Foto: Matthias Schmiedel / DeinSPIEGEL

Earthship-Projekt Ein Haus aus alten Reifen, Dosen und Flaschen

Wie wohnt man, ohne der Natur zu schaden? Im Süden Deutschlands haben sich 26 Menschen zu einer besonderen Gemeinschaft zusammengetan – und ein erstaunliches Gebäude errichtet.
Von Christine Frischke

Max Thulé hat sich die Handschuhe unter den Arm geklemmt und läuft an einem Erdhügel entlang. Sein Atem bildet Wölkchen in der Luft. Das Gras ist von Frost überzogen. Er bleibt stehen und deutet auf ein Stück schwarzes Gummi, das an einer Stelle aus der Erde schaut: »Hier haben wir einen Teil der Reifenwand nachgebaut«, sagt er. Im ganzen Hügel sind alte Autoreifen verbuddelt, ungefähr tausend Stück. Das ist aber kein Fall von Umweltverschmutzung, sondern Teil eines ungewöhnlichen Bauprojekts.

Auf der anderen Seite des Hügels befindet sich ein Hauseingang. Wobei dieses Haus eher an eine Kreuzung aus Raumstation und Hobbit-Höhle erinnert. Die Rückseite ist von Erde bedeckt, vorn erstreckt sich über die gesamte Breite eine schräge Glaswand. Max, 39, hat das Gebäude mit Helfern aus der ganzen Welt gebaut. Neben Reifen haben sie Flaschen, Dosen und gebrauchte Fußböden verwendet.

Dein SPIEGEL: Die Fußball-WM in Katar
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Bauen mit Dingen, die andere wegwerfen. Das war die Idee hinter den Earthships, wie diese Art von Häusern genannt wird. Die Erdschiffe, so die deutsche Übersetzung, sollen außerdem ohne Strom oder Wasser von außen auskommen. Erfunden hat sie der amerikanische Architekt Michael Reynolds. Er baute vor 50 Jahren das erste Earthship aus Bierdosen. Weltweit gibt es inzwischen etwa 3000 davon. Das Earthship, vor dem Max steht, ist das einzige in Deutschland. Es gehört zur Ökosiedlung Tempelhof in Baden-Württemberg.

Mitten im Grünen: Die Siedlung Tempelhof besteht aus Bauwagen, Zeltbauten und dem Earthship-Haus.

Mitten im Grünen: Die Siedlung Tempelhof besteht aus Bauwagen, Zeltbauten und dem Earthship-Haus.

Foto: Matthias Schmiedel

Tempelhof ist ein Ort für Menschen, die in enger Gemeinschaft und möglichst nachhaltig leben wollen. Max zog mit seiner Familie 2012 hierher. Drei Jahre später startete der Bau des Earthships. Sogar Erfinder Michael Reynolds aus den USA half mit.

Zunächst musste die Wand aus Autoreifen stehen. Die Helfer füllten die Reifen mit Erde und klopften anschließend so lange mit dem Hammer darauf, bis die Erde ganz fest zusammengedrückt war. Eine ziemlich anstrengende Arbeit, erzählt Max. »Wenn die Helfer zehn oder mehr Reifen am Tag geschafft hatten, waren sie platt.«

In Restaurants hatten die Helfer mehr als 7000 leere Flaschen gesammelt. Sie sortierten das Glas nach Farben, schnitten die Flaschenhälse ab, klebten zwei Böden mit Klebeband zusammen. Die bunten Glasröhren schmücken die Hauswände und lassen Licht von einem in den anderen Raum.

Auch über dem Eingang leuchten Dutzende Flaschenböden. Max streift die Schuhe ab und betritt den langen verglasten Gang. Es fühlt sich an wie in einem Gewächshaus. Grünpflanzen drücken sich an die Fenster.

Hier wachsen exotische Pflanzen wie Maracujas und Feigen. »Wir haben auch schon bis November Tomaten geerntet«, sagt Max. Heizen müssen die Bewohner nie – das verdanken sie den Autoreifen.

Steht die Sonne im Winter tief, dringen die Strahlen durch die Glasfront und heizen die mit Erde gefüllten Reifen in den Wänden auf. Kühlt es nachts ab, fließt die gespeicherte Wärme zurück in den Raum. Auch Strom produziert ein Earthship mit Solarzellen auf dem Dach selbst.

Im größten Raum stehen auf einer Seite Sofas mit vielen Kissen, in einer Ecke liegt Spielzeug, und an einem Balken hängt eine Gitarre. Die andere Hälfte des Raums nehmen die Küche und ein riesiger Esstisch ein.

»Man fühlt sich wie in einer warmen und trockenen Höhle«, sagt Max. Seine Frau Sarah und eine Mitbewohnerin belegen mit Kindern Flammkuchen fürs Mittagessen.

Das Earthship nutzen derzeit 26 Personen: Familien, Paare, Alleinstehende, Menschen in jedem Alter sind unter den Bewohnern, vom Kleinkind bis zur Oma.

Damit jeder auch mal für sich sein kann, wohnen und schlafen alle in Bauwagen und Zeltbauten, sogenannten Jurten, die rund um das Gebäude aufgestellt sind. »Unser Earthship ist ein Haus mit 14 außen liegenden Zimmern«, erklärt Max.

Wie wollen wir in 100 Jahren leben?
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Wenn sie sich waschen oder auf die Toilette müssen, kommen die Bewohner ins Earthship. Im Badezimmer sind drei Duschen an der Wand montiert, in den Boden ist eine Badewanne eingelassen, über der ein Kronleuchter hängt.

Zum Duschen oder Zähneputzen verwenden die Bewohner nur Produkte, die von Organismen in der Natur zersetzt werden können. Das Duschwasser verschwindet nämlich nicht einfach in der Kanalisation, sondern wird an die Pflanzen im Gewächshaus weitergeleitet. »Wir müssen nie selbst gießen«, sagt Max.

Vom Pflanzbeet fließt das Wasser weiter in die Spülkästen der Toiletten. Auf diese Weise nutzen die Bewohner einen Tropfen Wasser bis zu dreimal.

Außerdem sammeln die Earthship-Bewohnerinnen und -Bewohner auf dem Dach Regenwasser und speichern es in Zisternen, das verwenden sie zum Beispiel für ihre Waschmaschine. Um halb eins sind fast alle Stühle am großen Gemeinschafts-Esstisch besetzt. Die Flammkuchen kommen dampfend aus dem Ofen. Max setzt sich zu seiner Familie. Anders leben als jetzt? Das kann er sich nicht vorstellen.

Zu den Flammkuchen gibt's Kürbissuppe.

Zu den Flammkuchen gibt's Kürbissuppe.

Foto: Matthias Schmiedel

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 02/2021.

»Nachlesen und loslegen«

Im Interview erzählt der Earthship-Erfinder Michael Reynolds, wie er auf die Idee kam, Häuser aus Abfall zu bauen.

Dein SPIEGEL: Wohnen Sie in einem Earthship?

Reynolds: Ja, in einem der ersten, gebaut vor über 30 Jahren in New Mexico USA. Es ist alt und ein bisschen runtergerockt, aber es funktioniert noch immer.

Der Architekt Michael Reynolds, 75, hat sich den Bauplan für die Earthships ausgedacht.

Der Architekt Michael Reynolds, 75, hat sich den Bauplan für die Earthships ausgedacht.

Foto: imago stock / imago images/ZUMA Wire

Dein SPIEGEL: Warum haben Sie sich die Earthships ausgedacht, statt ganz normale Häuser zu bauen?

Reynolds: Schon als junger Architekt hat mir nicht gefallen, dass normale Häuser so viel Energie verbrauchen. Man benötigt teures Material, um sie zu bauen, muss heizen, um sie zu wärmen. Ich habe mit Regen, Sonnenenergie und Weggeworfenem experimentiert, wie das anders gehen könnte. Ich wollte eine Art zu wohnen, die nachhaltig ist und nicht die Probleme der Welt vergrößert. Leider lernen Architekten in ihrer Ausbildung nicht genug über Physik oder Solartechnik. Ich musste mir vieles selbst beibringen und habe ein paar Bücher dazu geschrieben, damit nachfolgende Architektinnen und Architekten es leichter haben.

Dein SPIEGEL: Die Idee der Earthships ist schon jahrzehntealt, aber sie wirkt ganz modern.

Reynolds: Ja, weil sich endlich mehr Menschen Gedanken um Nachhaltigkeit machen. Leider erst jetzt, da die Probleme der Welt immer größer werden: Klimawandel, Umweltverschmutzung. Ich freue mich über das wachsende Interesse an der Earthship-Bauweise.

Dein SPIEGEL: Könnte man auch ganze Städte mit Erdschiffen bauen?

Reynolds: Viele Ideen der Bautechnik kann man auch in größerem Stil anwenden. Ich glaube fest daran, dass man das in Zukunft sogar muss.

Dein SPIEGEL: Kann jeder ein Earthship bauen?

Reynolds: Ja, man muss dafür kein genialer Handwerker sein. Die Bauanleitung für Earthships können alle im Internet nachlesen und dann loslegen – natürlich am besten mit Freunden. Allein würde es sehr lange dauern.

Dein SPIEGEL:Wie überrede ich meine Eltern dazu, aus unserer Wohnung in ein Earthship zu ziehen?

Reynolds: Andere Menschen begeistert man am besten mit Leidenschaft. Vielleicht schaut ihr zusammen den Dokumentarfilm »Garbage Warrior« im Internet. Er handelt von meiner Erfindung.

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