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Die Schrift der alten Ägypter So liest du Hieroglyphen

Vor 200 Jahren gelang die Entschlüsselung der Hieroglyphen. Doch für die allermeisten Menschen sind sie immer noch unverständlich. Hier erklären wir, worauf es beim Lesen der alten Schrift ankommt.
Von Marco Wedig

»Ich hab es«, mit diesen Worten soll der Franzose Jean-François Champollion am 14. September 1822 zu seinem Bruder gerannt sein. Dann fiel er angeblich in Ohnmacht und erholte sich erst fünf Tage später. Der Grund für Champollions Aufregung: Ihm war ein Durchbruch bei der Entschlüsselung der Hieroglyphen gelungen. Dieses Ereignis gilt als Startpunkt für die Ägyptologie, also für die Erforschung der altägyptischen Kultur.

200 Jahre später wissen Expertinnen und Experten ziemlich genau, wie und was die alten Ägypter geschrieben haben. Laien geben die Schriftzeichen aber immer noch Rätsel auf. Zum Beispiel: Wo fängt man überhaupt an zu lesen? »Hieroglyphen werden sowohl von links nach rechts als auch von rechts nach links gelesen«, erklärt der Ägyptologe Michael Höveler-Müller. »Entscheidend ist, in welche Richtung die Lebewesen blicken. Die Ägypter haben sich vorgestellt, dass man als Leser in einen Text eintaucht und dass die abgebildeten Menschen und Tiergestalten einen anschauen würden.« Blickt die Kobra also nach links, fängt man links an zu lesen.

Dein SPIEGEL: Die Fußball-WM in Katar
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»Hast du mal daran gedacht, die WM zu boykottieren?« Das ist eine der Fragen, die zwei Kinderreporter von »Dein SPIEGEL« dem Fußballnationalspieler Leon Goretzka vor dem Turnierstart in Katar stellten. Goretzka sprach mit ihnen auch über die Chancen der Nationalelf und die zunehmende Belastung für die Spieler. Warum Katar die Weltmeisterschaft ausrichten darf, obwohl das Land die Menschenrechte verletzt, erklärt ein weiterer Text. Das Kinder-Nachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk. Eltern können das Heft auch online kaufen:

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Hieroglyphen, die nur eine halbe Zeilenhöhe einnehmen, werden untereinandergeschrieben und von oben nach unten gelesen. Das haben die alten Ägypter als schöner empfunden. Und es war platzsparender. Der Stein oder die Papyrusrolle, auf denen sie schrieben, waren schließlich kostbar.

Hier ein Beispiel: Das folgende Wort wird von links nach rechts und am Ende von oben nach unten gelesen. Es besteht aus vier Zeichen: 𓅱, 𓃀, 𓈖 und 𓇶.

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»Nun könnte man denken, hier steht, dass ein Wachtelküken zum Wasser geht, während die Sonne scheint. Doch das ist das größte Missverständnis», sagt Höveler-Müller. »Hieroglyphen sind keine Bilderschrift, es handelt sich größtenteils um Lautzeichen.« Das Küken steht für den Laut »w«, das Bein für »b«, die Wasserlinie für »n«. Die Sonne ist ein stummes Zeichen. Wir erhalten also die Lautfolge »wbn«.

Und wie spricht man das aus? »Wir werden die altägyptische Sprache wahrscheinlich niemals komplett rekonstruieren können«, sagt Höveler-Müller. »Denn die alten Ägypter haben keine Vokale – also kein a, e, i, o, u – geschrieben.« Die Schrift besteht nur aus Konsonanten, ähnlich wie im Hebräischen oder Arabischen. Manche Hieroglyphen wie 𓅱,𓃀 oder 𓈖 stehen für einen Konsonanten. Es gibt aber auch Zeichen, die für mehrere Konsonanten stehen.

Wenn sie ein Wort, das in Hieroglyphen geschrieben wurde, aussprechen wollen, setzen Ägyptologen wie Höveler-Müller zwischen jeden Konsonanten hilfsweise ein kurzes »e«. »So kommen Wörter zustande, die es im alten Ägypten gar nicht gegeben hat«, sagt Höveler-Müller. »Deswegen sage ich meinen Kurs-Teilnehmenden immer: Wenn ihr eine Zeitreise ins alte Ägypten machen könntet: bloß schreiben, niemals etwas sagen! Sonst werdet ihr womöglich direkt den Krokodilen vorgeworfen.«

Die oben gezeigte Zeichenfolge würde man also »weben« aussprechen. Das hat aber nichts mit dem deutschen Wort zur Stoffherstellung zu tun. »wbn« bedeutet »aufgehen« und bezieht sich auf die Sonne. Das Zeichen 𓇶 weist darauf hin. Es ist ein sogenanntes Deutzeichen, das den Sinn eines Wortes klarstellt.

Deutzeichen machen außerdem klar, wo ein Wort endet. Dies ist bei Hieroglyphen nicht immer einfach zu erkennen, denn die altägyptischen Schreiber benutzten keine Satzzeichen oder Wortzwischenräume. Die letzte Gruppe bilden die Bildzeichen. Sie stehen jeweils für ein ganzes Wort, machen aber nur einen geringen Anteil am gesamten Schriftsystem aus.

750 bis 1000 Zeichen bilden den Kern der hieroglyphischen Schrift. In der Endphase des Alten Ägyptens wuchs die Zeichenanzahl sogar bis auf über 5000 an. Das klingt jetzt erstmal abschreckend. Aber man kann sich Schritt für Schritt herantasten. »Die erste Lektion ist es, das sogenannte Ein-Konsonanten-System zu lernen«, sagt Höveler-Müller. Und das sieht so aus:

Das Ein-Konsonanten-System

Hieroglyphe

Aussprache

Darstellung

𓄿

»a« (lang)

Schmutzgeier

𓇋 / 𓏭

»i«

Schilfblatt / 2 Striche

𓇌

»ii«

2 Schilfblätter

𓂝

»a« (kurz)

Arm

𓅱

»w« oder »u«

Wachtelküken

𓃀

»b«

Bein

𓊪

»p«

Hocker

𓆑

»f«

Viper

𓃭

»l«

Löwe

𓅓 / 𓐞

»m«

Eule / eine Hälfte

𓈖 / 𓋔

»n«

Wasser / Krone

𓂋

»r«

Mund

𓉔

»h«

Hausgrundriss

𓎛

»h« (gehaucht)

Docht

𓐍

»ch« (wie in »Dach«)

?

𓄡

»ch« (wie in »Milch«)

Tierleib mit Zitzen

𓋴 / 𓊃

»s«

gefalteter Stoff / Türriegel

𓈙

»sch«

Teich

𓏘

»q«

Böschung

𓎡

»k«

Korb

𓎼

»g«

Krugständer

𓏏

»t«

Brotlaib

𓍿

»tsch«

Seil mit Knoten

𓂧

»d«

Hand

𓆓

»dsch« (wie in »Jeans«)

Kobra

Oben haben wir gelernt, dass die alten Ägypter keine Vokale geschrieben haben. Warum gibt es im Ein-Konsonanten-System dann Laute, die wie »a« ausgesprochen werden? »Es handelt sich hierbei um einen sogenannten Knacklaut«, sagt Höveler-Müller. »Diesen erzeugen wir ganz leise im hinteren Teil der Mundhöhle, wenn wir zum Beispiel den Namen Adam aussprechen. Dieser Knacklaut ist ein Konsonant.«

Mit dem Ein-Konsonanten-System kannst du nun deine erste Inschrift entziffern. Die folgende Zeichnung zeigt ein Relief aus dem Grab des Seneb. Dieser ägyptische Hofbeamte starb vor über 4000 Jahren. Drei seiner Bediensteten sind hier zu sehen. Über ihren Köpfen stehen ihre Namen. Findest du die Namen der linken und der mittleren Dame heraus? (Die Auflösung erfolgt am Ende dieses Artikels.)

Diese Zeichnung stammt aus einem Grabungsbericht des Ägyptologen Hermann Junker.

Diese Zeichnung stammt aus einem Grabungsbericht des Ägyptologen Hermann Junker.

Foto: Hermann Junker / ÖAW

Übrigens: Im alten Ägypten konnte nur etwa ein Hundertstel der Bevölkerung lesen und schreiben. Alle Beamten mussten es können. Sie wurden deswegen auch Schreiber genannt. Dieser galt als »der höchste aller Berufe«, wie in alten Inschriften zu lesen ist. »Die Ägypter sind davon überzeugt gewesen, dass die Schrift von göttlichen Wesen auf die Erde gebracht worden war«, erklärt Höveler-Müller. »Dabei hat die Entstehung der Schrift vor über 5000 Jahren einen ganz unromantischen Grund: Es ging darum, den Inhalt oder die Herkunft von Gefäßen zu kennzeichnen.« Aber das schmälert die Faszination, die von den alten Zeichen ausgeht, wenn überhaupt, nur ein bisschen.

Zum Weiterlernen: Michael Höveler-Müller: »Hieroglyphen lesen und schreiben. In 24 einfachen Schritten«; C.H.Beck; 256 Seiten; 16,00 Euro.

In der aktuellen Ausgabe von »Dein SPIEGEL« erklären wir, wie es Jean-François Champollion gelang, die Hieroglyphen zu entziffern – und wie vor 100 Jahren das Grab des Tutanchamun entdeckt wurde.

Auflösung: Der Name der links abgebildeten Dame lautet »Impi«. Der Name der in der Mitte gezeigten wird »Ihi« ausgesprochen.

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