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Junge Afghanin über ihre Flucht »Das alles hat mich sehr mitgenommen«

Als die Taliban vor einem Jahr an die Macht kamen, musste die Familie von Aisha fliehen – ihr Vater hatte als Dolmetscher für die Bundeswehr gearbeitet. Hier erzählt die Elfjährige, wie es ihnen erging.
Protokoll: Marco Wedig

Weltweit sind mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht. Fast die Hälfte derer, die ihr Zuhause zurücklassen mussten, sind unter 18 Jahre alt. In der Ausgabe 08/2022 von »Dein SPIEGEL« erzählen fünf Kinder, die geflohen sind, wie es ihnen geht. Sie berichten von ihren Erlebnissen und ihren Hoffnungen. Hier spricht Aisha, 11, aus Afghanistan.

»Bis zum vorigen Sommer habe ich mit meiner Familie in der Nähe von Masar-i-Scharif gelebt. Dort war das Hauptquartier der Bundeswehr in Afghanistan. Mein Vater hat für die deutschen Soldaten als Dolmetscher gearbeitet. Im August sind die Taliban an die Macht gekommen. Alle Leute, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten, waren von da an in Gefahr.

Ich hatte Angst um meinen Vater. Er blieb erst mal in Masar-i-Scharif zurück. Meine Mutter, meine beiden kleineren Brüder und ich reisten nach Kabul, das ist die afghanische Hauptstadt. Dort kamen wir mit vielen anderen Familien in einem ›Safe House‹ unter, an einem geheimen Ort, der von Sicherheitskräften beschützt wurde. Mein Vater kam später nach.

Dein SPIEGEL: Armut und Reichtum – für Kinder erklärt
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Wir hofften, dass wir Afghanistan mit dem Flugzeug verlassen könnten. Aber der Flughafen wurde von den Taliban besetzt. Also blieben wir erst mal. Das Safe House war irgendwann nicht mehr sicher. Die Taliban durchkämmten die Häuser auf der Jagd nach Leuten, die mit der Bundeswehr zusammengearbeitet hatten. Also suchten wir uns ein anderes Versteck. Das mussten wir nach einiger Zeit aber auch wieder verlassen. Für eine Weile kamen wir in einem Keller unter. Es war kalt.

Deutschland und andere Länder schickten Flugzeuge, um Menschen aus Kabul auszufliegen. Fachleute sagen: Zu spät, denn es hätten viel mehr Menschen in Sicherheit gebracht werden können

Deutschland und andere Länder schickten Flugzeuge, um Menschen aus Kabul auszufliegen. Fachleute sagen: Zu spät, denn es hätten viel mehr Menschen in Sicherheit gebracht werden können

Foto: Marc Tessensohn / dpa

Irgendwann hieß es, wir könnten von Teheran mit dem Flugzeug nach Deutschland fliegen. Wir fuhren zwei Tage lang mit dem Auto zur iranischen Grenze. Wir mussten vorsichtig sein, weil die Taliban Straßensperren eingerichtet hatten. An der Grenze wurden Frauen und Männer getrennt. Meine Mutter und ich hatten nur noch per Handy Kontakt zu meinem Vater. Wir kamen dort in einem verlassenen Gebäude unter. Es stank. Bald konnten wir aber die Grenze zu Iran überqueren. Das alles hat mich sehr mitgenommen. Ich konnte mich in dieser Zeit nicht mehr konzentrieren.

Aishas Vater Masoud (r.) arbeitete in Afghanistan als Übersetzer für dort stationierte deutsche Soldaten. Als die Taliban an die Macht kamen, war er in Gefahr. In Deutschland ist die Familie in Sicherheit

Aishas Vater Masoud (r.) arbeitete in Afghanistan als Übersetzer für dort stationierte deutsche Soldaten. Als die Taliban an die Macht kamen, war er in Gefahr. In Deutschland ist die Familie in Sicherheit

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Zehn Tage später flogen wir nach Deutschland. Seit Februar leben wir jetzt in Hamburg. Ich fühle mich hier sicher und habe keine Angst mehr. Hier kann ich so leben und mich anziehen, wie ich will. Das war in Afghanistan nicht möglich.

Wir können erst mal drei Jahre hier bleiben. Deutsche Freunde habe ich noch nicht gefunden. In meine Klasse gehen andere geflüchtete Kinder, zum Beispiel aus der Ukraine. Wir lernen zusammen Deutsch. Ich spreche schon ganz gut, aber ich will noch besser werden. Wenn ich groß bin, will ich als Ärztin arbeiten. Meine Großmutter lebt noch in Afghanistan. Ich vermisse sie. Und mir fehlt das afghanische Essen. Aber ansonsten freue ich mich über mein neues Leben.«

Dieses Protokoll erschien in »Dein SPIEGEL« 08/2022.

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