja, wirklich. Die Tiere sind in der Lage, mittels der Sonne zurück zu ihrem Nest zu finden. Je nach Tageszeit laufen sie in einem passenden Winkel zur Sonne, der sie wieder zum Nest führt. Diese Fähigkeit ist vor allem für Wüstenameisen unverzichtbar, denn dort ist die Landschaft gleichförmig, und in der Hitze würde eine gelegte Duftspur verdampfen. Dass die Sonne selbst über den Himmel wandert und bei der Rückreise der Tiere längst woanders steht als zu Beginn der Futtersuche, ist für Ameisen kein Problem: Sie finden ihren Weg. Von solchen Supersinnen können Menschen nur träumen.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 06/2021.

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