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Junge Myanmarin über ihre Flucht »Ich habe meine Eltern sogar aufgefordert, uns zurückzuschicken«

Nach dem Putsch des myanmarischen Militärs gegen die Regierung, musste die Familie von Su Yati Phyo fliehen. Hier erzählt die 14-Jährige, wie sie nach Thailand gelangen konnten.
Protokoll: Georg Fahrion

Weltweit sind mehr als hundert Millionen Menschen auf der Flucht. Fast die Hälfte derer, die ihr Zuhause zurücklassen mussten, sind unter 18 Jahre alt. In der Ausgabe 08/2022 von »Dein SPIEGEL« erzählen fünf Kinder, die geflohen sind, wie es ihnen geht. Sie berichten von ihren Erlebnissen und ihren Hoffnungen. Hier spricht Su Yati Phyo, 14, aus Myanmar.

»Anfang 2021 hat das Militär in Myanmar gegen die Regierung geputscht. Damit hat sich für meine Familie alles verändert. Wir kommen aus Pyay, einer nicht besonders großen, aber schönen Stadt. Meine Eltern betrieben dort eine Leihbuchhandlung, in der ich oft ausgeholfen habe. Mein Vater arbeitete zudem als Journalist. Nach dem Putsch musste er untertauchen und sich vor den Soldaten verstecken, schließlich ist er nach Thailand geflüchtet.

Über Facebook Messenger hielten wir Kontakt. Einen Monat nachdem er dort angekommen war, sind wir ihm gefolgt: meine Mutter, mein Zwillingsbruder, mein zweijähriger kleiner Bruder und ich. Zunächst fuhren wir mit dem Zug nach Yangon, das ist die größte Stadt in Myanmar. Dort haben wir eine Pagode besucht, um zu beten und dem Buddha Blumen zu bringen. Im Buddhismus ist es so, dass deine Bitten wahr werden können, wenn du dich darauf fokussierst und betest. Ich habe für eine sichere Reise gebetet.

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Von Yangon sind wir mit einem Auto Richtung Thailand weitergefahren, aber um dorthin zu kommen, mussten wir durch ein Gebiet, das von Rebellen kontrolliert wird. Sie kämpfen gegen das Militär. Als wir gerade bei ihnen waren, hat das Militär sie mit Flugzeugen angegriffen und bombardiert. Wir mussten in einem Bunker Schutz suchen. Zwei Tage waren wir im Dschungel, bis wir zum Grenzfluss kamen und mit dem Boot auf die thailändische Seite übergesetzt haben, in die Stadt Mae Sot. Das war im November 2021.

In Mae Sot hat uns mein Vater begrüßt. Wir waren wieder vereint. Das ist das Wichtigste: mit der Familie zusammen zu sein. Das habe ich gelernt, als wir einen Monat lang getrennt waren.

Mein Vater hatte schon alles vorbereitet. Ein Freund hatte ihm geholfen, eine Wohnung zu besorgen. Da wohnt allerdings nicht nur meine Familie, sondern insgesamt 19 Menschen leben dort, alle sind aus Myanmar geflüchtet. Wir haben vier Zimmer; Küche und Badezimmer teilen wir uns. Meine Eltern haben inzwischen wieder Arbeit gefunden. Mein Vater ist weiterhin Journalist, meine Mutter verkauft Mohinga, das ist eine Nudelsuppe, die wir Myanmaren gern zum Frühstück essen.

In Myanmar kommt es zu schlimmen Kämpfen zwischen dem Militär und Rebellengruppen. Viele Menschen fliehen in benachbarte Länder, zum Beispiel nach Thailand.

In Myanmar kommt es zu schlimmen Kämpfen zwischen dem Militär und Rebellengruppen. Viele Menschen fliehen in benachbarte Länder, zum Beispiel nach Thailand.

Foto: Thailand Ministry of Defense / AP / picture alliance / dpa

Anfangs haben mein Zwillingsbruder und ich unsere Heimatstadt sehr vermisst. Ich habe meine Eltern sogar aufgefordert, uns zurückzuschicken. Aber inzwischen gehen wir hier zur Schule und haben neue Freunde gefunden. Als das Schuljahr losging, waren wir 19 Schülerinnen und Schüler in der Klasse, heute sind wir 44. Alle sind myanmarische Flüchtlinge wie wir. Es kommen immer mehr.

Ich bin am glücklichsten, wenn ich Musik höre und lese. Aber hier konnte ich keinen Buchladen mit myanmarischen Büchern finden. Also lade ich mir PDFs von Facebook runter, damit ich etwas zu lesen habe. Ich möchte einmal Schriftstellerin werden und Geschichten schreiben, die vom friedlichen Leben auf dem Land in Myanmar handeln.«

Dieses Protokoll erschien in »Dein SPIEGEL« 08/2022.

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