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Datenschutzbeauftragter im Kinder-Interview »Ihr seid nicht die Kunden, ihr seid die Ware«

Ulrich Kelber ist der Bundesbeauftragte für den Datenschutz. Der SPD-Politiker sagt den Kinderreportern Leonie und Jamie, was mit ihren Daten bei Instagram oder WhatsApp passiert und wie sie sich schützen können.
Redaktionelle Begleitung: Marco Wedig

Dein SPIEGEL: Was macht eigentlich ein Datenschutzbeauftragter?

Kelber: Ich versuche, die Grundrechte von Menschen zu schützen, damit sie selbst bestimmen können, wer was über sie weiß. Deshalb berate ich Bundestag und Bundesregierung, wenn sie neue Gesetze machen. Und ich kümmere mich um Beschwerden. Wenn jemand sagt: »Da ist eine Behörde oder eine Firma, die meine Rechte nicht geachtet hat«, dann untersuche ich das.

Dein SPIEGEL: Was machen die großen Internet-Firmen mit unseren Daten?

Kelber: Das kann man ganz oft nicht einschätzen. Die Daten werden erst mal auf Vorrat gesammelt, und zwar an ganz vielen Stellen. Die Firmen wissen, auf welcher Website ich war, welche App ich benutzt habe, wie ich bezahlt habe, wen ich in meinen Kontakten gespeichert habe und wie schnell ich auf dem Fahrrad gefahren bin. Zum Teil nutzen die Firmen die Daten, um für Produkte Werbung zu machen, die mich angeblich besonders interessieren. Problematisch wird es, wenn es um die Gesundheit geht. Stellt euch mal vor, ihr guckt euch eine Website über eine bestimmte Krankheit an. Dann möchtet ihr wahrscheinlich nicht, dass jemand anderes weiß, dass ihr euch für die Krankheit interessiert oder vielleicht sogar selbst krank seid. Deswegen dürfen Firmen solche personenbezogenen Daten nicht verarbeiten, außer ihr erlaubt es ihnen, oder es gibt ein Gesetz, dass das erlaubt.

Dein SPIEGEL: Auf der Flucht
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Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht wie heute: 100 Millionen, schätzt UNHCR. Fast die Hälfte dieser unfassbar großen Zahl an Menschen sind Kinder und Jugendliche. Warum ist das so? Und was erleben Mädchen und Jungen dabei? »Dein SPIEGEL« erklärt Fluchtursachen und lässt Kinder zu Wort kommen, die ihre Heimat verlassen haben. Das Heft mit der Titelgeschichte ist im Handel verfügbar, ausgewählte Texte gibt es online. Hier können Eltern die aktuelle Ausgabe online kaufen:

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Dein SPIEGEL: Interessieren sich die großen Internet-Firmen überhaupt für Kinder? Unsere Eltern haben doch viel mehr Geld.

Kelber: Wenn die Firmen Daten von vielen Millionen Kindern sammeln, kann sich das für sie schon lohnen. Erst vor Kurzem habe ich erfahren, dass Facebook bald ein besonderes Angebot für Kinder auf den Markt bringen wird: »Instagram Kids«. Aber die Rechte von Kindern sind in der Datenschutz-Grundverordnung – also unserem Gesetz, das das alles regelt – ganz besonders geschützt. Deswegen werden wir genau hinschauen müssen, dass Facebook hier keinen Einfluss auf Kinder nimmt und ihre Daten sammelt. Denn Daten, die einmal im Internet sind, lassen sich nur sehr schwer wieder löschen und werden euch in eurem Leben immer wieder vorgehalten. Bei mir ist das anders: Was ich als 13-Jähriger gemacht habe, das wissen vielleicht meine besten Kumpels. Denn da gab es das Internet noch nicht so wie heute.

Dein SPIEGEL: Wenn wir uns ein Spiel herunterladen, müssen wir fast immer eine Datenschutzerklärung akzeptieren, die sehr lang ist. Hat so eine Erklärung überhaupt Sinn, wenn sich kein Mensch den Text durchliest?

Kelber: Nein, hat sie nicht. Ich erwarte, dass die Firmen zusätzlich kurz und verständlich erklären, welche Daten sie sammeln. Erste Anbieter – wie zum Beispiel ganz neu der Apple App Store – fordern das jetzt auch von Entwicklerfirmen ein. Wenn man sich die beliebtesten Spiele auf solchen Plattformen anschaut, sieht man, was für hammermäßig viele Daten die erheben und auch an Dritte verkaufen. Die verkaufen euch. Ihr seid nicht die Kunden, ihr seid die Ware. Im Augenblick kann ich nur empfehlen, Spiele zu meiden, wenn die Entwickler nicht übersichtlich erklären, was mit den Daten passiert. Denn dann haben die etwas zu verbergen.

Dein SPIEGEL: Was hat es mit diesem WhatsApp-Update auf sich, von dem gerade viele reden?

Kelber: Es geht darum, dass WhatsApp die Daten seiner Nutzerinnen und Nutzer in Zukunft auch an Facebook – die Firma hinter WhatsApp – weiterleiten will. Dazu wollen sie die Nutzerinnen und Nutzer zwingen. Ich bezweifle, dass sich Facebook und WhatsApp tatsächlich an europäisches Recht halten. Deswegen habe ich meine Kollegin in Irland gebeten, das zu untersuchen und schnell eine Entscheidung zu fällen. Denn sie ist innerhalb der Europäischen Union für WhatsApp zuständig.

Dein SPIEGEL: Manche Leute meinen, die Corona-Warn-App würde nicht funktionieren, weil der Datenschutz zu streng sei. Was sagen Sie dazu?

Kelber: Ich sehe das anders. Der Datenschutz der App ist gut. Auch deswegen wird sie von fast 27 Millionen Menschen genutzt. Das sind mehr als bei jeder anderen Warn-App auf der Welt. Es stimmt zwar, dass die App eine Weile nicht weiterentwickelt wurde. Das hatte aber nichts mit dem Datenschutz zu tun. Manche Vorschläge zur Corona-Warn-App sind außerdem schwer umzusetzen, zum Beispiel eine Pflicht zur Nutzung der App. Dann müsste es auch eine Pflicht geben, dass jeder ein aktuelles Smartphone hat. Und werde ich bestraft, wenn mein Akku leer ist? Muss ich das Handy auch aufs Schulklo mitnehmen? Wie will man das denn kontrollieren? Solche Vorschläge sind in Talkshows schnell erzählt. Bei der Bekämpfung der Pandemie helfen sie nicht.

Dein SPIEGEL: Wir führen dieses Gespräch über eine Videoplattform Ihrer Bundesanstalt. Warum nutzen Sie nicht Microsoft Teams?

Kelber: Teams weiß von den Nutzerinnen und Nutzern: Wer hat wann mit wem geredet? Wie oft war jemand aktiv? Mit wem redet er? Wie häufig treffen die sich? Was haben die in der Zeit danach noch gemacht? Auch aus solchen Daten kann man sehr viel über eine Person erfahren. Deswegen haben wir uns für eine andere Lösung entschieden.

Leonie: In meiner Klasse nutzen wir Teams für Videokonferenzen beim Homeschooling. Was halten Sie davon?

Kelber: Für diese Frage sind eigentlich meine Kolleginnen und Kollegen in den verschiedenen Bundesländern zuständig. Aber so viel kann ich sagen: Ich finde es schlecht, dass dort unnötig Daten erhoben und verarbeitet werden. Das gilt nicht nur für Teams, das gilt auch für andere Programme. Und an der Stelle möchte ich, dass diese Unternehmen nachbessern. Man muss sich als Aufsichtsbehörde aber auch immer den Zweck anschauen: Im normalen Unterricht ist es zum Beispiel nicht so schlimm, wenn bekannt wird, wer mit wem spricht. Aber wer wann mit der Schulpsychologin redet, das geht nun wirklich keine Firma etwas an.

Dein SPIEGEL: Wie können wir unsere Daten selbst schützen?

Kelber: Zum einen solltet ihr gegenüber den Internet-Firmen auf eure Rechte bestehen. Zum anderen solltet ihr euch informieren, welche Apps und Spiele besonders viele Daten von euch wollen. Oft gibt es dazu tolle Alternativen, die weniger Daten sammeln.

Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 06/2021.

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Auf diesen Websites erfährst du mehr zum Thema Datenschutz:

internet-abc.de 

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