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Europas beste Stuntscooter-Fahrerin Auf dem Sprung

Katharina Albrecht ist Deutsche und Europäische Meisterin im Stuntscooter-Fahren. Auf dem Roller beherrscht sie fast alle Tricks. Doch wie es mit ihrer Karriere weitergeht, ist ungewiss.
Von Marco Wedig

Katharina, von allen Katha genannt, steht am Rand einer Rampe, lehnt sich nach vorne und rast hinunter, geradewegs auf die nächste Rampe zu. Am steilsten Punkt des Hindernisses springt sie ab, die Hände fest am Lenker. Ihr vorderer Fuß stößt das Deck des Scooters von ihr weg. Während Katha in der Luft schwebt, bewegt sie den Lenker so, dass der Scooter eine Dreiviertel-Drehung macht. Dann dreht sie ihn zurück, fängt das Deck mit den Füßen auf, landet und fährt weiter.

Was kompliziert klingt, vollführt Katha in einer flüssigen Bewegung. Der »Kickless«, so heißt dieser Trick, ist einer von sehr vielen, die sie draufhat. Katha ist amtierende Deutsche und Europäische Meisterin im Stuntscooter-Fahren. Sie wird von einem Scooter-Hersteller gesponsert, mehr als 85.000 Leute folgen ihr auf TikTok. Man könnte sagen: Katha ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Es könnte aber auch der Wendepunkt sein.

Im Oktober stehen die Weltmeisterschaften an. Doch ob Katha mitfahren wird, steht noch nicht fest. Sie hat sich zwar qualifiziert. »Aber eigentlich habe ich da Berufsschule«, sagt sie. »Ob es mit der WM klappt, muss ich mit meinem neuen Arbeitgeber klären.« Bald fängt die 20-Jährige eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin an. Schon jetzt arbeitet sie im Rettungsdienst.

»Nach einer Zwölf-Stunden-Schicht bin ich meistens zu platt, um noch in den Skatepark zu gehen.« Früher hing sie dort stundenlang mit ihren Leuten ab. Sie übten neue Tricks, filmten und pushten sich gegenseitig, aßen viel Fast Food. »Heute finde ich für solche langen Sessions kaum noch die Zeit«, sagt Katha. Trotzdem geht sie immer noch regelmäßig Scooter fahren, weil ihr der Sport Spaß macht, aber auch, um Videos für TikTok und Instagram zu produzieren. Dem Sponsor ist das wichtig.

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Dass mit dem Erwachsenwerden neue Verpflichtungen hinzukommen, kennen sicherlich viele Athletinnen und Athleten. Aber dass eine Europameisterin womöglich nicht zur Weltmeisterschaft fährt, weil sie Berufsschule hat, ist schon außergewöhnlich. Hier zeigt sich: Stuntscooter-Fahren ist ein relativ junger Sport, in dem Talentförderung noch nicht so gut funktioniert wie in anderen Sportarten.

Tretroller sind schon seit etwa 100 Jahren ein beliebtes Kinderspielzeug. Aber die stabilen Stuntscooter-Sportgeräte, auf denen man über Rampen springen kann, wurden erst im Verlauf der vergangenen 20 Jahre entwickelt. Einen Verband, der den Sport in Deutschland fördert, gibt es bis heute nicht. Und das, obwohl man in vielen Skateparks mehr Stuntscooter als Skateboards sieht.

Katha erzählt von einer Rivalität zwischen Stuntscooter- und Skateboard-Fahrenden. »Ich wurde schon öfter von Skatern angerempelt«, sagt sie. Viele würden die Stuntscooter-Fahrenden nicht ernst nehmen. Vielleicht, weil der Sport etwas leichter zu erlernen ist als das Skateboarden. Das macht das Scooterfahren auch für viele Kinder attraktiv. »Doch manche jungen Anfänger nehmen im Skatepark keine Rücksicht auf andere.« Auch das führe zu Konflikten mit den Skateboardern.

Im vergangenen Sommer wurden bei den Olympischen Spielen in Tokio erstmals Skateboard-Wettkämpfe ausgetragen. Wenn eine Sportart olympisch wird, bedeutet das: mehr Aufmerksamkeit, aber auch mehr Förderung – also Geld, das Vereine in die Nachwuchsarbeit stecken können. Es gibt ein paar Leute, die daran arbeiten, dass auch das Stuntscooter-Fahren olympisch wird. »Doch dass ich das während meiner aktiven Karriere noch erleben werde, glaube ich nicht«, sagt Katha.

Immerhin: Seit zehn Jahren gibt es Stuntscooter-Weltmeisterschaften. Bei den ersten Wettbewerben gewann der US-Amerikaner Dakota Schuetz. Er war es, der Katha zum Scooterfahren brachte. Auf YouTube sah sie Videos von ihm – und war fasziniert. Sie kramte einen alten Tretroller aus der Abstellkammer hervor und begann, sich selbst Hindernisse zu bauen. »Die habe ich dann auf die Straße gestellt, sodass die Trecker bei mir im Dorf drum herumfahren mussten«, sagt Katha. Das war vor sieben Jahren.

Safety first: Katharina trägt einen Helm beim Scooterfahren. Schlimmere Verletzungen hat sie noch nicht davongetragen. Wenn sie Sprünge übt, schmerzen hinterher aber manchmal ihre Füße – wegen des harten Aufpralls.

Safety first: Katharina trägt einen Helm beim Scooterfahren. Schlimmere Verletzungen hat sie noch nicht davongetragen. Wenn sie Sprünge übt, schmerzen hinterher aber manchmal ihre Füße – wegen des harten Aufpralls.

Foto: Bettina Theuerkauf / Dein SPIEGEL

Sie begann, sich beim Fahren zu filmen. Ein Sponsor wurde darauf aufmerksam. Bald unterstützte er Katha. Sie ging nun öfter in Skateparks, meist war sie dort die einzige Fahrerin unter lauter Jungs. Bald folgten erste Wettkämpfe. Voriges Jahr war es dann so weit: Die erste deutsche Stuntscooter-Meisterschaft wurde in Hamburg ausgetragen. Und Katharina traute sich das erste Mal in einem Wettbewerb, einen »Front Flip« zu machen, also eine Vorwärtsrolle mit dem Scooter in der Luft.

Sie gewann die Meisterschaft in der Park-Disziplin, bei der es um spektakuläre Sprünge geht. Und auch in der Street-Disziplin, bei der eher die Grinds über Geländer und andere Hindernisse im Vordergrund stehen, räumte sie ab. Wenige Monate später folgte die Europameisterschaft. Im Finale gab die Jury ihr die höchste Punktzahl. Dabei wurde die Kreativität, aber auch die Genauigkeit beim Ausführen der Tricks bewertet.

Katha hat also fast alles erreicht, was man im Scooter-Sport erreichen kann. Nur die Weltmeisterschaft fehlt eben noch. Und zwei weitere Wünsche stehen auf ihrer Liste: »Ich möchte einmal einen ›Flair‹ landen.« Bei diesem Trick vollführt die Fahrerin eine Rückwärtsrolle und im Anschluss eine halbe Drehung. »Und ich möchte einen Scooter mit meinem Namen drauf herausbringen.«

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 09/2022.

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