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Steffen Jänicke / Dein SPIEGEL

Generalinspekteur der Bundeswehr »Bei uns werden noch Sachen benutzt, die eigentlich veraltet sind«

Eberhard Zorn ist der oberste Soldat Deutschlands. Die Kinderreporterinnen erfuhren von ihm, was Abschreckung bedeutet und warum die Bundeswehr jetzt für 100 Milliarden Euro neue Ausrüstung kaufen darf.
Redaktionelle Begleitung: Claudia Beckschebe

Dein SPIEGEL: Kann man Ihren Beruf »Generalinspekteur« mit »Chef-Soldat« übersetzen?

Zorn: Wir bei der Bundeswehr sagen »oberster Soldat«, aber »Chef-Soldat« passt auch ganz gut.

Dein SPIEGEL: Wie reagieren Passanten auf Sie in Ihrer auffälligen Uniform?

Zorn: Ich komme leider viel zu wenig dazu, längere Strecken zu Fuß zu gehen. Deshalb sind die Möglichkeiten für spontane Unterhaltungen eher begrenzt. Außerdem werde ich von Personenschützern begleitet, das macht es nicht einfacher. Interessierte Blicke gibt es, wenn ich mit großen schwarzen Autos abgeholt werde oder irgendwo vorfahre. Mir ist der Austausch mit den Menschen aber sehr wichtig, daher versuche ich, so oft wie möglich an Gesprächen teilzunehmen, zum Beispiel an Diskussionsveranstaltungen oder Interviews wie diesem.

Dein SPIEGEL: Wer muss alles auf Sie hören?

Zorn: Ich bin Chef der etwa 180.000 Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr. Meine engsten Mitarbeiter sind etwa 40 Frauen und Männer. Wir arbeiten alle auf dem gleichen Flur hier im Verteidigungsministerium.

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Dein SPIEGEL: Fühlen Sie sich manchmal mächtig?

Zorn: Nein, ich empfinde mich nicht als mächtig, sondern verantwortlich für unsere Soldatinnen und Soldaten.

Dein SPIEGEL: Arbeiten Sie immer im Verteidigungsministerium in Berlin?

Zorn: Ich mache auch viele Reisen und besuche unsere Truppen bei ihren Auslandseinsätzen. Ich bin für die Nato unterwegs und bei der Europäischen Union.

Mit Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (links) arbeitet Eberhard Zorn (rechts) eng zusammen. Hier sind sie bei Lambrechts feierlichem Dienstantritt zu sehen

Mit Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (links) arbeitet Eberhard Zorn (rechts) eng zusammen. Hier sind sie bei Lambrechts feierlichem Dienstantritt zu sehen

Foto: Mike Schmidt / picture alliance / dpa

Dein SPIEGEL: Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben als Generalinspekteur?

Zorn: Es gibt fünf. Erstens: die Beratung der Politik in militärischen Fragen. Dafür treffe ich den Bundeskanzler Olaf Scholz, die Verteidigungsministerin Christine Lambrecht und die Bundestagsabgeordneten, die im Verteidigungsausschuss arbeiten. Zweite Aufgabe: die truppendienstliche Führung, also Chef über die Soldatinnen und Soldaten. Drittens sind die Auslandseinsätze unter meiner Führung, zum Beispiel im Irak, in Litauen – überall dort, wo die Bundeswehr stationiert ist. Die vierte Aufgabe ist die Streitkräfte-Planung. Dabei stelle ich zusammen, was die Bundeswehr braucht – und schlage damit auch vor, wofür wir Geld ausgeben wollen. Und fünftens kümmere ich mich um die internationale Zusammenarbeit. Da arbeite ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen von Nato und Europäischer Union zusammen.

Dein SPIEGEL: Können Sie mal ein konkretes Beispiel beschreiben?

Zorn: Jetzt im Ukrainekrieg berate ich die Bundesregierung militärisch. Ich habe mit meinem Team besprochen, wie viele Soldatinnen und Soldaten in die Slowakei geschickt werden sollten, welche Ausrüstung sie brauchen und was sie dort machen sollen. Das haben wir dann vorgeschlagen. Darüber entscheiden darf ich selbst nicht. Denn wir haben in Deutschland das »Primat der Politik«. Das heißt, Regierung und Bundestag entscheiden am Ende über den Einsatz der Streitkräfte.

Dein SPIEGEL: Was ist die Aufgabe der Bundeswehr im Ukrainekrieg?

Zorn: In der Ukraine selbst hat die Bundeswehr keine Aufgabe. Unsere Soldatinnen und Soldaten sind nicht dort oder in Russland, denn wir sind keine Kriegspartei. Und die Ukraine ist nicht im Nato-Bündnis. Aber wir sind in den Nato-Nachbarländern der Ukraine vor Ort, um abzuschrecken.

Dein SPIEGEL: Was ist mit Abschreckung gemeint?

Zorn: Im Nato-Bündnis haben sich 30 Staaten zusammengetan und einander versprochen, sich zu helfen, sollten sie angegriffen werden. Zusammen sind wir so stark, dass ein Gegner sich eher nicht trauen wird anzugreifen. Er ist abgeschreckt.

Dein SPIEGEL: Haben Sie Angst, dass Russland auch andere Länder als die Ukraine angreift?

Zorn: Momentan spricht nichts dafür. Aber deswegen ist der Krieg trotzdem schrecklich. Es gibt schon so viele Opfer, Menschen fliehen, Familien sind getrennt. Und Russland ist eine Großmacht, die Atomwaffen besitzt, also ein gefährlicher Gegner. Deswegen muss alles dafür getan werden, dass dieser furchtbare Krieg schnellstmöglich beendet wird.

Dein SPIEGEL: Vor Kurzem wurde beschlossen, dass die Bundeswehr 100 Milliarden Euro für neue Ausrüstung ausgeben darf. War die Ausrüstung bisher schlecht?

Zorn: In den vergangenen 20 Jahren hatte die Bundeswehr Aufgaben, bei denen andere Ausrüstung wichtiger war als jene für die Landesverteidigung. Wir haben bei Krisen in Afrika oder auf dem Balkan eher humanitäre Mittel gebraucht, zum Beispiel Medikamente oder Sanitätsausstattung. Für Dinge wie Munition oder Ersatzteile, die man für die Verteidigung braucht, haben wir weniger ausgegeben. So kam es, dass bei uns noch Sachen benutzt werden, die eigentlich veraltet sind. Wir haben einen großen Hubschrauber, der schon länger bei der Bundeswehr ist als ich – über 40 Jahre! Das Gleiche gilt für den Panzer namens »Marder«. Das ist nicht gut, denn wie bei einem alten Auto funktionieren da dann irgendwann Teile nicht mehr gut, müssen teuer ersetzt werden. Da müssen wir modernisieren.

Alt, aber noch im Dienst: Der Hubschrauber »Sea King« ist seit den Siebzigerjahren für die Bundeswehr im Einsatz

Alt, aber noch im Dienst: Der Hubschrauber »Sea King« ist seit den Siebzigerjahren für die Bundeswehr im Einsatz

Foto: Ralph Peters / IMAGO
Auch den Schützenpanzer »Marder« verwendet die Bundeswehr seit über 40 Jahren

Auch den Schützenpanzer »Marder« verwendet die Bundeswehr seit über 40 Jahren

Foto: Patrik Stollarz / AFP

Dein SPIEGEL: Schreiben Sie die Waffen-Einkaufsliste für die Bundeswehr?

Zorn: Ja, das gehört zu der Aufgabe »Streitkräfte-Planung«. Natürlich helfen mir Leute dabei rauszufinden, was wo gebraucht wird. Einen Großteil des Geldes wollen wir für die Digitalisierung ausgeben, also dafür, dass unsere Leute alle mit modernen Laptops und Handys ausgestattet werden und auch die Technik in den Fahrzeugen digitalisiert wird.

Kinderreporterin Thelma geht in die Klasse 6 der Rosa-Parks-Grundschule in Berlin. Mit Nora ist sie schon seit dem Kindergarten befreundet. In ihrer Freizeit übt sie Akrobatik und Einrad im Zirkus

Kinderreporterin Thelma geht in die Klasse 6 der Rosa-Parks-Grundschule in Berlin. Mit Nora ist sie schon seit dem Kindergarten befreundet. In ihrer Freizeit übt sie Akrobatik und Einrad im Zirkus

Foto: Steffen Jänicke / Dein SPIEGEL

Dein SPIEGEL: Kann die Bundeswehr mit der neuen Ausrüstung Deutschland sichern?

Zorn: Ja, aber nicht allein. 180.000 Soldatinnen und Soldaten würden nicht ausreichen für ein so großes Land. Das ist auch nicht die Idee der Bundeswehr. Wir sind definitiv eine Bündnis-Armee. Zusammen mit unseren Nato-Partnern sind wir stark. Allein sind wir zu wenige. Wir wollen aber auch keine Angriffskriege führen.

Kinderreporterin Nora besucht ebenfalls die 6. Klasse der Rosa-Parks-Grundschule. Ihr Hobby ist Fußball. Noras Position: Abwehr, rechts

Kinderreporterin Nora besucht ebenfalls die 6. Klasse der Rosa-Parks-Grundschule. Ihr Hobby ist Fußball. Noras Position: Abwehr, rechts

Foto: Steffen Jänicke / Dein SPIEGEL

Dein SPIEGEL: Wieso hat Deutschland das Geld, das jetzt für die Bundeswehr bereitgestellt wurde, nicht der Ukraine gespendet?

Zorn: Wir haben als Bundeswehr einen Verfassungsauftrag. Im Gesetz steht also, dass wir für die Landesverteidigung bereit sein müssen. Dafür brauchen wir gute Ausrüstung. Und wir haben unseren Partnern in der Nato ja ebenfalls versprochen, im Angriffsfall helfen zu können. Deswegen ist es wichtig, dass wir das Geld auch dafür jetzt ausgeben. Die Ukraine bekommt trotzdem Geld, Hilfsmittel und auch Waffen von Deutschland.

Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 06/2022.

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