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Besuch in einer Forstsamendarre Der große Zapfenstreich

Bäume vermehren sich selbst – wenn die Bedingungen stimmen. Ist das nicht der Fall, wird nachgeholfen. Zum Beispiel von Gunther Baumung. Er macht aus den Zapfen von Nadelbäumen Saatgut für neue Bäume.
Von Pelle Kohrs

Gunther Baumung steht in einem alten Fahrstuhl. Der Aufzug quietscht und knarrt, während er langsam nach oben steigt. Mit einem lauten Ruck macht er schließlich halt. »Da sind wir«, sagt Baumung und öffnet die Türen. Dahinter erstreckt sich ein langes Dachgeschoss. Süßlich riecht es hier und erdig, ein bisschen wie in einem Wald. Kein Wunder, der Boden ist mit Tausenden Tannenzapfen bedeckt.

Den Baum hat Gunther Baumung nicht nur in seinem Namen, er hat auch beruflich mit Wäldern zu tun. Mit seinem Hut, dem Bart und der grünen Kleidung sieht er wie ein Förster aus, aber der 40-Jährige ist der Leiter der Forstsamendarre Jatznick in Mecklenburg-Vorpommern.

Forstsamendarren sind Einrichtungen, die Baumsamen zu Saatgut verarbeiten. Damit können dann später neue Bäume angepflanzt werden. Aufforstung heißt das, und die ist viel häufiger nötig, als man denkt. In Deutschland sind durch Stürme, Dürre und Schädlinge 277.000 Hektar Wald beschädigt. Das ist eine Fläche etwas größer als das Bundesland Saarland. Deswegen und weil Bäume so wichtig für die Umwelt sind, müssen im ganzen Land Millionen neue angepflanzt werden. Ohne Forstsamendarren wäre das nicht möglich.

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Gunther Baumung hebt einen Tannenzapfen vom Boden auf und drückt ihn zwischen seinen Fingern zusammen. Er ist so trocken, dass er sofort zerbröselt. »Das sind die Zapfen von Küstentannen.« Gunther Baumung hat Baumsteiger beauftragt, sie zu sammeln. Die Fachleute sind bis in die Kronen der 40 Meter hohen Bäume geklettert, um die Zapfen zu pflücken. Mehr als 200 große Säcke haben sie gefüllt. »Und die wurden dann mit dem Lkw zu uns gebracht«, sagt Baumung. So eine große Lieferung ist selten, weil an einer Küstentanne nur alle drei bis vier Jahre Zapfen wachsen.

Als die Säcke in der Darre ankamen, mussten Gunther Baumung und sein Team schnell sein. »Die Zapfen geben so viel Wärme ab, dass sie verschimmeln, wenn sie zu lange aufeinanderliegen. Deswegen haben wir sie überall im Gebäude ausgebreitet.« Allein hier im Dachgeschoss liegen gut 700 Kilogramm. Insgesamt wurden vier Tonnen angeliefert.

Die Zapfen kommen in die Forstsamendarre, um zu trocknen. Daher auch der Name »Darre«: Darren kommt von dörren oder trocknen. Und genau das kann je nach Baumart einige Wochen oder sogar Monate dauern. Ein Belüftungssystem sorgt dafür, dass es etwas schneller geht. Durch das Dörren öffnen sich die Schuppen der Zapfen so weit, dass die Samenkörner aus dem Inneren herausfallen. Sie sind dann allerdings noch in kleinen Flügeln eingeschlossen, die in der Natur dafür sorgen, dass der Wind sie weit fortträgt.

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Wie man aus Zapfen Saatgut gewinnt

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Gunther Baumung fährt mit dem klapprigen Fahrstuhl zurück ins Erdgeschoss. Er betritt eine kleine Halle, in der es so laut ist, dass die Arbeitenden Ohrenschützer tragen. Hier kommen die zerfallenen Tannenzapfen säckeweise an. Den Lärm verursachen große Maschinen, die mit einem Rüttelsieb die Samenkörner von den Flügeln trennen und sie von Dreck, Zweigen und Blättern reinigen. Das ist wichtig, weil die Samen später maschinell ausgesät werden. »Wenn die dann noch schmutzig wären, würden die Maschinen bei all dem Staub das Husten bekommen und verstopfen.«

Nicht bei allen Baumarten ist es so einfach, an die Samen heranzukommen. »Bei Kiefernzapfen reicht es zum Beispiel nicht, sie einfach rumliegen zu lassen«, erklärt Gunther Baumung. »Da müssen wir erst mit einem Ofen nachhelfen, um die Zapfen zu trocknen, und dann mit einer drehbaren Trommel, um die Samen mit den Flügeln aus den Zapfen herauszuschütteln.«

Hier werden die Samen aus widerstandsfähigeren Zapfen herausgeschüttelt.

Hier werden die Samen aus widerstandsfähigeren Zapfen herausgeschüttelt.

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Gunther Baumung geht an den lauten Maschinen in der Halle vorbei und öffnet eine große Metalltür. In dem Raum dahinter ist es sehr kalt. »Minus zehn Grad. Wir sind hier in der Kühlkammer.« Auf Regalen stehen große Gläser, die bis zum Rand mit Samenkörnern gefüllt sind. Die Kälte sorgt dafür, dass sie nicht an Keimfähigkeit verlieren. So können sie je nach Baumart selbst nach vielen Jahren noch wachsen.

Der Kühlraum wird von den Mitarbeitern der Darre auch Schatzkammer genannt, weil der Inhalt der Gläser so wertvoll ist. Ein Kilogramm Fichtensamen kostet zum Beispiel 300 Euro, ein Kilogramm Küstentanne 400 Euro. Wie teuer eine Sorte ist, hängt hauptsächlich von ihrer Beliebtheit ab. Verkauft werden die Samen zum Beispiel an private Waldbesitzer. Vor allem aber dienen sie der Einrichtung »Landesforst Mecklenburg-Vorpommern«, die sich um die Pflege und den Schutz der Wälder in dem Bundesland kümmert.

Bis die Samen aus der Kühlkammer zu großen Bäumen im Wald heranwachsen, dauert es aber noch. Vorher landen sie in einer Baumschule. Dort werden sie ausgesät und zu Jungbäumen gezüchtet. »Nicht alle Pflanzen überleben das, einige gehen zum Beispiel wegen schlechter Wetterbedingungen ein. Es kann sein, dass am Ende nur die Hälfte der ausgesäten Samen zu jungen Pflanzen heranwächst«, sagt Gunther Baumung. Erst nach vier Jahren ist eine Tanne alt genug, um aus der Baumschule in die Wildnis zu kommen. Wer einen Wald anpflanzen will, braucht also nicht nur viel Saatgut, sondern auch jede Menge Geduld.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 04/2022.

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