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Für Kinder erklärt Darum geht es bei den Protesten in Iran

Wütende Rufe, hochgereckte Fäuste, abgeschnittene Haare: In Iran gibt es seit Wochen heftige Proteste. Hier erklären wir die Hintergründe.
Text & Protokolle: Claudia Beckschebe und Deborah Weber

Was passiert in Iran?

Tausende Menschen demonstrieren, besonders viele der Demonstrierenden sind weiblich. Sie fordern Gleichberechtigung, wollen also die gleichen Rechte wie Männer haben. Als Zeichen dafür gehen Frauen ohne Kopftuch auf die Straße. Das ist nicht erlaubt in Iran. Viele Frauen schneiden sich auch die Haare ab, um zu zeigen, dass sie selbst bestimmen wollen. Das Regime reagiert brutal auf die Proteste, viele Menschen werden verletzt oder sogar getötet. Außerdem hat die Regierung das Internet gesperrt oder eingeschränkt, sodass es schwierig ist, Informationen zu teilen.

Dein SPIEGEL: Die Fußball-WM in Katar
Foto: Dein SPIEGEL

»Hast du mal daran gedacht, die WM zu boykottieren?« Das ist eine der Fragen, die zwei Kinderreporter von »Dein SPIEGEL« dem Fußballnationalspieler Leon Goretzka vor dem Turnierstart in Katar stellten. Goretzka sprach mit ihnen auch über die Chancen der Nationalelf und die zunehmende Belastung für die Spieler. Warum Katar die Weltmeisterschaft ausrichten darf, obwohl das Land die Menschenrechte verletzt, erklärt ein weiterer Text. Das Kinder-Nachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk. Eltern können das Heft auch online kaufen:

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Warum gibt es dort Proteste?

Die Menschen sind wütend. Auf die Regierenden, die als korrupt gelten, sich also Geld in die eigenen Taschen stecken sollen, während es vielen Iranerinnen und Iranern schlecht geht. Wütend über die Preise, die immer weiter steigen. Und vor allem wütend, weil man nicht frei seine Meinung sagen darf, weil man sonst wahrscheinlich festgenommen wird oder Gewalt erlebt. Diese Wut hat sich lange aufgestaut. Die Menschen demonstrieren gegen die Scharia. Sie umfasst religiöse Gesetze und Verhaltensregeln, die die Menschen in Iran seit Jahrzehnten befolgen müssen:

• Frauen dürfen ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns nicht arbeiten oder ins Ausland reisen. Außerdem müssen sie ihre Haare mit einem Kopftuch bedecken und locker sitzende Kleidung tragen, die Arme und Beine verhüllt.

• Männer und Frauen dürfen nicht zusammen spazieren gehen, wenn sie nicht verheiratet sind.

• Manche Filme, Bücher und Zeitungen sind verboten.

• Viele Kulturveranstaltungen wie Konzerte oder Theaterstücke dürfen nicht stattfinden.

• Pärchen dürfen sich auf iranischen Straßen nicht küssen.

• In Iran herrscht ein offizielles Tanzverbot.

Wann haben die Proteste angefangen?

Jina Mahsa Amini starb in einem Teheraner Krankenhaus. Zuvor war sie von der Sittenpolizei festgenommen worden.

Jina Mahsa Amini starb in einem Teheraner Krankenhaus. Zuvor war sie von der Sittenpolizei festgenommen worden.

Foto: ZUMA Wire / IMAGO

Am 13. September 2022 wurde die 22-jährige Jina Mahsa Amini verhaftet, weil sie ihr Kopftuch angeblich zu locker getragen haben soll. Besonders Frauen werden in Iran schon lange unterdrückt, eine sogenannte Sittenpolizei kontrolliert, ob sich alle an die strengen Regeln halten. Diese Sittenpolizei war es auch, die Jina festnahm. Kurze Zeit später starb die 22-Jährige. Sehr wahrscheinlich hat die Sittenpolizei sie umgebracht. Als Jinas Tod bekannt wurde, begannen die Demonstrationen.

»Das ist der Beginn einer Revolution«

Nicki, 22 *

»Vor drei Jahren war ich das letzte Mal in Iran. Ich erinnere mich noch genau an die einschüchternden Blicke der Sittenpolizei. Wir mussten im Auto immer darauf achten, dass das Kopftuch richtig sitzt. Wenn man zu viel Haar sieht, erfasst die Polizei das Kennzeichen, schickt Ermahnungen per Brief, und im schlimmsten Fall wird das Auto lahmgelegt. Alles, damit Frauen ihre Haare nicht öffentlich zeigen. Vor dem Rückflug wird man so streng kontrolliert, als hätte man etwas geklaut. Zurück in Deutschland war ich froh, in meinen Alltag zurückzukehren. Ich finde, Frauen sollen selbst entscheiden, ob sie sich verschleiern wollen. Doch die Menschen in Iran können nicht einfach so wegfliegen. Für sie sind diese Regeln Alltag.

Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Meine Eltern kommen aus Iran, leben aber seit Jahrzehnten in Deutschland. Sie wollten, dass meine Schwester und ich in Freiheit leben können. Ein großer Teil meiner Verwandtschaft lebt noch in Iran. Früher wollte ich so oft wie möglich dorthin fliegen, um meine Großeltern zu besuchen und die Kultur zu erleben. Wir haben häufig die Sommerferien dort verbracht. Damals dachte ich, dass ich gerne ein paar Monate in Iran leben würde. Doch inzwischen kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Ich würde meine Freiheit aufs Spiel setzen.

Vor den Protesten hatten wir täglich Kontakt zu meinen Verwandten, aber jetzt hören wir uns höchstens einmal pro Woche, wenn ihre Internetverbindung stabil ist. Im September, zu Beginn der Proteste, war das Internet in Iran gesperrt. Es war, als wären meine Verwandten gar nicht da. Ich wusste nichts, konnte niemanden erreichen. Bei all den schrecklichen Berichten und Bildern habe ich mir große Sorgen um meine Familie gemacht. Wenn wir jetzt telefonieren, frage ich sie so wenig wie möglich. Die Telefone werden überwacht, und ich habe Angst, dass meine Fragen jemanden in Gefahr bringen könnten. Menschen werden dort nachts abgeholt, landen im Gefängnis, dürfen sich nicht mal einen Anwalt nehmen...ich will lieber kein Risiko eingehen.

Trotzdem finde ich es beeindruckend, dass die Menschen dort den Mut haben weiterzukämpfen. Dass sie auf die Straße gehen, auch wenn das gefährlich ist. Die Leute fordern nur Dinge, die in Deutschland normal sind. Dass Frauen selbst entscheiden dürfen, was sie anziehen und welchen Beruf sie ausüben wollen. Dass Männer und Frauen Händchen halten oder sich in der Öffentlichkeit küssen können. Frauen sind in Iran nichts wert, sie haben keine Rechte. Wir werden überall benachteiligt. Ich habe die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft. Wenn ich meinen iranischen Pass beantrage, muss mein Vater für mich unterschreiben. In Deutschland darf ich das allein, seit ich volljährig bin.

Auch viele Männer in Iran sind für Gleichberechtigung: Sie feiern die Frauen dafür, dass sie ohne Kopftuch auf die Straße gehen, und verbeugen sich vor ihnen. Ich glaube daran, dass all diese Kämpfe nicht umsonst sind. Das sind inzwischen nicht mehr nur Proteste. Das ist der Beginn einer Revolution.«

Wer protestiert?

Anfangs sind vor allem junge Frauen auf die Straße gegangen. Sie waren besonders geschockt von Jinas Tod. Auch Männer protestieren und sogar Schulkinder. Alle fordern vom Regime Freiheit: Sie wollen nicht mehr unterdrückt werden. Dafür erhalten sie Unterstützung von vielen Menschen weltweit.

Wer stellt die strengen Regeln auf – wer hat das Sagen?

Ali Khamenei ist der mächtigste Mann in Iran: Er ist der religiöse und politische Führer. Er hat das Sagen über die Armee und die Polizei. Er hat die Polizisten beispielsweise angewiesen, die Proteste notfalls mit Gewalt zu stoppen. In den vergangenen Jahren sind die Regeln immer strenger und die Strafen immer härter geworden.

»Die Menschen, die dort protestieren, haben die gleichen Wünsche nach Freiheit wie Menschen anderswo«

Farangis, 41 *

»In den vergangenen Wochen sah man im deutschen Fernsehen Videoaufnahmen vom brennenden Evin-Gefängnis in Teheran, der iranischen Hauptstadt. In diesem Gefängnis werden politisch Verfolgte weggesperrt und schikaniert. Mein Vater wurde dort umgebracht. Das war 1981. Er war von 15 Leuten zu Hause abgeholt worden, meine Mutter war damals schwanger mit mir. Sie brachte mich zur Welt, während er eingesperrt war. Sie schickte eine Botschaft zu ihm ins Gefängnis, um zu fragen, wie sie mich nennen soll. Wenige Wochen später wurde er hingerichtet.

Meine Mutter durfte nicht mehr arbeiten, meine Schwester wurde geärgert in der Schule. Es muss schrecklich gewesen sein. Der geliebte Ehemann und Papa war tot, und sie galten als die Familie eines 'Verräters'.

Zwei Jahre später verließ sie Iran mit meiner elfjährigen Schwester und mir, ich war fast drei. Das war gefährlich, denn anhand unserer Nachnamen war klar, zu welcher Familie wir gehören. Aber man ließ uns durch die Kontrollen am Flughafen in Teheran, und wir konnten ausreisen. Wir flogen nach Deutschland. Ursprünglich war Mamas Plan, nach Kanada weiterzureisen, wo eine Freundin lebte, aber wir bekamen keine Visa. So blieben wir in Deutschland. Freunde oder Verwandte hatten wir hier keine. Meiner Mama ging es schlecht. Sie musste viele Beruhigungsmittel nehmen, um zurechtzukommen.

Es war ein großes Glück, dass sie schnell Arbeit fand. Meine Mutter konnte Englisch. Sie ist Oberkrankenschwester und hatte für diesen Job in Iran an einer englischsprachigen Uni studiert. Dass eine junge Frau die Heimatstadt verlässt und dann irgendwo anders studiert, auch noch in einer anderen Sprache: Heutzutage ist das undenkbar in Iran. Die Menschen, die dort jetzt protestieren, wollen das ändern. Sie haben die gleichen Wünsche, Träume und Sehnsüchte nach Freiheit wie Menschen anderswo, wie Menschen hier in Deutschland. Das sind keine abgedrehten Träume: als Teenager mit Freunden und Freundinnen gemeinsam etwas unternehmen, Kaffee trinken gehen oder abends eine Party machen. Studieren und eine Arbeit finden, die einen erfüllt. Frei entscheiden. Das geht in Iran nicht. Wir sind dort um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Menschen dürfen nie herausfinden, wer sie sein wollen. Auch die Männer nicht. Die Machthaber wollen ein armes, dummes Land haben. Und das war Iran nie.

Ich telefoniere regelmäßig mit meinen Verwandten in Teheran, meinen Tanten, Cousins und Cousinen. Sie müssen sich das Internet illegal freischalten lassen, um über WhatsApp zu telefonieren, denn die Regierung hat das Internet eingeschränkt. Sie erzählen von den Schüssen, die sie hören und sehen. Sie erzählen, wie sie vor der Polizei wegrennen, wenn sie demonstrieren. Bei den Telefonaten merke ich, wie viel es meiner Familie bedeutet, dass auch in anderen Ländern, zum Beispiel in Deutschland, Menschen für die Freiheit in Iran demonstrieren. Diese Unterstützung gibt Kraft und Mut. Vor Kurzem war zum Beispiel eine riesige Demo in Berlin, Zehntausende waren dabei. Auch meine Mutter, meine Schwester und ich. Was jetzt in Iran passiert, reißt seelische Wunden bei ihnen auf. Es ist ganz wichtig für sie, die Stimme zu erheben. Ich wünsche mir, dass auch die Politik Haltung zeigt.

Die Menschen in Iran wünschen sich so sehr Veränderung. Sie sind bereit, ihr Leben dafür zu riskieren.«

Wie war es früher in Iran?

Dieses Foto zeigt jubelnde Mädchen in Iran im Jahr 1970. Sie tragen ihre unterschiedlich frisierten Haare offen und ohne Kopftuch. Das ist heutzutage nicht mehr erlaubt.

Dieses Foto zeigt jubelnde Mädchen in Iran im Jahr 1970. Sie tragen ihre unterschiedlich frisierten Haare offen und ohne Kopftuch. Das ist heutzutage nicht mehr erlaubt.

Foto: Daniele Darolle / Sygma / Getty Images

Massenproteste gab es schon einmal, vor mehr als 40 Jahren. Damals war der heutige Iran noch eine Monarchie. Der Herrscher war der Schah. Die Menschen gingen auf die Straße, um sich gegen ihn aufzulehnen. Er unterdrückte alle, die ihre Religion, den Islam, ausleben wollten oder andere politische Meinungen vertraten. Die Proteste waren erfolgreich: 1979 musste der Schah das Land verlassen. Iran erlebte eine Revolution. Doch statt Freiheit und Mitbestimmung gab es für die Menschen wieder neue strenge Regeln. Aus einem Religionsverbot wurde ein Religionszwang. Unter dem Schah war es eine Zeit lang verboten, ein Kopftuch zu tragen – heute ist es den Frauen dagegen verboten, ohne Kopftuch auf die Straße zu gehen.

*Aus Sicherheitsgründen verzichten wir darauf, unsere Gesprächspartnerinnen zu zeigen, und nennen nicht ihre richtigen Namen.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 12/22.

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