Foto:

Bettina Theuerkauf

Auschwitz-Überlebende im Kinder-Interview "Ich bekam die Nummer 41948"

Esther Bejarano, 95, ist eine der letzten Überlebenden der Verbrechen der Nationalsozialisten. Den Kinderreportern Mika und Hannah, beide 13, erklärte sie, wie sie die Nazi-Zeit überlebte und wie sie die heutige Lage von jüdischen Menschen in Deutschland sieht.
Redaktionelle Begleitung: Marco Wedig

Dein SPIEGEL: Können Sie sich noch daran erinnern, als Ihnen das erste Mal Hass entgegenschlug?

Esther Bejarano: Ich bin im Saarland aufgewachsen. Als die Nazis an die Macht kamen, gehörte diese Region noch nicht zu Deutschland. Im Jahr 1935 haben die Bewohner des Saarlands aber in einer Abstimmung entschieden, dass sie zu Deutschland gehören wollen.

Bald danach sind alle jüdischen Mädchen und Jungs aus den öffentlichen Schulen geflogen. Wir mussten dann auf eine jüdische Schule gehen. Die christlichen Freundinnen wollten nichts mehr mit uns zu tun haben, weil die Nazis alles Mögliche über die Juden erzählt hatten, was gar nicht stimmte. Das war für mich ganz schlimm.

Viele Juden sind aus Deutschland geflohen. Warum war Ihnen das nicht möglich?

Weil wir uns das nicht leisten konnten. Meine Eltern haben meine älteren Geschwister ins Ausland geschickt: Meine Schwester Tosca ging nach Palästina. Dort wurde später der Staat Israel gegründet. Und mein Bruder Gerhard flüchtete in die USA. Er wollte uns nachholen, doch dafür reichte das Geld nicht.

Der Massenmord an den Juden

Hass auf Juden hatte es schon gegeben, bevor der Diktator Adolf Hitler in Deutschland an die Macht kam. Doch unter ihm nahm die Hetze ein neues Ausmaß an. Die Regierung schikanierte die jüdischen Menschen mit immer neuen Gesetzen und Verboten. Hitlers Anhänger, die Nationalsozialisten (Nazis), verfolgten ein Ziel: In Europa sollten keine Juden mehr leben. Dazu wurden sie verfolgt und in Konzentrationslager (KZ) gesteckt. Diese Orte waren Gefängnissen ähnlich. Unter den KZ gab es mehrere Vernichtungslager, zum Beispiel in der polnischen Stadt Auschwitz. Dort hatten die Nazis eine Art Fabrik zum Töten von Menschen eingerichtet. Die Gefangenen wurden mit Giftgas ermordet. Sechs Millionen Juden wurden von den Nazis umgebracht, darunter mehr als eine Million jüdische Kinder. Dieser Massenmord wird Holocaust oder Schoah genannt.

Wie gelangten Sie in das Vernichtungslager Auschwitz?

1941 kam ich nach Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree, wo ich Zwangsarbeit leisten musste. Da war ich 16 Jahre alt. Nach zwei Jahren wurde ich dann nach Berlin gebracht. Dort mussten wir in einen Viehwaggon steigen, der uns nach Auschwitz fuhr. In dem Waggon waren ganz viele Menschen, und es gab keine Toiletten. Ich kann nicht beschreiben, wie furchtbar das war.

Dies ist das Tor zum Konzentrationslager Auschwitz. Der Spruch "Arbeit macht frei" hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Denn normale Arbeit fand in diesem Lager nicht statt. Stattdessen wurden die Menschen durch schwere Arbeit gequält.

Dies ist das Tor zum Konzentrationslager Auschwitz. Der Spruch "Arbeit macht frei" hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Denn normale Arbeit fand in diesem Lager nicht statt. Stattdessen wurden die Menschen durch schwere Arbeit gequält.

Foto: AP/dpa

Können Sie uns etwas über den Alltag in Auschwitz erzählen?

Zum Frühstück haben wir ein Stück Brot gegessen. Das Brot wurde am Abend verteilt und musste für den ganzen nächsten Tag reichen. Dann zur Arbeit: Ich musste große Steine von einer Seite einer Brachfläche zur anderen schleppen. Die Nazis wollten uns durch schwere, sinnlose Arbeit kaputtmachen. Viele Gefangene haben das nicht ausgehalten.

Zum Mittag- oder Abendessen gab es eine Suppe, die aus Kartoffelschalen oder Brennnesseln bestand. Es schmeckte scheußlich. Aber die Suppe war heiß, worüber wir uns freuten. Denn wir froren oft in unserer dünnen KZ-Kleidung.

Wie haben Sie das überlebt?

Ich hatte großes Glück, dass das Mädchen-Orchester von Auschwitz eine Akkordeon-Spielerin suchte. Eigentlich beherrschte ich dieses Instrument nicht, aber ich meldete mich trotzdem. Ich sollte den deutschen Schlager "Bel Ami" vorspielen. Weil ich so ein gutes Gehör hatte, gelang es mir. Fortan musste ich keine schwere Arbeit mehr leisten. Wir spielten Musik, wenn die anderen Gefangenen zur Arbeit marschieren mussten.

Was war das Schlimmste, das Sie in Auschwitz erlebt haben?

Die Lager-Leitung hat sich irgendwann einfallen lassen, dass wir am Tor spielen müssen, wenn neue Transporte ankamen. Die Leute in den Zügen haben wahrscheinlich gedacht: Wo Musik spielt, kann's ja nicht so schlimm sein. Wir wussten aber ganz genau: Diese Menschen gehen alle ins Gas.

Hat man Ihnen auch eine KZ-Nummer tätowiert?

Natürlich. Als wir dort angekommen sind, mussten wir uns nackt ausziehen. Wir wollten das nicht und haben geweint. Dann sind aber Gefangene, die schon länger dort waren, gekommen und haben gesagt: "Ihr müsst alles machen, was die euch sagen, sonst seid ihr tot." Man hat uns die Haare geschoren, überall.

Wir mussten unter eine kalte Dusche. Danach mussten wir uns anstellen und den linken Arm vorzeigen, auf den uns andere Gefangene eine Nummer tätowierten. Ich bekam die Nummer 41948. Ich kann mich erinnern, dass ich damals gedacht habe: 41000 – wo sind denn diese ganzen Menschen?

Wie gelang es Ihnen, aus Auschwitz herauszukommen?

Ich hatte eine christliche Großmutter. Mein Vater war ein sogenannter Halbjude. Die Nazis hatten beschlossen, dass Menschen mit christlichen Vorfahren nicht in einem Vernichtungslager sein dürfen. Und ich habe mich gemeldet. So bin ich in das KZ Ravensbrück gekommen. Dort wurden zwar auch Menschen umgebracht, aber nicht so viele wie in Auschwitz.

Bewegtes Leben
Foto: Heribert Proepper/ AP

Esther Bejarano wird am 15. Dezember 1924 geboren. Sie erlebt eine unbeschwerte Kindheit im Saarland. Früh lernt sie, Klavier zu spielen, ihre Familie ist sehr musikalisch. Als die Nazis die Macht übernehmen, wird die Familie auseinandergerissen. Als einziges von vier Kindern bleibt Esther Bejarano bei den Eltern in Deutschland. Sie muss Zwangsarbeit leisten, wird nach Auschwitz und später ins KZ Ravensbrück gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg zieht sie nach Palästina (später Israel), wo sie sich zunächst als Musikerin durchschlägt. Doch der große Erfolg bleibt aus. Sie arbeitet in verschiedenen Jobs und gründet eine Familie. 1960 zieht sie zurück nach Deutschland, unter anderem, weil ihr die Hitze in Israel nicht bekommt. Seitdem wohnt sie in Hamburg. Bis heute geht sie als Sängerin auf Tour, zum Beispiel mit der Rap-Band Microphone Mafia. Ob auf der Bühne, bei Vorträgen oder Schulbesuchen – überall setzt sich Esther Bejarano lautstark gegen Nazis ein.

Würden Sie Deutschland heute als Ihre Heimat bezeichnen?

Ach du meine Güte! Das Wort Heimat kann ich überhaupt nicht leiden. Ich sag mal so: Deutschland könnte meine Heimat sein, wenn hier nicht so viele Nazis rumlaufen würden. Wie ihr ja vielleicht wisst, ist der Hass auf jüdische Menschen heute wieder sehr groß.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es noch mal so kommen würde. Es ist ja leider so, dass die Regierung nichts dagegen macht. Deshalb müssen wir alle aufstehen und gemeinsam gegen Parteien wie die AfD kämpfen.

Was sagen Sie zu Leuten, die den Holocaust leugnen und die Herrschaft der Nazis als nur einen "Vogelschiss in der deutschen Geschichte" bezeichnen?

Zu den Leuten sage ich gar nichts. Weil ich nicht mit solchen Leuten spreche.

Am 9. Oktober 2019 hat ein Rechtsradikaler versucht, Menschen in der Synagoge in Halle umzubringen. Was haben Sie gedacht, als Sie davon gehört haben?

Das ist eine furchtbare Angelegenheit. Und es wird so weitergehen, wenn wir nichts dagegen tun. Deswegen besuche ich bis heute Schulklassen und erzähle dort meine Geschichte.

Esther Bejarano hat ihre Erinnerungen und Familienbilder in einem Buch veröffentlicht. Oben links ist ihr Vater zu sehen. Er wurde – genauso wie ihre Mutter und eine Schwester – von den Nazis ermordet. Das Bild rechts zeigt Esther Bejarano im Alter von 14 Jahren.

Esther Bejarano hat ihre Erinnerungen und Familienbilder in einem Buch veröffentlicht. Oben links ist ihr Vater zu sehen. Er wurde – genauso wie ihre Mutter und eine Schwester – von den Nazis ermordet. Das Bild rechts zeigt Esther Bejarano im Alter von 14 Jahren.

Foto: Bettina Theuerkauf

Dieses Interview erschien in "Dein SPIEGEL" 01/2020.

Dein SPIEGEL – Das Nachrichten-Magazin für Kinder
Foto: Dein SPIEGEL

Liebe Eltern,

Kinder wollen die Welt verstehen. Sie interessieren sich für Natur, Menschen und Technik. Sie stellen Fragen. Und sie geben sich nicht mit den erstbesten Antworten zufrieden. Darum gibt der SPIEGEL für junge Leserinnen und Leser ab acht Jahren ein eigenes Nachrichtenmagazin heraus.

»Dein SPIEGEL« erscheint jeden Monat neu und bietet spannende, verständlich geschriebene Geschichten aus aller Welt, Interviews und News aus Politik und Gesellschaft. Für noch mehr Spaß sorgen Comics, Rätsel und kreative Ideen zum Mitmachen.

Informationen und Angebote
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.