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Julia Steinigeweg / Dein SPIEGEL

Virologe Drosten im Kinder-Interview »Ich möchte, dass die Leute die Pandemie besser verstehen«

Die Kinderreporter Bero und Jakob wollten von Christian Drosten wissen, wie es für ihn war, plötzlich so bekannt zu werden – und was er tun würde, wenn er in Sachen Corona ganz allein entscheiden könnte.
Redaktionelle Begleitung: Alexandra Klaußner

Dein SPIEGEL: Finden Sie das Coronavirus unter dem Mikroskop schön?

Drosten: Ich habe es mir unterm Elektronenmikroskop noch nie angeschaut, ich schaue immer nur auf Bilder von Viren, die andere Leute gemacht haben. Aber ich finde es weder schöner noch hässlicher als andere Viren. Es sieht ganz normal aus.

Dein SPIEGEL: Wann war Ihnen klar, dass dieses Virus die Welt beschäftigen wird?

Drosten: Das wusste ich früh: als ich die Proben der ersten infizierten Patienten Deutschlands im Labor angesehen habe. Es zeigte sich, dass sich das Virus im Hals vermehren kann, nicht nur in der Lunge. Da war mir klar, dass es nicht aufzuhalten ist.

Dein SPIEGEL: Wären Sie gern Gesundheitsminister oder Kanzler geworden, um die Maßnahmen gegen die Pandemie besser durchsetzen zu können?

Drosten: Nein, ich bin lieber Wissenschaftler. Da sagt man den Politikern und Politikerinnen, wie die Lage ist. Und die müssen entscheiden, was sie mit den Informationen machen. Dafür müssen sie sich dann auch kritisieren lassen. Ich wäre insgesamt nicht gern Politiker.

Dein SPIEGEL: Auf der Flucht
Foto: Dein SPIEGEL

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Dein SPIEGEL: Wie sieht Ihr Tagesablauf als Virologe aus?

Drosten: Es gibt wenige Sachen, die jeden Tag gleich sind. Ich habe viele Besprechungen mit Forschenden, und ich sitze sehr viel am Computer und schreibe. Zum Beispiel Befunde für Ärztinnen und Ärzte hier am Krankenhaus, wenn ich mir Laborwerte von Patienten angeschaut habe. Und manchmal halte ich Vorlesungen für Studierende.

Dein SPIEGEL: Inzwischen gehören zu Ihrer Arbeit auch Termine wie dieser: Interviews für Zeitungen und fürs Fernsehen. Wie ist es, plötzlich so bekannt zu sein?

Drosten: Am Anfang habe ich das gar nicht gemerkt. Ich habe eine Menge Interviews gegeben, wusste aber nicht, wie viele Leute das mitkriegen. Mir wurde das erst mit der Zeit bewusst. Ich bin aber keiner, dem das gefällt, sondern ich würde am liebsten immer eine Mütze aufsetzen, damit mich die Leute auf der Straße nicht erkennen. Inzwischen passiert es ganz schön häufig, dass mich jemand anspricht.

Dein SPIEGEL: Denken Sie jetzt im Supermarkt darüber nach, was Sie einkaufen – weil jemand hinter Ihnen an der Kasse Sie erkennen und sehen könnte, dass Sie nur Quatsch im Einkaufswagen haben?

Drosten: Das ist interessant, das habe ich noch nie überlegt. Wahrscheinlich weil ich immer total bürgerliche und sozialkonforme Sachen einkaufe. Da gibt es nichts, was jemand peinlich finden könnte.

Christian Drosten gelang es sehr schnell, einen Nachweis für das Coronavirus zu entwickeln. Als die Corona-Pandemie in Deutschland dann so richtig losging, erzählte er täglich in einem Podcast, was es Neues gibt. Für all seine Arbeit während der Pandemie bekam er eine wichtige Auszeichnung: das Bundesverdienstkreuz.

Christian Drosten gelang es sehr schnell, einen Nachweis für das Coronavirus zu entwickeln. Als die Corona-Pandemie in Deutschland dann so richtig losging, erzählte er täglich in einem Podcast, was es Neues gibt. Für all seine Arbeit während der Pandemie bekam er eine wichtige Auszeichnung: das Bundesverdienstkreuz.

Foto: Christian Marquardt / epa

Dein SPIEGEL: Sie wollen weniger Interviews geben und haben auch mit Ihrem Podcast aufgehört, um wieder mehr zu forschen. Was wollen Sie über Corona noch herausfinden?

Drosten: Oh, viel! Wie sich das Virus Schritt für Schritt weiterentwickelt, das wollen wir noch besser verstehen. Wir versuchen, Zellkulturen zu finden, die gut anzeigen, wie sich das Virus verändert. Aber es gibt ja noch andere Coronaviren als das, was derzeit alle meinen, wenn sie »Coronavirus« sagen. Eines heißt Mers, man findet es in Kamelen. Daran arbeiten wir schon seit vor der Pandemie, um herauszufinden, wie es sich weiterentwickelt.

Dein SPIEGEL: Warum verändern sich Viren?

Drosten: Um zu überleben. Würden sie sich nicht verändern, würden sie aussterben, weil dann unser Immunsystem nach einer Zeit alle diese Viren töten könnte. Aber Viren sind meist schneller als das Immunsystem.

Dein SPIEGEL: Ist das Virus immer einen Schritt voraus?

Drosten: Ja, einen oder sogar mehrere Schritte.

Dein SPIEGEL: Wenn sich das Virus immer weiter verändert, muss dann auch der Impfstoff immer weiter verändert werden?

Drosten: Ab und zu ja, aber man muss nicht bei jedem Schritt gleich einen neuen Impfstoff herstellen. Bis jetzt hat man den Impfstoff gegen Corona noch gar nicht verändert. Ich schätze, dass noch in diesem Jahr das erste Mal ein angepasster Impfstoff benutzt wird.

Der Virologe Christian Drosten, 50, arbeitet an der Charité, einem riesengroßen Krankenhaus in Berlin. Den Kinderreportern Bero und Jakob erklärte er während des Interviews auch, wie das Coronavirus aufgebaut ist. Bero und Jakob kennen sich, seit sie Babys waren – sie besuchten dieselbe Krabbelgruppe. Heute sind beide neun Jahre alt. Bero interessiert sich für Nachrichten, sammelt Pokémon-Karten und spielt Gitarre. Jakob spielt Tennis und Basketball, und er angelt gern. Sein bislang tollster Fang war ein Barsch. Jakob und Bero haben auch schon gemeinsam gefischt und eine Plötze gefangen.

Der Virologe Christian Drosten, 50, arbeitet an der Charité, einem riesengroßen Krankenhaus in Berlin. Den Kinderreportern Bero und Jakob erklärte er während des Interviews auch, wie das Coronavirus aufgebaut ist. Bero und Jakob kennen sich, seit sie Babys waren – sie besuchten dieselbe Krabbelgruppe. Heute sind beide neun Jahre alt. Bero interessiert sich für Nachrichten, sammelt Pokémon-Karten und spielt Gitarre. Jakob spielt Tennis und Basketball, und er angelt gern. Sein bislang tollster Fang war ein Barsch. Jakob und Bero haben auch schon gemeinsam gefischt und eine Plötze gefangen.

Foto: Julia Steinigeweg / Dein SPIEGEL

Dein SPIEGEL: Hatten Sie als Kind Angst vor Spritzen?

Drosten: Ich glaube, jedes Kind hat ein bisschen Angst vor Spritzen. So war das bei mir auch. Wovor ich aber wirklich Angst hatte, war der Zahnarzt. Früher sind einige Zahnärzte nicht so vorsichtig mit ihren Patienten umgegangen. Ich hatte leider so einen. Deshalb bin ich bis heute nicht gern beim Zahnarzt.

Dein SPIEGEL: Leute, die zu Corona forschen, werden auch bedroht. Wie gehen Sie damit um?

Drosten: Ja, das ist mir schon öfter passiert. Weniger auf der Straße, aber es gibt Verrückte, die mir irgendwelche Pakete schicken. Das will man nicht erleben. Niemand wird gern bedroht, ich natürlich auch nicht. Man muss allerdings aufpassen, dass man nicht immer daran denkt. Denn dann bekommt man Angst. Und die will ich im normalen Leben nicht ständig haben.

Als Experte wurde Drosten häufig in den Nachrichten gezeigt und dadurch ziemlich bekannt. Viele schätzen ihn für seine Arbeit.

Als Experte wurde Drosten häufig in den Nachrichten gezeigt und dadurch ziemlich bekannt. Viele schätzen ihn für seine Arbeit.

Foto: Felix Kästle / picture alliance / dpa
Einige Verschwörungsgläubige gestalteten aber auch fiese Plakate, manche drohten ihm sogar.

Einige Verschwörungsgläubige gestalteten aber auch fiese Plakate, manche drohten ihm sogar.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Dein SPIEGEL: Wie gehen Sie mit der Kritik von »Querdenkern« um, also von Leuten, die Corona für eine Erfindung halten?

Drosten: Diese Art von Kritik trifft mich gar nicht, ich glaube, diese Leute gehen mir eher aus dem Weg – sonst würde ich sie ja bemerken. Ich weiß natürlich aus der Zeitung, dass es sie gibt. Aber in meinem direkten Umfeld eben nicht.

Dein SPIEGEL: Warum misstrauen manche Menschen der Wissenschaft so sehr?

Drosten: Na ja, das liegt zum Teil an den Wissenschaftlern selber. Manche reden so, dass die meisten anderen Leute nicht verstehen, worum es geht. Oder sie sagen Sachen, die nicht richtig stimmen. Oder sie widersprechen einander. Dann streiten zwei Forschende, und alle anderen Menschen verstehen nicht, worüber gestritten wird und wer recht hat. Und glauben dann, alles ist Quatsch.

Bero: Ich dachte, dafür sorgt der Chef – dass immer nur die Sachen in die Welt kommen, die stimmen.

Drosten: Ja, aber wer ist der Chef? Es gibt ja keinen Chef der ganzen Wissenschaft. Hier im Institut für Virologie gibt es einen Chef, das bin ich. Wenn hier im Institut jemand wäre, der Quatsch erzählt: Mit dem würde ich ein ernstes Wörtchen reden. Aber die Leute hier erzählen keinen Quatsch.

Jakob: Streiten Wissenschaftler mit Worten oder auch mit Drohbriefen?

Drosten: Wissenschaftler streiten sich eher höflich, also mit Argumenten. Die sagen: Es kann sein, dass das nicht stimmt, was du da sagst. Die sagen aber nie: Du bist ein Doofkopf.

Dein SPIEGEL: Wenn Sie eine Sache in Bezug auf die Pandemie alleine entscheiden könnten: Welche wäre das?

Drosten: Ich würde mehr Energie dareinstecken, dass alle Leute verstehen, dass es gut ist, sich impfen zu lassen. Und dass Menschen wissen, welche Informationen falsch sind und welche stimmen. Eine Impfpflicht würde ich aber vermutlich nicht wollen, das macht nur Ärger. Ich möchte lieber, dass die Leute die Pandemie besser verstehen und sich dann für eine Impfung entscheiden. Ich glaube wirklich, dass es das Beste ist, sich impfen zu lassen – auch für Kinder. Man muss immer vorsichtig sein mit so einem Virus. Und solange ich nicht genau weiß, was das Virus langfristig mit dem Körper macht, würde ich immer sagen: lieber nicht anstecken. Und wenn, dann nach einer Impfung. Die schützt sicher vor den schweren Folgen und bösen Überraschungen der Infektion. Bei Kindern sind die zum Glück aber sowieso ganz selten.

Dein SPIEGEL: Kann man das Coronavirus töten?

Drosten: Wenn ich hier auf den Tisch niese und dann Desinfektionsmittel draufsprühe oder den Tisch erhitze, dann gehen die Viren kaputt. Aber eigentlich ist das Virus ja nicht lebendig, sondern es braucht die Zellen von Menschen, um sich zu vermehren. Deswegen ist das die Frage: Kann man etwas töten, das selber eigentlich gar nicht lebt?

Bero: Man kann so ja immer nur ein paar Viren töten. Und nicht das Coronavirus auf der ganzen Welt.

Drosten: Ja, genau. Das könnte man nur, wenn alle Menschen auf der ganzen Welt sich einmal angesteckt hätten und deshalb alle immun wären. Dann würde das Virus verschwinden. Aber wir haben ja gerade schon darüber gesprochen, dass Viren immer schneller sind und sich verändern, und dann kann das Immunsystem wieder weniger dagegen machen.

Dein SPIEGEL: Wann ist die Corona-Pandemie vorbei?

Drosten: Nicht von heute auf morgen. Ich glaube, das wird im Winter noch mal losgehen, aber hoffentlich nicht so schlimm wie im letzten Winter. Wer weiß, ob das Coronavirus nicht sogar noch ein paar Jahre immer ein bisschen zu merken ist? Bis sich keiner mehr dafür interessiert, vergehen bestimmt noch ein paar Jahre. Aber ich glaube, das Schlimmste ist jetzt erst mal überstanden, weil die meisten Leute geimpft sind. Damit ist schon ein ganz großes Stück der Pandemie geschafft.

Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 07/2022.

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