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Für Kinder erklärt Die Geschichte hinter den "Black Lives Matter"-Protesten

Unter der Parole "Black Lives Matter" kämpfen Menschen in den USA dafür, dass Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze aufhören. Wie kam es dazu, dass Afroamerikaner es so viel schwerer haben?
Von Marc Pitzke

Caleb ist neun Jahre alt. Der afroamerikanische Junge trägt kakifarbene Shorts, ein Streifen-T-Shirt und eine schwarze Corona-Schutzmaske vor dem Gesicht. Er wartet vor einer Kirche darauf, dass er den Sarg von George Floyd sehen kann. Caleb ist zum ersten Mal in seinem Leben auf einer Beerdigung.

George Floyd war ein Schwarzer, der im Mai von Polizisten in Minneapolis, einer Stadt im US-Bundesstaat Minnesota, bei seiner Festnahme getötet wurde. Einige Passanten filmten den Vorfall mit ihrem Handy und posteten die Videos in den sozialen Medien. Das löste in vielen Teilen der Welt Empörung und große Proteste aus, auch in Deutschland. Die vier – mittlerweile aus dem Polizeidienst entlassenen – US-Polizisten wurden unter anderem wegen Mordes und Beihilfe zum Mord angeklagt.

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Warum demonstrieren zurzeit so viele Menschen gegen Rassismus? Was ist überhaupt Rassismus? Und was können Kinder dagegen tun? All diese Fragen werden in der Titelgeschichte der Ausgabe 08/2020 von "Dein SPIEGEL" beantwortet. "Dein SPIEGEL" ist das Nachrichten-Magazin für junge Leserinnen und Leser ab acht Jahren. Die aktuelle Ausgabe ist im Zeitschriftenhandel erhältlich. Eltern können das Heft auch online bestellen:

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Zweieinhalb Wochen nach seinem Tod wird Floyd, der 46 Jahre alt wurde, in einem Vorort seiner Heimatstadt Houston begraben. Die Beerdigungsfeierlichkeiten dauern zwei Tage. Am ersten Tag wandern fast 6400 Menschen an dem goldenen Sarg vorbei, der in einer Kirche aufgebahrt ist. Am zweiten Tag wird der Sarg mit einer weißen Kutsche zum Friedhof gebracht. Hunderte Menschen stehen am Wegesrand.

Kevin Jacobs hat seinen Sohn Caleb zur Beerdigung von George Floyd mitgenommen. "Das ist ein historischer Moment", sagt Jacobs.

Kevin Jacobs hat seinen Sohn Caleb zur Beerdigung von George Floyd mitgenommen. "Das ist ein historischer Moment", sagt Jacobs.

Foto: Marc Pitzke / DER SPIEGEL

Sie winken und weinen, singen und ballen die Fäuste. Sie sind traurig, aber auch wütend, weil in den USA jedes Jahr viele Schwarze von der Polizei grundlos festgenommen, schikaniert, misshandelt oder sogar getötet werden. Sie glauben, dass viele Polizisten rassistisch denken und handeln, also Menschen nur deswegen schlecht behandeln, weil sie eine andere, meist dunklere Hautfarbe haben. Gegen diese Ungerechtigkeit wollen die Trauernden bei George Floyds Beerdigung protestieren.

Caleb wartet mehrere Stunden lang, um in die Kirche zu kommen und den Sarg zu sehen. Sein Vater Kevin Jacobs, ein Lehrer in Houston, hat ihn extra mitgenommen. "Das ist ein historischer Moment", sagt Jacobs. "Die ganze Welt schaut auf uns." Jacobs ist als Teenager auch von Polizisten misshandelt worden, nur weil er schwarz ist. Er will nicht, dass es seinem Sohn ähnlich ergeht, und er will, dass Caleb sieht, was einem Schwarzen in den USA passieren kann, so hart das auch ist.

Caleb erzählt, dass ihn die Geschichte des Rassismus in seinem Land "sehr interessiert". Er hat schon einige Bücher über die Zeit der Sklaverei gelesen. Damals durften Weiße schwarze Menschen kaufen und besitzen, als wären sie ihr Eigentum. Die Schwarzen mussten hart schuften, ohne dafür Geld zu bekommen. Sie waren Sklaven und hatten keine Rechte. Eine von Calebs Heldinnen ist Harriet Tubman, eine berühmte Afroamerikanerin, die vor ihrem Sklavenhalter geflohen war und danach heimlich viele andere Sklaven in Sicherheit brachte.

Heute unvorstellbar, in den USA der 1950er aber leider Realität: Schwarze Menschen mussten in der Öffentlichkeit andere Waschbecken benutzen als weiße.

Heute unvorstellbar, in den USA der 1950er aber leider Realität: Schwarze Menschen mussten in der Öffentlichkeit andere Waschbecken benutzen als weiße.

Foto: ELLIOTT ERWITT / AGENTUR FOCUS

Rassismus ist also kein neues Problem in Amerika; er wurzelt in der Sklaverei. Auch nach deren Abschaffung im Jahr 1865 hatten viele weiße Amerikaner weiterhin Vorurteile. Sie hielten sich für besser als Schwarze, für klüger, wichtiger und für überlegen. Darum sorgten sie dafür, dass sie mehr Macht hatten und dass für schwarze Menschen vieles verboten blieb. Schwarze durften sehr lange nicht die gleichen Kindergärten, Schulen und Universitäten besuchen, nicht in denselben Restaurants essen, nicht neben Weißen im Bus sitzen und auch nicht in denselben Sportvereinen trainieren.

Vor vielen Tausenden Menschen hielt Martin Luther King im Jahr 1963 eine Rede. Er träumte davon, dass seine Kinder weniger Rassismus erfahren würden.

Vor vielen Tausenden Menschen hielt Martin Luther King im Jahr 1963 eine Rede. Er träumte davon, dass seine Kinder weniger Rassismus erfahren würden.

Foto: dpa

Diese Ungleichheit prägt die US-Gesellschaft bis heute, auch wenn inzwischen vor dem Gesetz alle gleich sind und auch gleich behandelt werden sollten. Schwarze haben es aber in den USA immer noch viel schwerer. Sie müssen Angst um ihre Sicherheit und sogar ihr Leben haben, einfach nur, weil sie anders aussehen. Sie sind außerdem oft automatisch benachteiligt, wenn es darum geht, welche Jobs sie bekommen, wie viel Geld sie verdienen und in welchen Vierteln sie wohnen können.

Diese Diskriminierung hängt nicht von einzelnen Menschen ab, die rassistisch handeln, sondern sie ist in der Politik, der Kultur und der Wirtschaft Amerikas tief verwurzelt. Auch die Polizei, bei der überwiegend weiße Beamte arbeiten, ist davon betroffen: Manche Cops gehen mit viel zu harter Gewalt gegen Afroamerikaner vor, sie verhalten sich so, als wäre das Leben ihrer schwarzen Mitbürger weniger wert als das von Weißen. Weiße Amerikaner dagegen müssen keine Vorurteile und kein Misstrauen nur wegen ihrer Hautfarbe fürchten. Das nennt man "weißes Privileg". Immer noch sind sich viele Weiße der Vorteile, die sie nur wegen ihrer Hautfarbe haben, gar nicht bewusst.

Durch den Mord an George Floyd aber haben viele junge Weiße begriffen, wie schlimm die Situation ist, und wollen jetzt etwas dagegen tun. Im Mai und Juni kam es zu den größten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt, die die USA seit Jahren erlebt haben. Hunderttausende marschierten in Dutzenden Städten durch die Straßen und forderten ein Ende der Gewalt gegen Minderheiten.

Viele trugen Schilder mit der Aufschrift "Black Lives Matter". Das heißt "schwarze Leben zählen" und ist ein Schlachtruf, mit dem die Demonstranten sagen wollen, dass das Leben von Schwarzen genauso viel wert ist wie das von Weißen.

In New York gehen am 19. Juni viele Menschen auf die Straße. Auf manchen Protest-Schildern ist das Gesicht von George Floyd zu sehen.

In New York gehen am 19. Juni viele Menschen auf die Straße. Auf manchen Protest-Schildern ist das Gesicht von George Floyd zu sehen.

Foto: POLARIS/LAIF

"Black Lives Matter" ist auch der Name einer Organisation, die für Gleichberechtigung kämpft und viele der Aktionen geplant hat. Es gibt sie schon seit sieben Jahren. Damals starb ein anderer Schwarzer bei einem Polizeieinsatz. Auch damals protestierten viele Menschen. Trotzdem kamen seitdem Dutzende weitere Afroamerikaner durch Polizeigewalt oder rassistische Morde um. Einige von ihnen waren noch Teenager. Viele dieser Fälle führten zu Demonstrationen, die aber nach einiger Zeit wieder aufhörten. Diesmal ist das anders. Obwohl in den USA oft noch Corona-Auflagen herrschen, nehmen die Leute seit Wochen an Protesten teil. Sie tragen in der Regel eine Schutzmaske.

Die meisten Proteste verlaufen friedlich. Nur vereinzelt kam es zu Gewalt, weil Randalierer Geschäfte in Brand setzten oder Waren klauten. Diese Fälle waren aber eher die Ausnahme. Andererseits geht die Polizei manchmal brutal gegen die friedlichen Demonstranten vor, indem sie Pfefferspray und Tränengas einsetzt, das stark in den Augen brennt.

Auch Prominente beteiligen sich an den Protesten. Einige engagieren sich online gegen Polizeigewalt oder sammeln Spenden. Andere marschieren bei den Demos mit – darunter die Sängerinnen Ariana Grande und Halsey, der Rapper Kanye West, der Hollywoodstar Jamie Foxx und Paris Jackson, die Tochter von Michael Jackson.

Die Protestler fordern zum Beispiel, dass die Polizei besser ausgebildet oder ganz abgeschafft wird und es stattdessen bessere Ideen zur Verbrechensbekämpfung gibt, durch die nicht so viele unschuldige Menschen in Gefahr geraten.

Noch was ist anders an den neuen Protesten. Die meisten Teilnehmer sind jung, viele von ihnen sind Kinder und Teenager – und viele sind Weiße.

Aila Woods (rechts) demonstriert mit ihrer Familie.

Aila Woods (rechts) demonstriert mit ihrer Familie.

"Ich habe zum ersten Mal bei Instagram von George Floyd gehört", sagt Aila Woods, eine 13-Jährige aus Brooklyn, die mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern schon bei zwei Demonstrationen war. Aila, die weiß ist, las Social-Media-Posts von Freunden und Prominenten über den Fall.

"Ich wusste vorher nicht viel über Polizei-Brutalität", sagt Aila, in deren Wohnviertel mehr Weiße als Schwarze leben. "Voriges Jahr hatten wir ein Schulprojekt, bei dem es darum ging. Seitdem habe ich viel darüber gelernt. Jetzt gehen alle zu Protesten, ich auch, und ich habe das Gefühl, dass ich damit etwas verändern kann."

Dieser Artikel erschien in "Dein SPIEGEL" 08/2020.

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