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Britta Pedersen/ dpa

Für Kinder erklärt Der Streit um die Radwege

Radfahren liegt im Trend, es ist umweltfreundlich und gesund. Doch auf vielen Radwegen macht das Fahren keinen Spaß: Sie sind schmal, kurvig und bieten keinen Schutz vor Autos. Immer mehr Leute fordern deshalb mehr Platz fürs Rad.
Von Patrick Blume

Selbst Regen kann Malte nicht aufhalten. Der Dreizehnjährige fährt fast jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule. "Wenn ich mal nass werde, stört mich das nicht. Am Ende der ersten Stunde ist alles wieder trocken", sagt er.

Trotzdem ist Malte von ein paar Dingen genervt, wenn er mit dem Rad in der Stadt unterwegs ist. "Manche Autofahrer nehmen keine Rücksicht auf Radfahrer", sagt er. Und die Radwege könnten besser sein: "Oft wird man da schlecht gesehen. Oder es gibt Schlaglöcher, das ist echt nervig."

So wie Malte geht es vielen Radfahrern. In einer Umfrage des "Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs" (ADFC) bewerteten sie, wie fahrradfreundlich deutsche Städte sind. Im Durchschnitt vergaben sie die Note 4+. Vor allem alte Radwege sind oft viel zu schmal, führen im Zickzack zwischen Bäumen und Parkplätzen hindurch, oder sie werden durch Schlaglöcher zu richtigen Buckelpisten.

Bis man zehn Jahre alt ist, darf man auf dem Gehweg radeln, bis acht muss man es sogar. Neben Fußgängern und Tischen von Cafés und Restaurants ist dort aber oft nur wenig Platz.

Bis man zehn Jahre alt ist, darf man auf dem Gehweg radeln, bis acht muss man es sogar. Neben Fußgängern und Tischen von Cafés und Restaurants ist dort aber oft nur wenig Platz.

Foto: R.Price/ snapshot-photography

Aber selbst neu gebaute Wege machen Radfahrer nicht immer glücklich. Denn es gibt verschiedene Ansichten darüber, was einen guten Radweg ausmacht. In deutschen Städten gibt es vor allem zwei Arten: auf der Fahrbahn aufgemalte Spuren und Wege, die auf dem Bürgersteig verlaufen.

Fachleute sagen, die aufgemalten Spuren seien sicherer. Denn die haben Autofahrer gut im Blick. Sie werden an Kreuzungen und Einfahrten nicht von Radfahrern überrascht, die auf dem Bürgersteig hinter parkenden Autos, Bäumen und Plakatwänden unterwegs sind.

Fakten aus der Fahrrad-Forschung

Manchmal passieren Radlern schlimme Unfälle. Und es muss noch viel getan werden, damit es weniger werden. Das heißt aber nicht, dass Radfahren besonders gefährlich ist. Forscher haben nachgerechnet: Ein tödlicher Fahrrad-Unfall passiert im Schnitt alle 100 Millionen Kilometer, das entspricht 2500 Erdumrundungen. Das ist extrem selten und sogar seltener als bei Fußgängern.

Viele Menschen fühlen sich allerdings nicht besonders wohl, wenn nur ein bisschen weiße Farbe sie von schnellen Autos und schweren Lastwagen trennt. Und auch wenn es eigentlich verboten ist: Oft parken Autos auf den Radspuren, und Radler müssen auf die Autospur ausweichen.

Wie aber sieht ein Weg aus, auf dem Radfahrer sicher sind und sich auch so fühlen? Eine Lösung können "protected bike lanes" sein, also "geschützte Fahrradspuren". Sie verlaufen gut sichtbar direkt neben der Fahrbahn, sind aber durch Poller von den Autos getrennt. Und sie sind breit: mindestens zwei Meter, damit man auch überholen und nebeneinander fahren kann.

Diese Radspur wurde 2019 in Berlin eröffnet. Sie ist breit, Radfahrende werden von der Autospur aus gut gesehen, und die Poller verhindern das Parken von Autos.

Diese Radspur wurde 2019 in Berlin eröffnet. Sie ist breit, Radfahrende werden von der Autospur aus gut gesehen, und die Poller verhindern das Parken von Autos.

Foto: K.M.Krause / snapshot-photography / imago images

Die Idee für solche Radspuren kommt aus den USA. Auch in Dänemark und den Niederlanden sind Radwege fast überall breit und von Autoverkehr und Fußgängern getrennt.

Seit Kurzem gibt es "protected bike lanes" auch in Deutschland, in Osnabrück und Berlin. Bislang sind es zusammengenommen aber nur wenige Kilometer. Denn für die breiten Radwege muss meist eine Autospur oder ein Parkstreifen wegfallen. Das gehe nicht, behaupten Politiker dann oft: Die vielen Autos, die es nun einmal gibt, müssten ja irgendwo fahren und parken.

Doch Fachleute sehen das inzwischen genau andersrum. Sie sagen: Breite Straßen und viele Parkplätze locken Autofahrer geradezu an. Würde man das ändern, würde der Autoverkehr von ganz allein weniger.

Gleichzeitig zeigen Länder wie Dänemark und die Niederlande: Kommt man auf Radwegen sicher, schnell und entspannt voran, werden sie auch viel genutzt. Von zehn Wegen legen die Niederländer im Schnitt fast drei per Fahrrad zurück, die Dänen zwei. Wir Deutschen radeln gerade mal einen von zehn Wegen.

Auch deutsche Politiker wollen, dass mehr geradelt wird. Aber dafür Autofahrern Platz wegnehmen? Das tun sie dann doch oft nicht.

Mehr Platz fürs Fahrrad gibt es in vielen Städten zumindest einmal im Monat. Dann treffen sich Hunderte, manchmal sogar Tausende Menschen für eine gemeinsame Radtour. "Critical Mass" heißt die Veranstaltung, also "kritische Masse". Die Teilnehmer wollen zeigen: Wir sind so viele, dass ihr uns nicht länger ignorieren könnt. Die große Gruppe nimmt die Straße komplett ein. Autos müssen ausnahmsweise warten, bis das Rad-Rudel vorbei ist.

Alles so schön grün hier!

Auf einigen Rad-Schnellwegen in Kopenhagen gibt es eine grüne Welle. Wer mit 20 Kilometern pro Stunde radelt, kommt immer nur an grüne Ampeln. Kleine, im Boden eingelassene Lämpchen zeigen schon vor der Ampel, ob man im richtigen Tempo unterwegs ist.

Auch Malte ist schon einmal bei der Critical Mass mitgefahren. "Hoffentlich merken dadurch mehr Autofahrer, dass sie nicht alleine im Verkehr sind", sagt er. Weil sichere Radwege für Kinder ganz besonders wichtig sind, gibt es in manchen Städten inzwischen sogar eine "Kidical Mass", bei der vor allem Kinder, Jugendliche und Familien mitfahren.

Aber auch wenn nicht gerade eine Massen-Radtour stattfindet, gilt: Je mehr Menschen in einer Stadt Rad fahren, desto sicherer ist es für jeden Einzelnen. Das haben Verkehrsforscher in vielen Untersuchungen herausgefunden. Denn wenn ihnen immer und überall Radler begegnen, sind Autofahrer viel geübter im Umgang mit ihnen. Jeder einzelne Mensch auf einem Fahrrad sorgt also automatisch für ein kleines bisschen mehr Sicherheit für alle.

Dieser Artikel erschien in "Dein SPIEGEL" 09/2019.

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