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Für Kinder erklärt Warum der Feldhamster vom Aussterben bedroht ist

Haustiere haben oft ein gutes Leben. Ihre Besitzer kümmern sich um sie und stellen Futter bereit. Doch Haustiere haben wild lebende Verwandte. Und manche haben es ganz schön schwer - so wie der Feldhamster.
Von Patrick Blume

Kurz nach der Getreideernte im Juli, irgendwo in der Nähe der Stadt Mainz. Rund 20 Menschen streifen mit ein paar Meter Abstand über die Stoppelfelder. Ihre Blicke tasten konzentriert den Boden ab: Sie sind auf der Suche nach Feldhamstern. Oder, genauer, nach Löchern, die zu den unterirdischen Hamsterbauen führen.

Feldhamster sind Verwandte der Goldhamster, die manche Menschen als Haustier halten. Anders als die Goldhamster stehen Feldhamster in der Europäischen Union unter strengem Naturschutz. Es gibt nur noch sehr wenige von ihnen. Deshalb auch die Suchaktion, die in einigen Regionen jedes Jahr stattfindet. So erfahren Bauern, Behörden und Naturschützer, wo es überhaupt noch Hamster gibt und ob es mehr oder weniger werden. Auf vielen Feldern finden die Helferinnen und Helfer kein einziges Hamsterloch.

Löcher wie dieses führen zu den unterirdischen Hamsterbauen.

Löcher wie dieses führen zu den unterirdischen Hamsterbauen.

Foto: Katja Fuchs

Das war einmal anders: In einem Tierbuch aus dem Jahre 1883 heißt es: "Fruchtbare Getreidefelder gewähren dem Hamster Aufenthalt und Nahrung. Wo er vorkommt, tritt er häufig, manchmal in ganz unglaublichen Scharen auf." Damals wurden die Nagetiere mitunter zu einer Plage für die Menschen. Viele Leute hatten selbst kaum genug zum Überleben. Und gleichzeitig gab es viele Hamster, die ihnen die knappe Ernte streitig machten. Bis zu vier Kilogramm Körner und andere Samen schleppt ein Hamster in den Sommermonaten bis Anfang Herbst in seinen Bau, als Vorrat für den Winter. Darum begannen die Menschen, die Hamster zu jagen. An einigen Orten gab es eine Belohnung für jeden tot abgelieferten Hamster. Das klingt grausam. Aber die Menschen wussten sich nicht anders zu helfen. Außerdem war das Fell des Hamsters begehrt.

Dein SPIEGEL: Die Fußball-WM in Katar
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»Hast du mal daran gedacht, die WM zu boykottieren?« Das ist eine der Fragen, die zwei Kinderreporter von »Dein SPIEGEL« dem Fußballnationalspieler Leon Goretzka vor dem Turnierstart in Katar stellten. Goretzka sprach mit ihnen auch über die Chancen der Nationalelf und die zunehmende Belastung für die Spieler. Warum Katar die Weltmeisterschaft ausrichten darf, obwohl das Land die Menschenrechte verletzt, erklärt ein weiterer Text. Das Kinder-Nachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk. Eltern können das Heft auch online kaufen:

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Heute ist Getreide in Deutschland nicht mehr knapp. Im Jahr 2019 ernteten Bauern auf einem 100 mal 100 Meter großen Feld 7400 Kilogramm Weizen. Vor 60 Jahren noch war es weniger als die Hälfte. Das liegt unter anderem an besseren Düngern, neuen Weizensorten und an Spritzmitteln gegen Unkraut, Krankheiten und schädliche Insekten.

Eigentlich gibt es also genug Getreide, um ein paar Hamster mit durchzufüttern. Sie zu jagen ist auch längst verboten. Das Problem ist: Die Feldhamster bekommen zu wenig von der Ernte ab. Denn heute wird mit sehr gründlich arbeitenden Maschinen geerntet, die kaum eine Ähre auf dem Feld zurücklassen. Von einem Tag auf den anderen verwandelt sich das Getreidefeld in eine öde Landschaft ohne Nahrung und Verstecke vor Greifvögeln und Füchsen. Zudem reifen moderne Getreidesorten schneller und werden eher geerntet als früher, oft schon im Juli. Im August, wenn die Hamster dringend Wintervorräte anlegen müssen, sind die Felder meist schon kahl.

Wilde Verwandtschaft

Behörden und Artenschützer wollen die verbliebenen Hamster retten. Sie versuchen, die Bauern davon zu überzeugen, ihre Felder wieder etwas hamsterfreundlicher zu gestalten. Etwa indem sie bei der Ernte hier und da ein bisschen Getreide stehen lassen. Oder indem sie am Rand der Äcker Pflanzen säen, die den Hamstern nach der Ernte Nahrung und Deckung vor Greifvögeln bieten.

Für viele Landwirte klingt das erst einmal komisch. Sie stehen unter großem Druck, möglichst billig Nahrungsmittel zu produzieren. Sie fürchten um ihren ohnehin schon knappen Gewinn, wenn sie den Hamstern zuliebe auf einen Teil der Ernte verzichten. Deshalb bekommen sie einen Ausgleich vom Staat, wenn sie ihre Felder hamsterfreundlicher gestalten.

In einem alten Buch über Hamster macht sich der Autor über die damals so zahlreichen Hamster lustig. Er beschreibt, wie ein Hamster versucht, einen Hund in die Flucht zu schlagen: "Dabei richtet er sich auf und springt in dieser Stellung gegen seinen Feind in die Höhe, und wenn dieser weicht, ist er kühn genug, ihn zu verfolgen, indem er ihm wie ein Frosch nachhüpft. Die Plumpheit und Heftigkeit seiner Bewegungen sehen dabei so lustig aus, dass man sich des Lachens kaum erwehren kann."

Sollten solche Szenen irgendwann wieder selbstverständlich zu einem Feldspaziergang gehören, wäre das tatsächlich ein Grund zum Lachen. Dann hätten es die Feldhamster geschafft.

Dieser Artikel erschien in "Dein SPIEGEL" 09/2020.

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