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Bestechende Biester Wie cool sind eigentlich Wespen?

Jetzt im September können manche von ihnen etwas nervig werden. Aber Wespen sind nicht gleich Wespen. Es gibt abertausende Arten, die über faszinierende Fähigkeiten verfügen. Hier sind sieben stichhaltige Fakten.
Von Marco Wedig

Seirian Sumner hat einen schwierigen Job. Sie arbeitet als Forscherin am University College London, zumindest verbringt sie dort einen Teil ihrer Arbeitszeit. Wenn gerade keine Pandemie ist, reist sie in der Welt herum, um Wespen zu erforschen: in Panama oder Sambia. Seit 25 Jahren beschäftigt sie sich mit den Tieren. Sie trägt meist einen Imker-Anzug, um sich vor Stichen zu schützen. Die Löcher an den Ärmel- und Hosen-Enden verschließt sie mit Klebeband, damit ja keine Wespe hineinfliegt. Doch dieser Teil der Arbeit, ganz in der Nähe der Insekten, scheint Seirian Sumner Spaß zu machen. Der schwierige Teil ist: Menschen davon zu überzeugen, wie toll Wespen sind.

»Zunächst muss man verstehen, dass Wespen beim Picknicken nur dann angreifen, wenn man wild mit den Armen herumfuchtelt. Das erinnert die Tiere nämlich an einen Fressfeind: den Dachs. Wie dieses Tier stoßen wir Menschen beim Ausatmen Kohlendioxid aus. Das verstärkt den Eindruck. Daher ist es besser, sich ruhig zu verhalten«, erklärt Sumner im Video-Call. Und wenn die Wespe unter das T-Shirt fliegen will, habe das auch nichts mit Bösartigkeit zu tun. Wespen fühlten sich von dunklen Orten, wo sie normalerweise ihre Nester bauen, angezogen.

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Ein weiteres Missverständnis möchte Sumner gerne aus dem Weg räumen: »Wenn wir an Wespen denken, denken wir an die Gemeine Wespe oder die Deutsche Wespe. Diese beiden machen aber nur einen winzigen Bruchteil von insgesamt über 100.000 Wespenarten aus. Vermutlich gibt es zehnmal so viele unentdeckte Wespenarten auf der Welt.«

Dazu muss man wissen, dass der Begriff Wespe sehr weit gefasst wird. Die größte Vielfalt gibt es unter den sogenannten parasitoiden Wespen. Sie legen ihre Eier auf oder in anderen Lebewesen, die von dem schlüpfenden Nachwuchs mit der Zeit aufgefressen werden. Manche dieser Geschöpfe sind winzig: viel weniger als einen Millimeter lang. Die meisten Wespenarten sehen also ganz anders aus als die schwarz-gelben Tiere, die uns im Spätsommer manchmal auf die Nerven gehen.

Mit den Ameisen und den Bienen sind die Wespen eng verwandt. Doch während sich alle um das Wohl der Bienen sorgen, gelten Wespen als nutzlos. »Dabei erfüllen sie als Schädlingsbekämpfer und Bestäuber wichtige Rollen in verschiedenen Ökosystemen«, erklärt Sumner. Kurz gesagt: Wespen sind toll. Wirklich. Wer es immer noch nicht glaubt, findet hier sieben weitere bestechende Fakten.

Wer hat's erfunden?

Wespen schaffen beeindruckende Bauten aus Papier. Die vielschichtige Hülle schützt die Tiere vor Kälte.

Wespen schaffen beeindruckende Bauten aus Papier. Die vielschichtige Hülle schützt die Tiere vor Kälte.

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Vielleicht würde es die »Dein SPIEGEL«-Hefte ohne Wespen gar nicht geben. Vor 2000 Jahren beobachtete der Chinese Cai Lun angeblich eine Wespe, wie sie Holzrinde von einem Baumstamm abnagte, die Rinde zerkaute, mit Speichel vermischte und zu einem Papier-Nest verarbeitete. So kam Cai Lun wohl darauf, selbst Papier herzustellen. Ob die Geschichte stimmt, ist schwer nachzuprüfen. Fest steht: Wespen bauten, schon 150 Millionen Jahre bevor es den Menschen überhaupt gab, Papier-Nester.

Gift-Cocktail mit Heilsversprechen

Seirian Sumner nennt Wespen »ungenutzte Medizinschränke«. Im Wespengift steckt zum Beispiel der Wirkstoff Mastoparan. Er könnte vielleicht irgendwann mal in der Krebs-Behandlung eine Rolle spielen, da er für Krebs-Zellen besonders giftig ist.

Papierwespen statt Pestizide

Die Afrikanische Papierwespe könnte in Sambia helfen, Schädlinge zu bekämpfen.

Die Afrikanische Papierwespe könnte in Sambia helfen, Schädlinge zu bekämpfen.

Foto: Minden Pictures / mauritius images

In Sambia, wie auch in vielen anderen Teilen der Welt, ist die Raupe des Schmetterlings Spodoptera frugiperda zu einer Plage geworden. Sie vernichtet große Teile der Mais-Ernte. In reicheren Ländern züchtet man eine bestimmte Schlupfwespe und setzt sie als Schädlingsbekämpfer ein. Das kann man sich in Sambia aber nicht leisten. Stattdessen wird Gift auf den Feldern versprüht. »Meist machen das die Frauen mit ihrem Baby auf dem Rücken«, erzählt Seirian Sumner. »Auch für sie ist das giftig.« Sumner und andere Forschende wollen daher die Bevölkerung dazu bringen, vor Ort lebende Wespenarten in die Nähe der Mais-Felder zu bringen. Die Wespen könnten die Raupen töten.

Keine Feigen ohne Wespen

Feigen ernähren Tausende von Tierarten, zum Beispiel viele tropische Vögel. Ohne Wespen würde es die Früchte nicht geben. Weibliche Feigenwespen legen ihre Eier in den Früchten ab und sorgen für die Bestäubung. Während die weiblichen Wespenbabys die Feigen nach dem Schlüpfen verlassen, sterben die männlichen Babys und die Mutter in der Frucht. Dort werden sie von der Pflanze verdaut. Daher kann man Feigen ohne Bedenken genießen.

Der Hintern als Zielvorrichtung

Wespen kann man anhand ihrer schmalen Taille meist gut von anderen Insekten unterscheiden. Für manche Menschen gilt eine schlanke Wespentaille als Schönheitsideal. Um so auszusehen, quetschen sie sich in sperrige Korsetts. Was für ein Missverständnis! Wespen nutzen ihre Taille völlig anders: Sie dient der Beweglichkeit – um gezielt zustechen zu können.

Ferngesteuerte Kakerlaken

Die Juwelwespe (rechts) sticht die Kakerlake (links) zweimal. Dann übernimmt sie die Kontrolle über die Zombie-Schabe.

Die Juwelwespe (rechts) sticht die Kakerlake (links) zweimal. Dann übernimmt sie die Kontrolle über die Zombie-Schabe.

Foto: Soumyabrata Roy / NurPhoto / Shutterstock

Keiner mag Kakerlaken, oder? Die kleine Juwelwespe versetzt diesen Tieren zwei Stiche: einen in den mittleren Körperteil, um die Vorderbeine zu lähmen, den zweiten direkt ins Hirn. Die Kakerlake verliert ihren freien Willen. Sie kann noch laufen, hört aber nur auf die Kommandos der Wespe, die die Kakerlake nun an den Fühlern in ihre Höhle führt. Dort wird sie von Wespenlarven gefressen.

Die Verwandlung: In dem Kakerlaken-Körper wächst eine Juwelwespe heran.

Die Verwandlung: In dem Kakerlaken-Körper wächst eine Juwelwespe heran.

Foto: FLPA / alamy / mauritius images

Eine Art mit vielen Gesichtern

Diese Wespen haben ein auffälliges, individuelles gelbes Muster auf ihrem ansonsten kastanienbraunen Kopf.

Diese Wespen haben ein auffälliges, individuelles gelbes Muster auf ihrem ansonsten kastanienbraunen Kopf.

Foto: Doug Lemke / Shutterstock

Wespen der Art Polistes fuscatus können die Gesichter ihrer Artgenossen erkennen. Bei keinem anderen Insekt wurde diese Fähigkeit bisher beobachtet.

Dieser Text erschien in »Dein SPIEGEL« 08/2022.

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